„Die Chroniken von Na ja“ – Wie ich vor lauter Selfcare fast vereinsamte

Da habe ich das mit der Me-time wohl etwas zu ernst genommen

Ach, Leute. Was waren das damals für goldene Zeiten. Meine Eltern bezahlten meine Miete, während ich in Berlin ein endlos langes unbezahltes Praktikum beim Vice Magazine machte und im Schnitt drei Clubs pro Nacht besuchte. Als selbstständige fast Mittdreißigerin halten mich aber nicht mehr irgendwelche illegalen Drogen wach, sondern die Angst um meine Rente und der Zustand der Welt im Allgemeinen. Wer sagt, dass er*sie gerne älter wird, dem*der kaufe ich das in der Regel nicht ab. Es ist scheiße. Alles ist anstrengend, alle wollen was von dir (meistens dein Geld), statt bunter Postkarten warten im Briefkasten chlorfrei gebleichte Briefe mit Behörden- oder Bankstempeln und nach vier Gläsern Wein sieht das Gesicht am nächsten Morgen aus wie eine Couch. Genießt euer straffes Bindegewebe und Nervengerüst, solange ihr noch könnt.

Selfcare gone wrong oder: Wie ich zu viel Zen fand

In meiner letzten Kolumne habe ich euch geschildert, wie ich nach Monaten im Rage-Modus schließlich einen Weg gefunden hatte, zur Ruhe zu kommen. Und was soll ich sagen, es ist mir gelungen. Allerdings etwas zu gut. Selfcare ist für viele eine leere Worthülse. Ich finde das Wort klasse, denn ich finde das, was es beschreibt klasse: Egoismus mit gutem Gewissen und spirituellem Segen. Selfcare ist die altruistische Version von me first – außerdem klingt es auch viel wohlwollender. Denn von dieser Selfcare und das weiß jede*r, profitiert am Ende auch das Umfeld.

Klar, meine Probleme hatten sich nicht in Luft aufgelöst, aber ich hatte plötzlich einen Weg gefunden, sie besser zu verarbeiten und anzugehen. Kommunikation mit Marie, wenn ich mir für Beige zu viel vorgenommen hatte. Ehrliche Worte in Richtung meines Freundes, wenn ich mich gerne an Abenden lieber meiner Arbeit widmen wollte. Abgesagte Jobs, wenn ich trotz guten Budgets ein ungutes Gefühl bei der Sache hatte. Und nun: abgesagte Verpflichtungen, wenn mir eher nach Ruhe war. Vielleicht war es auch ein wenig fatal, dass mein Freund diesen Sommer gerade an den Wochenenden auf gefühlt allen Festivals Deutschlands unterwegs war. Denn so hatte ich die heiligen zwei Tage für mich allein. Und da ich gelernt hatte, dass ich, um zur Ruhe zu kommen, mich am besten mit mir selbst umgebe, tat ich es mit Gusto. Ich sagte eigentlich fast jede Anfrage für ein Treffen ab. Ich habe tatsächlich noch nicht mal gelogen, sondern immer wahrheitsgemäß meine Unlust kundgetan. Eine Weile ging das gut und ich fühlte mich eins mit mir und meiner Arbeit. Bis ich eines Abends, als ich mich doch mal hinaus in eine Bar im Kiez wagte, etwas Erschreckendes feststellte: Ich benahm mich komisch und war überfordert. Von den Menschen und dem Lärm, dauernd schaute ich auf die Uhr, um zu gucken, ob es nicht vielleicht Zeit war, ins Bett zu gehen.

Ich war wie Tom Hanks aka Chuck Noland in „Cast Away“ (nur mit iPhone): Martha war mein Wilson und meine Wohnung und mein Kiez meine Südseeinsel. Ich hatte mich komisch ge-zent.

Wie geht das mit den anderen Menschen nochmal?

Lustigerweise besteht mein Job nach wie vor zu ungefähr 99 Prozent aus Kommunikation. Aber eben digital. Sogar meinen freien Job in einer Kreuzberger Agentur mit rund 40 Arbeitskolleg*innen konnte ich immer mehr oder weniger ohne großartige Gespräche und soziales Engagement bestreiten, wenn mir nicht danach war. Kopfhörer auf und ran ans Werk. Ja und jetzt die Bar und ich und meine Akwardness ... toll. Wie komme ich aus der Nummer nun wieder raus?

