DienstArt – Die Kunstkolumne: Fäkalien auf Leinwand

Über menschliche Endprodukte in der modernen und zeitgenössischen Kunst

Ein guter Freund offenbarte mir vor einigen Wochen, dass er die DienstArt regelmäßig auf der Toilette lesen würde. Da wir angeblich knapp ein halbes Jahr unseres Lebens auf dem Klo verbringen, habe ich mich über sein Geständnis außerordentlich gefreut. So hat er schließlich auch in Zukunft genug Zeit, all meine Kolumnen rauf und runter zu lesen. Außerdem hat man auf dem Lokus (im besten Fall) seine Ruhe und ist besonders aufnahmefähig.

Anders als man vermuten mag, ist die Toilette jedoch keineswegs der Privatheit vorbehalten. Das angeblich so „stille Örtchen“ wandelte erst letzten Monat sehr populär durch die Medien und plötzlich ging es dort gar nicht mehr so ruhig zu. Ein Kunstraub der besonderen Art war tagelang Anlass für wundgeschriebene Redaktionsfinger, wilde Spekulationen und letztendlich auch für diese Kolumne. Denn WCs und die darin befindlichen Fäkalien spielen in der Kunst tatsächlich keine unerhebliche Rolle.

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Aber der Reihe nach. Der Grund für die mediale Aufregung war eine goldene Toilette mit dem vielsagenden Namen „America“, kreiert von dem italienischen Künstler Maurizio Cattelan. Mitte September wurde das Kunstwerk aus 18-karätigem Gold aus dem Blenheim Palace im britischen Oxfordshire gestohlen. Erst letztes Jahr machte das Klo Schlagzeilen, als das Guggenheim Museum, in dem sich das Kunstwerk zu der Zeit befand, dem US-Präsidenten Donald Trump statt des gewünschten van Gogh den güldenen Abort als Leihgabe anbot. Ein guter Weg, sich politisch zu positionieren und es sich redlich mit dem Präsidenten zu verscherzen. Seit Anfang September befand sich das voll funktionstüchtige WC Cattelans im Blenheim Palace, wo es von Besucher*innen benutzt werden konnte. Einzige Auflage: Das Klo durfte lediglich einzeln und höchstens drei Minuten lang frequentiert werden. Nachdem der Kunstraub öffentlich gemacht wurde, vermuteten viele einen Hoax, ähnlich dem selbstzerstörerischen Werk von Banksy. Cattelan bestreitet jedoch die Vorwürfe, er sei selbst an der Entführung seines Werks beteiligt. Bis zur Entstehung dieser Kolumne gab es keine neuen Anhaltspunkte zum Verbleib der Toilette.

Spätestens jetzt dürfte sich bei einigen Leser*innen die Frage einstellen: Wieso wird ein goldenes Klo überhaupt als Kunst bezeichnet? Nun, um diese Frage zu beantworten, müssen wir in der Kunstgeschichte einige Jahre zurückgehen.

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Aufschrei! Skandal! Wie kann eine Toilette Kunst sein?

Knapp einhundert Jahre vor der Entstehung von America, nämlich 1917, ist die wohl bekannteste Toilette der Kunstgeschichte entstanden: Das Urinal Fountain von Marcel Duchamp. Dabei handelte es sich tatsächlich lediglich um eine stinknormale Toilette, die Duchamp bei der Jahresausstellung der New Yorker Society of Independent Artists einreichte. Da er selbst in der Jury saß, benutzte er als Signatur das Pseudonym R.Mutt. Aufgrund der vermeintlichen Banalität und Anstößigkeit entschied sich die Society, das Werk nicht zur Ausstellung zuzulassen. Was folgte, waren ein beachtlicher Skandal und eine Debatte um den Kunstbegriff als solchen. Duchamp entlarvte, ob gewollt oder ungewollt, die alteingesessene, verstaubte Society. Fountain wird zu den sogenannten Readymades gezählt, die eine Erfindung Duchamps waren. Er erklärte Objekte zu Kunst, die ursprünglich Alltagsgegenstände oder Abfall waren und kaum oder gar nicht von ihm verändert wurden. Die Kernaussage, die sich dahinter verbarg, lautete: Selbst ein Klo kann Kunst sein, wenn ich es zu Kunst erkläre!

Wer jetzt den Eindruck bekommen hat, männliches Rumgepimmel und Toilettenkunst würden Hand in Hand gehen, irrt zum Glück: Die zeitgenössische Künstlerin Illma Gore beispielsweise konstruierte eine Toilette aus 24 Louis Vuitton Taschen und nannte das fertige Kunstwerk passenderweise Loo-uis Vuitton. Bei Judy Chicagos Projekt Womanhouse ist das WC Kulisse einer überbordenden Fülle gebrauchter Menstruationsprodukte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist klar: Das Klo als Kunstobjekt ist keine Seltenheit. Aber es geht immer noch ein bisschen expliziter.

Exkremente galore!

