Print ja, Druck nein! Im Interview mit den Gründerinnen von Beshu Books

Antonia Schulemann und Shila Behjat über Bücher in Spielfilmlänge und Literatur, die auf unsere Bedürfnisse angepasst ist

Wer aktuell durch Berlin-Mitte spaziert, läuft hauptsächlich an geschlossenen Geschäften und dunklen Schaufenstern vorbei. Beshu Books leuchtet wacker dagegen an: Die Verlagsbuchhandlung in der Großen Hamburger Straße wurde vor eineinhalb Jahren von Antonia Schulemann und Shila Behjat gegründet und nennt sich selbst Boutique Publishing House. Die beiden Gründerinnen verkaufen direkt am Standort des Verlagshauses die eigens verlegten Bücher und sind nicht nur deswegen unabhängig vom Bestsellermarkt. Im Interview verraten uns Antonia und Shila, wie die letzten Monate für sie ausgesehen haben und wie wir gegen unsere verkürzte Aufmerksamkeitsspanne anlesen können.

Kurz nachdem ihr Anfang letzten Jahres in eure Räumlichkeiten gezogen seid, kam der Lockdown. Wie habt ihr euch in dem Moment gefühlt?

Antonia: Es war kein Schockmoment, aber uns wurde schon ein bisschen mulmig. Damals konnte ja kaum jemand die Ausmaße der Situation einschätzen. Wir haben aber an unser Konzept geglaubt und wollten auf jeden Fall fokussiert bleiben und weitermachen.

Shila: Wir sind ohne ein einziges Buch eingezogen und hatten nur unsere Idee im Kopf. Die Projekte hatten wir zwar ins Rollen gebracht, steckten aber noch mitten in der Produktionsphase. Seit Oktober haben wir Bücher im Programm und haben sie im Rahmen der Frankfurter Buchmesse immerhin digital vorstellen können. Im zweiten Lockdown waren wir daher sehr froh, offen bleiben zu dürfen.

Antonia: Es ist schön zu sehen, was wir trotz dieser Herausforderung in einem Jahr geschafft haben.

In den letzten Monaten ist die Relevanz von Buchläden nochmals deutlich geworden. Was bedeuten sie für euch?

Shila: Für viele Menschen sind Buchläden Lichtblicke. Auch für uns und unser Team ist Beshu Books ein Ort, der ganz heil und auch heilsam ist.

Antonia: Einer der schönsten Buchläden der Welt ist wahrscheinlich Shakespeare and Company in Paris, da hat mich Shila mal hingeführt. Ich liebe die Vorstellung, dass dort Leute wie Gertrude Stein ein und aus gegangen sind. Aber auch in Berlin gibt es tolle Buchläden mit modernem Konzept, etwa Ocelot oder neuerdings She Said. Es ist wunderbar, wenn ein Buchladen auch eine Kultur vermittelt. Es freut uns, zu sehen, wie zeitlos das Medium Buch ist und wie es unabhängig vom digitalen Wandel weiter funktioniert. Die Menschen konsumieren noch immer unglaublich viele Bücher!

Ihr verlegt Bücher in Spielfilmlänge – ein Beispiel dafür, wie etwas Traditionelles an die Zeit angepasst werden kann?

Shila: Unsere Publikationen haben um die 120 Seiten und lassen sich in rund 90 Minuten durchlesen. Unser Anliegen ist es, dass man es wieder schafft, ein Buch von A bis Z zu lesen. Das Lesen ist eine wichtige Übung für uns, weil es neurologische Punkte trainiert, die wir anders gar nicht mehr stimulieren können – auch nicht durch das digitale Lesen.

„Lesen ist wie ein Wellness-Programm und das Buch das passende Lifestyle-Produkt. Es muss wieder zum intellektuellen Must-have werden.“

Konsequenterweise bietet ihr also auch keine E-Books an?

Shila: Genau, das Print-Produkt ist unser absolutes Kernprodukt. 2020 war ein so hyperdigitalisiertes Jahr, dass irgendwann die Ermüdung einsetzt. Wir wollen nicht mehr alles digital machen. Drinks, Dinner und, und, und - das ist einfach too much! Statistiken zeigen, dass wir alle mittlerweile die Aufmerksamkeitsspanne von einem Goldfisch haben. Wir wollen aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen und sagen: Wir werden alle dümmer. Stattdessen wollen wir mit unseren Produkten direkt da ansetzen, wo es hakt.

