DienstArt – Die Kunstkolumne: Klimasünde Kunst?

Kunst und Klimaschutz - ein Widerspruch? Warum die Debatte um Nachhaltigkeit nun auch den Kunstbetrieb erreicht

Wer letztes Jahr die 58. Biennale in Venedig besucht hat, dem bot sich ein absurdes Schauspiel: Während tausende Besucher*innen, Kunstexpert*innen und Tourist*innen die zahlreichen Winkel der Internationalen Kunstausstellung erkundeten, versank die Stadt langsam im steigenden Hochwasser. 2019 waren sowohl die Menschen- als auch die Wassermassen in der italienischen Lagunenstadt rekordverdächtig und nicht nur die Biennale musste wegen „Acqua alta“ kurzzeitig den Betrieb einstellen. 

Den Goldenen Löwen der Biennale gewann übrigens der litauische Pavillon mit einer Performance, die ausgerechnet den Klimawandel thematisiert. Im Strandszenario des Werkes „Sun & Sea (Marina)“ besangen die drei Künstlerinnen das Artensterben, das durch übermäßiges Reisen und blindwütigen Konsum beschleunigt wird. Doch die Künstler*innen sind nicht das Problem: Seit Jahrzehnten thematisieren oder kritisieren unzählige Kunstwerke den Klimawandel oder die Klimapolitik. Schon in den 1980er-Jahren pflanzte Beuys in Kassel Bäume, um den städtischen Raum nachhaltig zu verschönern und nannte diese Landschaftsintervention „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Tomás Saraceno forscht in seinem Berliner Büro mit Wissenschaftler*innen vieler Fachrichtungen seit Jahren an nachhaltigen Zukunftsideen und versucht sich an CO2-neutralen Ausstellungskonzepten. In Tezi Gabunias Installation „Breaking News: The Flooding of The Louvre“ füllt sich ein Miniaturnachbau des bekanntesten Museums der Welt langsam mit Wasser. 

Diese Künstler*innen sind nur ein winziger Bruchteil derjenigen, die sich für ein Umdenken in Klimafragen engagieren. Aber sie allein reichen nicht: Auch die Personen in Machtpositionen und ihre jeweiligen Institutionen müssen mitziehen. 
In der Praxis von Museums- und Galeriealltag bewegt sich jedoch noch nicht genug. Der ökologische Fußabdruck im Kunstbetrieb, beispielsweise durch das Bespielen eines Pavillons auf der Biennale, ist riesig. Hinzu kommen Messen, Auf- und Abbau von Ausstellungen, Kunsttransporte und nicht recyclebares Verpackungsmaterial. Wer als internationale Galerie mitmischen will, führt ein Nomadenleben auf Messen: Von der Art Basel zur Istanbul Biennale und von dort aus zur Art Miami. Die Kulturjournalist*innen zuckeln hinterher, berichten live von der documenta oder aus dem neu eröffneten MoMa in New York.

In Museen verbrauchen optimale Klimatisierung, Heizung und Beleuchtung Unmengen an Energie. Eine wichtige Rolle spielen auch das Abfallmanagement, Neu- oder Umbauten sowie Material- und Produktwahl beim Ausstellungsaufbau. Aber vor allem Transporte und Leihverkehr fallen schwer ins Gewicht. Als Leihgaben für internationale Ausstellungen werden Kunstwerke per LKW, Schiff oder Flugzeug um die ganze Welt geschickt. In Galerien ist das Alltag: Einige Objekte tingeln von Messe zu Messe und sind dadurch große Teile des Jahres auf Reisen.

Was ist bisher passiert?

Zumindest in Ansätzen kann man von einer Bewegung sprechen: Auf dem Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung 2002 in Johannesburg wurde das „Tutzinger Manifest“ vorgelegt. Darin fordern die Initiator*innen die gleichberechtigte Integration von Kunst und Kultur in das Konzept Nachhaltige Entwicklung. Auch bei der Konferenz „Sustainable Mozart“ 2006 ging es um die Rolle von Klimaschutz in der Kunst. Oft werden in diesen Verhandlungen allerdings lediglich Inhalte diskutiert und die Rahmenbedingungen ignoriert. Künstlerische Kritik am Klimawandel in vollklimatisierten Messehallen zu präsentieren ist wie wiederverwendbare Bienenwachstücher in Plastikverpackung zu verkaufen. Es reicht nicht, die Verantwortung auf die Kunst abzuwälzen: Die Institutionen müssen den ersten Schritt machen und mit gutem Beispiel vorangehen.

