DienstArt – Die Kunstkolumne: Mütter, malt! Malt Mütter!

Über Eindimensionalität von Mutterschaft in der Kunst

Disclaimer: Am vergangenen Wochenende war Muttertag – eine Kunstkolumne über Mutterschaft in der Kunst erschien mir aus diesem Grund sehr passend. Mir ist klar, dass dieses Thema für viele Menschen ein schwieriges ist: Weil Mütter (oder Kinder) fehlen, die Beziehung zu ihnen komplex und kompliziert sein kann und aus vielen weiteren Gründen. Auch das Thema Schwangerschaft kann für manche Personen einen Trigger darstellen, zumal es bei Weitem nicht nur Mütter betrifft. Falls euch diese Dinge nahe gehen, ist der folgende Artikel mit Vorsicht zu genießen. Solltet ihr dahingehend Hilfe benötigen, wendet euch zum Beispiel an die Telefonseelsorge.

Kinder und künstlerische Karriere – eine Unvereinbarkeit?

Es gibt ein Zitat von Marina Abramović, in dem die Performance-Künstlerin über ihre Karriere und den Umstand spricht, kinderlos zu sein. Nachkommen, so die Künstlerin, wären für ihre Arbeit ein „Desaster“ gewesen. Sie sei froh, ihre komplette Energie auf ihre Karriere fokussieren zu können. Mit dieser Aussage steht sie nicht allein da. Auch Künstlerinnen wie Meret Oppenheim und Judy Chicago haben sich zeitlebens gegen die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere ausgesprochen. Cindy Sherman, Yayoi Kusama, Mona Hatoum – es ist auffällig, dass weltweit erfolgreiche Künstlerinnen selten Mütter sind. Noch auffälliger ist, dass das Thema Mutterschaft auch bei Künstlerinnen mit Kindern wenig thematisiert wird. Natürlich sollte jeder Frau frei gestellt sein, ob sie Mutter sein möchte oder nicht. Und auch, ob sie ihre Kinder in den Mittelpunkt ihrer kreativen Arbeit rücken will. In der Kunst ist es jedoch wie in jedem anderen Beruf: Mütter sind unterrepräsentiert. Warum muss es heißen „Kind oder Karriere“? Und wieso spiegelt sich ein so wichtiges Thema kaum in der Kunst wider? Pünktlich zum Muttertag werfen wir heute einen kritischen Blick auf Mutterschaft in der Kunstgeschichte. 

Reist man in der europäischen Kunstgeschichte zurück, trifft man relativ früh auf eine Mutterfigur – und was für eine. Als Sinnbild der absoluten Übermutter fand und findet man Marienbilder in jedem katholischen Kirchenraum. Die Rolle, die sie jahrhundertelang einnahm, blieb mehr oder weniger unverändert: Liebevoll und aufopferungsvoll kümmerte sie sich um ihren Sohn und alle Gläubigen. Die Darstellung ähnelte sich in den meisten Fällen: Maria stillt ihr Baby, Maria hält ihr Baby, Maria beweint ihren toten Sohn. Hinzu kam, dass sie als vollkommen „rein“ angesehen wurde, da sie (angeblich) ohne geschlechtlichen Verkehr zur Mutter wurde. Alle Frauen, die in die Fußstapfen dieser Idealisierung treten mussten, hatten es also dementsprechend schwer. 

Als Gemälde nicht mehr nur in Kirchen zu sehen waren und auch höfische Familien porträtiert wurden, fanden auch adlige Frauen ihren Weg auf die Leinwand. In feinste Roben gekleidet saßen sie im Kreise ihrer Nachkommen und lächelten mild – von Stress keine Spur. Kindermädchen fanden übrigens nur selten einen Platz auf dem Gemälde, und das, obwohl sie in gut betuchten Kreisen meistens für die Erziehung zuständig waren. Familienporträts sollten repräsentative Zwecke erfüllen und daher statt rotznäsiger Kleinkinder oder verweinter Mutteraugen pures Familienidyll zeigen. „Wie eindimensional!“, könntet ihr jetzt rufen – und damit hättet ihr absolut recht. 