Antonia: Wir haben uns sehr viel mit dem Leseverhalten beschäftigt und danach unsere Bücher entwickelt. Unser Konzept ist bisher ziemlich einmalig in Deutschland. Deswegen heißt es auch Boutique Publishing: Vieles ist bei uns maßgeschneidert.

„Boutique Publishing House“ hört sich sehr luxuriös an. Sind Bücher Luxusprodukte?

Antonia: Für uns auf jeden Fall. Lesen ist wie ein Wellness-Programm und das Buch das passende Lifestyle-Produkt. Es muss wieder zum intellektuellen Must-have werden. So wie wir Meditation und Achtsamkeit lernen, sollten wir uns auch wieder ans Lesen wagen. Boutique deswegen, weil wir Verlag und Agentur in einem sind. Wir bieten Verlagsarbeit an und verkaufen im Buchladen die von uns verlegten Bücher. Viele große Verlage haben so angefangen: Hinten wurde produziert und vorne verkauft. Das machen wir hier auch. Dazu kommt dann noch der Agentur-Gedanke.

Worin genau besteht eure Agentur-Leistung?

Shila: Wir helfen, Ideen zu entwickeln. Dazu gehört eine klassische Beratung, in der sich die Autor*innen positionieren lernen oder die eigene Zielgruppe finden. Auch bei der Vermarktung des Buches helfen wir. Ausgewählte Bücher nehmen wir dann auch in unser eigenes Verlagsprogramm auf und präsentieren sie bei uns im Geschäft. Dieses Jahr wollen wir außerdem unsere Coachings ausbauen, in denen wir uns in Einzelgesprächen drei bis vier Stunden Zeit nehmen und Fragen klären wie: Wie schreibt man denn eigentlich ein Buch? Und wie kann man das erfolgreich platzieren? Wir wissen, wie’s geht. Es ist erstaunlich, zu sehen, dass sich viele erst gar nicht trauen. Und wenn sie dann zu uns kommen, ergeben sich so viele Möglichkeiten.

Bisher bedient ihr ein breites Portfolio. Nach welchen Kriterien wählt ihr aus?

Antonia: Das kann aus Non-Fiction und Fiction alles sein. Wir fragen uns: Was trifft den Zeitgeist? Was ist wichtig, um eine Diskussion oder eine Debatte anzufeuern? Ist die Idee besonders originell? Gerne können die Manuskripte auch eine gewisse Verstörung oder einen Überraschungsmoment für die Leser*innen bereithalten. Wir versuchen bewusst, bunt zu bleiben.

Shila: Obwohl wir zwei Frauen sind, ist es uns sehr wichtig, nicht nur Content für Frauen zu machen. Wir sind angetreten, Verlegerinnen zu sein und möchten Themen mit gesellschaftlicher Relevanz behandeln. Die Inhalte sollen für alle sein. Lass uns in fünf Jahren nochmal sprechen und sehen, ob dieses Konzept aufgegangen ist.

Empfindet ihr bei Themen, die den Zeitgeist treffen sollen, auch eine gewisse Torschlusspanik? Schließlich dauert das Verlegen ja seine Zeit, oder?

Antonia: Das klassische Buchgeschäft arbeitet mit viel Vorlauf. Wir haben beide für Verlagshäuser gearbeitet, wo das Verlegen tatsächlich häufig ein sehr schleppender Prozess ist. Oft sind die Erwartungen riesig und am Ende kauft keine*r die Bücher. Wir haben uns gedacht: Das muss auch anders gehen! Wir können super dynamisch sein, innerhalb von zwei oder drei Monaten die ganze Produktion stemmen und dann in den Handel gehen. „Die Krise ist weiblich“ von Nina Stahr hat sich zum Beispiel irrsinnig schnell verkauft. Wir waren fast selbst überrascht, wie gut das funktioniert hat. Man kann sehr schnell Bücher publizieren, wenn alle an einem Strang ziehen.

Wie sieht denn so ein klassischer Tagesablauf bei euch aus?