„Das 20. Jahrhundert kann ohne Probleme als anale Phase der Kunstgeschichte bezeichnet werden. Es wurde sich ausgiebig mit Scheiße beschäftigt.“

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Keine Brotdose, sondern eine Kotdose (den kleinen aber feinen Unterschied sollte man stets beachten) stellte der italienische Künstler Piero Manzoni her, als er 1961 neunzig Dosen mit seinen eigenen Fäkalien füllte, sie geruchsdicht verschloss und als Merda d’Artista (Künstlerscheiße) präsentierte. Gesammelten Darminhalt präsentierte in den 1990er Jahren auch Marc Quinn, der seinen Kot in nach seinem Abbild modellierte Köpfe füllte und die daraus entstandenen Objekte schlicht Shit Heads nannte. Einen dieser Köpfe kann man übrigens im Berliner Hamburger Bahnhof betrachten. Quinn war besonders fasziniert von der Vergänglichkeit und der Veränderung, der dieses körpereigene Material unterlag, und stellte neben seinen Köpfen auch einige Shit Paintings her.

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Urin wird zwar schon seit Jahrhunderten zur Farbherstellung und zum Bleichen verwendet, eine aktive Rolle in der Kunst spielt aber auch er erst seit dem 20. Jahrhundert. Andy Warhol verätzte auf seinen Oxidation Paintings Kupferplatten mit Urin von unterschiedlichen Personen aus seinem Umfeld. Die Oxidation auf den Platten sorgte für beachtenswerte Effekte. Eigentlich ganz hübsch, oder?

Beim Wasserlassen entstanden auch die sogenannten Piss Flowers von Helen Chadwick. Die Künstlerin pinkelte in den Schnee und ließ die dabei entstandenen Abdrücke in Bronze gießen. Die fertigen Plastiken ähneln blühenden Blumen, was den vermeintlichen Widerspruch zwischen Ekel und Schönheit verstärkt.

Und dann gibt es natürlich noch den bloßen Akt des Urinierens, der hauptsächlich in der Performance-Kunst eine Rolle spielt. Die baskische Künstlerin Itziar Okariz zum Beispiel pinkelt in der Öffentlichkeit und steht dabei immer in der gleichen, aufrechten Pose. Auf diese Weise provoziert sie Irritation, hinterfragt aber gleichzeitig soziale Normen und Geschlechterrollen. In diesem Fall ist also weniger das Produkt als vielmehr der Akt von Bedeutung.

Bis heute sind Fäkalien kein seltenes Thema oder Material im künstlerischen Schaffensprozess, auch wenn ihre Wirkung nicht mehr so skandalös ist wie vor 100 Jahren. Wim Delvoye baute zum Beispiel eine Maschine, die den menschlichen Verdauungsprozess nachahmt und Paul McCarthy installierte einen gigantischen, aufblasbaren Kothaufen. Mit dem Kunstwerk Pissed protestiert der Transgender-Künstler Cassils gegen Donald Trump. Auslöser war ein vom aktuellen US-Präsidenten rückgängig gemachter Beschluss Barack Obamas, der es Transgenderpersonen erlaubte, die Toilette ihrer gewählten Identität zu benutzen. Dazu sammelte Cassils mehr als 750 Liter seines Urins, den er seit 2017 abgefüllt hatte. Das Kunstwerk steht also in direkter Verbindung zum Knackpunkt, erregt Aufmerksamkeit und schreit im wahrsten Sinne des Wortes: „I am PISSED“.

Woher kommt die Faszination für menschliche Endprodukte?

Zuerst ist es natürlich wichtig, zwischen dem Akt (urinieren), dem Ort (Klo) und dem Produkt (Urin) zu unterscheiden. Über einen Kamm scheren lässt sich da prinzipiell wenig und meistens kommt es auf den Einzelfall an.

Allgemein kann man aber sagen, dass sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, für die Kunstwelt einiges änderte: Wie bisher weitermachen war nicht möglich und so suchten die Künstler*innen nach alternativen Mitteln, das Erlebte zum Ausdruck zu bringen und sich zu positionieren. Mit bisherigen Traditionen sollte gebrochen werden und so experimentierte man mit teils radikalen Ausdrucksformen und Materialien. Performance, Veränderlichkeit, Prozess – das alles waren neue Tendenzen, denen sich gewidmet wurde. Da auch die Körperlichkeit andersartig interpretiert werden wollte, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Ausscheidungen auf den Tisch, oder besser auf die Leinwand, kamen.

Neben dem bloßen Experimentieren stand seit Duchamp auch stets die Frage nach dem Kunstbegriff im Raum. Im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kunstmarkt oder –betrieb zu scheißen wird am deutlichsten, wenn der Darminhalt involviert ist. Gleichzeitig ist alles, was mit Fäkalien in Berührung kommt, mit Ekel behaftet und so ist ein gigantischer Scheißhaufen oder eine goldene Toilette eben immer auch eine Kriegserklärung. Wahlweise an die Politik, den Kapitalismus oder an die Kunstwelt.

Skurriles und Ekliges kriegt schnelle Aufmerksamkeit und das ist für Künstler*innen natürlich von Vorteil. Auch Maurizio Cattelan hat der Trubel um „America“ wieder einmal in die Karten gespielt. Erneut standen Künstler und Werk im medialen Mittelpunkt und das sicher nicht zum letzten Mal. Davon abgesehen werden neben allem „Pfui Bäh“, das den hier gezeigten Kunstwerken anhaftet, durchaus auch gesellschaftskritische Aspekte behandelt: Es wird mit Normen gebrochen, Ungleichgewicht und Missstände werden verdeutlicht. Tabuisierte Themen auszusprechen ist die Aufgabe der Kunst und die wird hier ohne Frage erfüllt.

Wenn ihr euch also auch gerade auf dem Töpfchen befindet, denkt doch mal über eure eigene künstlerische Karriere und mögliche Nebenverdienste nach. Frei nach dem Motto „Everyone is an artist“.

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