Auch für die nordamerikanische Malerin Mary Cassatt waren Mutter-Kind-Beziehungen ein wichtiges Motiv. Dutzende ihrer Bilder zeigen familiäre Szenen: Morgens im Bett, beim Spielen oder im heimischen Garten bei der Obsternte. Statt steifer Familienporträts verkörpern die dargestellten Szenen Häuslichkeit und Gemütlichkeit und lassen auf liebevolle Bindungen schließen. Versteht mich nicht falsch, mein Problem mit diesen Bildern ist nicht, dass sie scheinbar perfekte Beziehungen zeigen. Wärme und Nähe sind ein wichtiger Aspekt vieler Mutter-Kind-Verhältnisse und Mary Cassats Bilder transportieren diese Eigenschaften ganz wunderbar. Dennoch wird lediglich ein einziger Aspekt von Mutterschaft abgebildet, während Facetten wie Zweifel, Ängste, vielleicht auch Einsamkeit oder Sorgen dabei einfach untergehen. Aus dieser fehlenden Thematisierung entsteht ein Narrativ, das die Realität nicht in ihrer ganzen Vielschichtigkeit abbildet. 

Wir brauchen mehr Ambivalenz!

Ich gebe euch mal ein Beispiel: Ganz konträr zu den bisher gesehenen Werken steht das „Votivbild (Würgeengel)“ der Künstlerin Meret Oppenheim. Ein Votivbild ist eigentlich eine religiöse Darstellung, die mit einem Wunsch belegt und dann am eigenen Leib getragen wird. Der oder die Träger*in erhofft sich von diesem Aberglauben, dass der gehegte Wunsch in Erfüllung geht. Nun ja, auch Meret Oppenheim hat ihr Votivbild mit einer Bitte versehen: Ihr Würgeengel war ein Talisman, der sie vor einer Schwangerschaft beschützen sollte. Die Darstellung zeigt eine Frau, die ein Kind hält, aus dessen Hals Blut auf den Boden strömt. Ihrer eigenen Aussage nach wollte Oppenheim ihr Leben statt einem Kind lieber der Kunst opfern. Als sie das Bild 1931 malte, war sie übrigens erst 18 Jahre alt. Die abschreckende Darstellung zeigt in ihrer Grausamkeit,  wie sehr die Künstlerin die Rolle ablehnte, die man ihr auferlegt hatte. 

Meret Oppenheim, Votivbild (Würgeengel), 1931, Privatsammlung © VBK, Wien, 2013

Ähnlich ambivalent ist das Werk „Maman“ von Louise Bourgeois. Mit neun Metern Höhe ist die „Mutter“ die größte aller Spinnen, die Louise Bourgeois erschaffen hat. Obwohl die Darstellung laut Aussage der Künstlerin eine Hommage an ihre eigene Mutter sein soll, sehen viele Betrachter*innen das achtbeinige Tier sicher in einem weniger positiven Licht. Menschen mit panischer Angst vor Spinnen assoziieren wohl eher ein bedrohliches Kindheitstrauma oder eine grausame Mutterfigur. Für Bourgeois hingegen ist das arachnide Muttertier Sinnbild einer sorgfältigen, hingebungsvollen Arbeiterin. Eine so mehrdeutige Darstellung lässt großen Spielraum für Interpretationen und zeigt, wie wenig geradlinig die Mutterrolle eigentlich ist.

Louise Bourgeois, Maman, 1999. Wikimedia Commons: BY-SA 4.0

Eine Fülle unterschiedlicher Perspektiven vereint auch das so genannte „Birth Project“ der Künstlerin Judy Chicago, das zwischen 1980 und 1985 entstand. Mithilfe von über 150 Näherinnen arbeitete Chicago an einer Vielzahl Textilien, Gemälde und Zeichnungen, die sich um das Thema Geburt und Mutterschaft drehen. Chicago, die selbst keine Kinder hat, wollte mit der Arbeit die Kreativität, Stärke und Produktivität von Frauen feiern, die Kinder gebären oder geboren haben. Neben Schmerz und Verletzlichkeit waren auch Aspekte wie Erotik und Schönheit Inspiration für die beeindruckenden Werke.