Shila: Wir sind beide extreme Frühaufsteherinnen. In den harten Produktionszeiten unserer Bücher sind wir bewusst um 5 Uhr morgens aufgestanden – das lag aber auch am Lockdown und dem damit verbundenen Homeschooling. Die Morgenstunden waren unsere Zeit.

Antonia: Das Tolle an unserem Beruf ist die Vielseitigkeit. Vertrieb, Marketing, das Juristische, der Versand – das läuft alles über uns. Wir sind viel in Deutschland unterwegs und treffen Kund*innen, Mit-Herausgeber*innen, potenzielle und tatsächliche Publishing-Partner*innen. Außerdem sprechen wir regelmäßig via Video-Konferenz mit unserem tollen Team und den Autor*innen.

„Bücher sollen dich nicht vorwurfsvoll vom Nachttisch anschauen. Sie sollen dich zwar informieren, aber auch entlasten und ein bisschen entspannen.“

Und was lest ihr gerade privat?

Antonia: Ich lese sehr viel parallel und habe immer etwa fünf Bücher auf meinem Nachttisch liegen. Aktuell ein Buch über den Verlust der deutschen Sprache, das ist ein bisschen zäh und eignet sich sehr gut zum Einschlafen. Außerdem ein altes Buch mit Briefen von Christian Morgenstern und ein Buch über Äthiopien. Ich habe mich ein wenig abgewandt von den erfolgreich im Buchhandel platzierten Büchern. Die lese ich eher zur Marktforschung, nicht, weil sie mich persönlich ansprechen. Es ist interessant, zu beobachten, wie der Buchmarkt funktioniert: Es gibt diese enormen Überraschungserfolge, auf die niemand gesetzt hat und andersrum. Deswegen mache ich mich ziemlich unabhängig von den Trends und folge eher meinem Gefühl.

Shila: Ich lese meistens auch parallel: aktuell einen Roman und ein Sachbuch. Gerade lese ich „How Women Decide“ weil wir uns auch oft zu dem Thema Intuition und Weiblichkeit äußern müssen. Es geht darum, wie Entscheidungen von Frauen sehr viel öfter hinterfragt und kritisiert werden. Außerdem lese ich aktuell „Jackie and Maria“ über Jackie Kennedy und Maria Callas – total spannend!

Wenn euch ein Buch nicht so richtig gefällt, seid ihr Team Abbrechen oder Team Durchquälen?

Antonia: Eigentlich Durchquälen – aber letztes Jahr habe ich zwei Bücher abgebrochen, weil ich einfach nicht mit ihnen warm geworden bin.

Shila: Demnächst ist das Buch „Science of Breakup“ bei uns erhältlich. Im Vorfeld haben wir mit der Autorin Anne Freier über eine Lese-Anleitung gesprochen, in der in etwa stehen sollte: Du musst dieses Buch nicht chronologisch durchlesen. Lies es so, wie du willst. Mal dieses Kapitel und mal das. So ähnlich, wie wir es ja auch bei Sachbüchern machen.

Das klingt alles danach, als wolltet ihr den Druck aus dem Lesen nehmen?

Antonia: Wir haben alle einen strapaziösen Alltag. Man kennt das ja: Kaum hat man ein bisschen Freizeit, soll man sich entscheiden, was man machen will. Da stehen dann fünfzig Sachen in Konkurrenz zum Buch. Deswegen funktioniert es nicht mehr, zu sagen: Lies doch mal, das ist ein tolles Buch. Bücher sollen dich nicht vorwurfsvoll vom Nachttisch anschauen. Sie sollen dich zwar informieren, aber auch entlasten und ein bisschen entspannen.

Shila: Wenn man etwas ältere Bücher liest, sind die Erklärungen oft sehr kompliziert und komplex. Unsere Generation ist ziemlich gut informiert, es reicht also häufig auch, Dinge kurz und knapp darzustellen. Wir erfassen das dann schon. Wir brauchen gar nicht mehr diese verschachtelten Thomas-Mann-Sätze. Komplexe Themen können kompakt dargestellt werden. Das ist die Idee.

Danke für das spannende Interview und viel Erfolg im Jahr 2021!

 

Na, neugierig geworden? Das Angebot von Beshu Books findet ihr online oder in der Verlagsbuchhandlung in der Großen Hamburger Straße 35, 10115 Berlin. Gutes Lesen wünscht Team Beige!

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