Die ersten Male murmelte ich etwas von Hund rauslassen und früh raus und so und sah zu, dass ich Land gewann. Die, die damals um zwei Uhr nachts erst das Haus Richtung Party verlassen hatte, war nun die, die spätestens um zwei Uhr nachts das Handtuch warf. Tagsüber wieselte ich linkisch durch den Supermarkt und plötzlich war dieses Alleinsein gar nicht mehr so cool und zen. Zur kompletten Nolandisierung fehlten mir eigentlich nur noch der Vollbart und wirre Selbstgespräche. Doch so weit wollte ich es nicht kommen lassen. Ich war immer die gewesen, die nach einem Abend in der Kneipe direkt vier neue beste Freund*innen hatte und generell eher Sorte Pferde stehlen. Ich erinnere mich an die Worte meiner schwedischen Mitbewohnerin in Düsseldorf: „Lisa, you rock!". Jetzt war ich eher die geworden, die die Pferde lieber streichelte, während sie die Mähne flocht. No more rock'n'roll. So schnell kann es also gehen.

Meine Therapie war radikal, schließlich währt der Sommer nicht ewig und ich wollte nicht mit 33 schon ein langweiliger einsamer Furz sein. Das mit dem nicht mehr Rock'n'Roll war ok, aber da ist eine Zone zwischen Partyanimal und Eremit, die ich gern wieder für mich entdecken wollte. An dieser Stelle kurz der Hinweis, dass ich natürlich nur für mich spreche und niemandem seine oder ihre Introvertiertheit absprechen oder darüber urteilen möchte. Ich weiß eben aber, dass ich tief in meinem Innern so nicht bin.

Diese Mitte zwischen Partyanimal und Eremit

Wie findet man die? Indem man viel unterwegs ist, sich verabredet, Gesprächen und auch Smalltalk nicht aus dem Weg geht und Neues ausprobiert. Ich machte Yoga auf einem Boot in der Rummelsburger Bucht, versackte in einer Weinbar, obwohl ich einen Ruhigen schieben wollte, fuhr in die Natur, grillte auf dem Tempelhofer Feld und ließ mir bei Wegen mit Absicht viel Zeit. Einfach, um das In-Gesellschaft-Sein wieder genießen zu lernen. Höhepunkt meiner Eigentherapie war ein spontaner Besuch im Birgit und Bier, das ist ein verwirrender Technoclub, der aussieht wie die Reinkarnation der Bar25 (wer sie noch kennt). Das verlangte mir wirklich etwas Überwindung ab, ich habs nicht so mit Menschenmassen ... nicht mehr.

Aber es ist ok. Vielleicht habe ich gerade auch eine Quarterlife-Crisis und all diese Stationen sind ein Teil davon? Vielleicht häute ich mich gerade auch innerlich wie eine Schlange und betrete die nächste Stufe des Erwachsenwerdens? Vielleicht denke ich aber Dinge auch einfach tot und könnte mal öfter wieder locker durch die Hose atmen. Was auch immer kommt, ich habe gelernt, dass Schritt eins ist, in sich hineinzuhören und durch innere Kommunikation Ursache und Lösung für ein Problem zu finden. Schritt zwei ist nicht wiederum in ein Extrem zu fallen und im Zweifel auch Veränderung zu akzeptieren. Ich habe allein in den letzten fünf Jahren so viel gelernt, das mein Sein und mein Denken so nachhaltig beeinflusst hat, dass es seltsam wäre, wenn ich mich dadurch nicht verändert hätte.

Man redet ja immer davon, dass Menschen sich ändern und man immer Kompromisse eingehen muss für ein friedliches Miteinander. Genauso kann man bei sich selbst aber auch nicht krampfhaft gegen die Veränderung kämpfen und muss jeden Tag einen inneren Kompromiss mit sich finden – und sei es mal „nur“ der zwischen Partyanimal und Eremit.

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