Judy Chicago, Birth/Tear, 1982

Senga Nengudis abstrakte Skulpturen erinnern nicht ohne Grund an elastische Gliedmaßen. Die mit Sand gefüllten Nylonstrumpfhosen, die in alle Richtungen gedehnt werden, wirken schwer und leicht zugleich und erstaunen durch ihre Biegsamkeit. Ihre eigenen Schwangerschaften und die damit einhergehenden Veränderungen waren für Nengudi ein wichtiger Einfluss: „Ich war fasziniert davon, wie sich der Körper während der Schwangerschaft manchmal bis zur Unkenntlichkeit verändert“, sagt sie, „Dein Körper ist so belastbar und springt danach einfach wieder in Form – na ja, so ziemlich.“ Aber auch die Elastizität der Psyche während dieser Zeit war für die Künstlerin eine wichtige Inspiration für ihre flexiblen Skulpturen.

Die Videoarbeit „Sugar and Salt“ von Lerato Shadi berührt mich persönlich sehr, da sie die vielschichtige Beziehung zwischen  Mutter und Tochter aus einer ungewohnten Perspektive zeigt: Beide Generationen sind erwachsen und kommunizieren auf Augenhöhe. Gegenseitig lecken sich Mutter und Tochter Zucker und Salz von der Zunge, ohne vorher zu wissen, um welchen Geschmack es sich handelt. Humor, Nähe, Intimität, Akzeptanz und Verlegenheit beider Frauen spiegeln sich in den filmischen Sequenzen wider und verdeutlichen die vielfältigen Facetten familiärer Bindungen. 

Wer sagt eigentlich, das ungeschönt nicht auch schön ist? Die niederländische Fotografin Rineke Dijkstra beweist in ihrer Serie „New Mothers“ genau das: Die Fotos zeigen Mütter kurz nach der Geburt ihrer Kinder. Abgekämpft, mit runden Bäuchen und unverklärtem Blick. Es sind starke Aufnahmen, die die Intensität von Geburten und ihren Folgen erkennbar machen. 

Rineke Dijkstra, New Mothers, 1994

Die Mutter als Politikum

Natürlich zählen auch Schwangerschaftsabbrüche oder Fehlgeburten zum Thema Mutterschaft. Vor einiger Zeit habe ich hier darüber geschrieben, wie wenig Abtreibungen bis heute in der Kunst behandelt werden und warum die mangelnde Sichtbarkeit ein Problem ist.

Es macht Hoffnung, dass Künstler*innen sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr mit den verschiedenen Facetten vom Mutter-Sein beschäftigt haben. Aber trotz diversester Positionen fällt auch heute noch auf, dass Mütter zwar oft Dargestellte, viel seltener aber Darstellende sind. Noch immer scheinen Kinder eine Gefahr für den angestrebten Karriereweg – nicht nur als Künstlerin – zu sein. Einen empfehlenswerten Beitrag über die fehlende Präsenz von Müttern in der Kunst liefert dieser Podcast des Monopol Magazins. Darin beklagt die Fotografin Katharina Bosse den Umstand, dass sie für das Behandeln ihrer eigenen Mutterschaft Kritik erntet. Sind Mütter also ein Tabuthema in der zeitgenössischen Kunst? Die Journalistin Mareice Kaiser hat es hier sehr richtig zusammengefasst: Mütter sind eine politische Kategorie. Die Auswirkungen von aktueller (und vergangener) Familien-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik werden an ihnen sichtbar und gerade deswegen sind ihre Stimmen so wichtig. Wo könnten sie sich kreativer Gehör verschaffen als in der Kunst? 

Was also ist zu tun, um Müttern zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen? Für mehr Repräsentanz müssen Möglichkeiten für eben jene Künstlerinnen geschaffen werden, die etwas zur Diskussion beizutragen haben. Keine Frau ist nur Mutter oder nur Künstlerin – es sind Nuancen, die ihr Leben und ihre Arbeit interessant machen. Solange es Frauen erschwert wird, mehrere Rollen gleichzeitig zu erfüllen, stimmt etwas nicht. Wir möchten mehr Mütter auf und hinter der Leinwand sehen und das bitte so schonungslos wie möglich. Also: Mütter, malt! Und: Malt Mütter! 

  • Header & Home
    Judy Chicago: Birth Garment 2 (Flowering Shrub), 1984 © Judy Chicago

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...