So geschehen bei der Kulturstiftung des Bundes, die sich einem Umweltprogramm verschrieben hat, das sie zur Kontrolle und Verbesserung ihrer Umweltpolitik verpflichtet. 2012 wurde der Stiftung das EMAS-Zertifikat für ökologische Wirtschaft verliehen. Das Zertifikat gilt als Auszeichnung für Organisationen, die freiwillig die strengen Voraussetzungen der EG-Öko-Audit-Verordnung erfüllen. EMAS (Abk. für: Eco-Management and Audit Scheme) wurde von der Europäischen Union entwickelt und verpflichtet die teilnehmenden Einrichtungen, sich einer regelmäßigen Umweltkontrolle zu unterziehen. Die Kulturstiftung des Bundes ist zum Beispiel für die Ausrichtung der Berlin Biennale oder der documenta verantwortlich. Hier könnt ihr prüfen, wer noch so dabei ist. 

2019 haben einige deutsche Kulturinstitutionen in einem offenen Brief an Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, einen „Green New Deal“ für Museen gefordert. Beim sogenannten „Green New Deal“ handelt es sich ursprünglich um eine Vereinbarung, die in der Wirtschaft nachhaltige Industrien fördern und den Klimawandel bremsen will. Dieses Konzept wollen die Unterzeichner*innen nun auch auf die deutsche Kulturpolitik übertragen. Da viele Einrichtungen unter staatlicher Verwaltung stehen, hängt ihre klimapolitische Ausrichtung von der Politik ab. Künstler*innen wie Monica Bonvicini und Tomás Saraceno, sowie Direktor*innen der Berlinischen Galerie, dem Museum Ludwig und vieler weiterer deutscher Museen beteiligten sich an dem offenen Brief. Insgesamt 26 namhafte Personen aus dem Kunstbetrieb haben unterschrieben. So sollen konkrete Ziele formuliert werden und Maßnahmen für einen nachhaltigeren Kunstbetrieb erarbeitet werden. Wer mehr zu dem Thema erfahren möchte, dem kann ich den Podcast von Monopol und detector.fm zum Thema „Kunst und Klima“ wärmstens ans Herz legen. 

Doch damit nicht genug: Die Londoner Tate-Museen haben im vergangenen Jahr den Klimanotstand ausgerufen und Ziele vorgestellt, die die CO2-Bilanz der Häuser senken sollen. Zudem hat das Arts Council England die Umweltinitiative „Spotlight“ initiiert, in der sich 30 britische Kulturinstitutionen öffentlich dazu verpflichtet haben, ihren CO2-Ausstoß bis 2023 deutlich zu minimieren. Sollten diese Klimaziele nicht eingehalten werden, drohen ihnen Budget-Kürzungen durch die Organisation.

Was muss noch passieren?

Dass öffentliche Einrichtungen häufig auf Sponsoren angewiesen sind, ist kein Geheimnis. Wer eine glaubwürdige Klimastrategie durchsetzen will, sollte seine Geldquellen gezielt auswählen und auf Kooperationen mit fragwürdigen Unternehmen verzichten. Denn die Glaubwürdigkeit geht schnell flöten, wenn ein weltbekanntes Mineralölunternehmen fleißig in ein Museum investiert, das sich gegen menschengemachten Klimawandel ausspricht.

Ein Umdenken findet zumindest in Ansätzen statt: Umwelt-Zertifikate, Maßnahmen und Sanktionen zeigen, dass erste Schritte in die richtige Richtung gegangen werden. Besonders bei staatlichen Einrichtungen ist der Rückhalt der Politik aber unbedingt notwendig. Daher sollte gerade sie mit gutem Beispiel vorangehen und eine konsequente Klimastrategie fahren.

Unabhängig davon muss die gängige Museumspraxis hinterfragt werden: Muss ein Kunstwerk im Original erfahren werden? Braucht es das persönliche Erlebnis oder gibt es mögliche Alternativen? Ist eventuell eine Abkehr vom Original möglich oder sogar notwendig? Das Recycling von Verpackungs- und Ausstellungsmaterial wäre nicht nur eine ökologische, sondern auch eine finanziell vorteilhafte Maßnahme. 

So wie Kunst unsere Gesellschaft, unser Denken und unsere Kultur prägt, so kann sie auch Vorbildfunktion haben. Eine klimakritische Performance in einer versinkenden Stadt auszuzeichnen, bewahrt Venedig jedoch leider nicht vor dem Untergang. Hoffen wir, dass nicht erst der Louvre unter Wasser stehen muss, um große Institutionen zum Umdenken zu bewegen.

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    Tezi Gabunia, Breaking News: The Flooding of The Louvre. Copyright: Tezi Gabunian, Courtesy of Galerie Kornfeld

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