Wer sind S*HEROES, Anahita Sadighi?

Die Berliner Galeristin im Interview über Zwischenräume, eine diversere Kunstszene und die Kunst der Nomad*innen

Wer die Berliner Kunstszene kennt, kommt um Anahita Sadighi nicht herum – zum Glück!
Ihre erste Galerie hat die gebürtige Iranerin mit 26 Jahren gegründet – und präsentiert bei Anahita – Arts of Asia seitdem antike Kunst des vorder- und ostasiatischen Kulturraums. Nur zwei Jahre später folgt Anahita Contemporary, ein Ort für zeitgenössische Kunst. 2020 initiiert sie mit drei weiteren Berliner Galeristinnen den Art Space STUDIO 4 BERLIN, an dem Design, Antiquitäten und zeitgenössische Kunst in einem harmonischen Zusammenspiel gezeigt werden.

Klingt, als wäre Anahita ziemlich beschäftigt. Aber sie ist nicht nur Galeristin, sondern auch Geschäftsfrau, Künstlerin und Autorin. Für ihre Ausstellung „S*HEROES – die Nomadinnen Persiens“ hat sie sich als Urenkelin eines persischen Nomadenfürsten nun auf Spurensuche begeben: In zwei Galerien thematisieren unterschiedliche Künstler*innen das Leben und die Kunst der Nomad*innen. Dabei verfolgt Anahita einen seltenen Ansatz: Jahrtausendealtes Handwerk wird zeitgenössischen Werken gegenübergestellt.

Auf diese Weise entsteht ein spannender Dialog, der die unbekannten Schöpferinnen außereuropäischer Kulturen in den Vordergrund rückt. Denn die nomadische Textilkunst wurde ausschließlich von Frauen hergestellt. Somit ist die Geschichte der Nomadenkunst also gleichzeitig auch die Geschichte von starken Frauen.

Mehr als zwanzig Künstler*innen nehmen an dem Projekt teil, darunter Yumna Al-Arashi, Tahmineh Monzavi, Sepideh Ahadi oder Yalda Yazdani, aber auch deutsche und internationale Künstler*innen, etwa Stella Meris oder Studio Jeschkelanger. Schnell wird deutlich, wie inspirierend das nomadische Leben ist – ob in Form einer nachhaltigen Lebensweise, dem Wandel zwischen den Polen oder im wahrsten Sinne des Wortes als Digital Nomad.

Die Interdisziplinarität der Künstler*innen wirkt wie eine riesengroße Collage, die erstaunliche Parallelen offenbart. S*HEROES erforscht neue Wege und platziert sich bewusst zwischen den Stühlen. Klar, dass wir Anahita Sadighi besuchen wollten und mit ihr über eben diese Zwischenräume, die Bedeutung der Frauen in der Kunst der Nomad*innen und die Notwendigkeit eines Dialogs gesprochen haben.

Anahita, wer sind denn diese S*HEROES, nach denen die Ausstellung benannt ist?

Es waren ausschließlich Frauen, die diese textilen oder keramischen Arbeiten produziert haben. Was für Genies! Was für unglaublich talentierte und visionäre Frauen! Die nomadischen Kulturen sind matriarchale Kulturen. Es waren die Frauen, die das Wissen und den Zugang zur spirituellen Welt hatten. Ihre Arbeiten haben aber auch einen hohen künstlerischen Grat und sind wahnsinnig wertvoll. Dadurch hat die Ausstellung eine große politische Kraft.

Und dennoch bleiben sie alle anonym...

Das stimmt. Die Herausforderung der Ausstellung ist es, die Vielseitigkeit zu beleuchten, die Frauen ausmacht. Egal, ob in europäischen oder vorderasiatischen Kulturen. Und sie zu zelebrieren. Wenn man sich die textilen Arbeiten ansieht, bekommt man ein Gefühl für diese Diversität. Ich merke, dass es für viele eine wahnsinnig experimentelle Ausstellung ist. Vielleicht sogar eine Grenzüberschreitung oder ein No-Go. Natürlich kann es Wellen schlagen, die Menschen für diese Kulturkreise zu öffnen. So können Missverständnisse aufgeklärt und die Wahrnehmung verändert werden. Das wiederum führt auch zu neuem Selbstbewusstsein in einer jungen Generation von Frauen. Sie blicken selbst mit Stolz auf ihre Wurzeln.

Inwiefern hat die Ausstellung einen persönlichen Bezug für dich?

Ich bin mit Teppichen aufgewachsen. Mein Vater, der selbst Kunstsammler und Maler ist, hat mir schon als Kind viel von Nomad*innen und den starken Frauen in seiner Familie erzählt. Das Thema hatte für mich also schon immer eine große Anziehungskraft. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als Kind auf Teppichen zu krabbeln – an dieses haptische Gefühl und das sinnliche Erlebnis von Kunst oder Objekten, mit denen man lebt.

Die Teppiche sind also nicht nur Kunstwerke, sondern vor allem Objekte, mit und auf denen man lebt?

Genau, für die Nomad*innen waren es Objekte, mit denen man körperlich interagiert. Für mich sind sie schon immer mit einem Gefühl von Wärme und Heimat verbunden. Dadurch, dass ich selbst im Iran geboren bin, hatte die iranische Kultur, Kunst und Geschichte für mich immer einen ganz besonderen Reiz. Am Ende ist die persönliche Verbindung wahrscheinlich das Geheimnis dafür, mit großer Leidenschaft etwas auf die Beine zu stellen – oder etwas zu riskieren.

Was riskierst du denn?

Ich bin persönlich damit verbunden und öffne mich. Es ist ein ziemlich sensibles Thema: die Kunst und Kultur meiner Vorfahren, die Menschen, die in meiner Heimat eine wahnsinnig wichtige Rolle spielen. Es ist sehr verbreitet, als Kuratorin oder Galeristin eine Distanz zu wahren. Selten gibt es einen sehr persönlichen Ansatz. Aber ich habe es immer als wahnsinnig wertvoll empfunden, die Geschichte von Frauen – ob Künstlerin, unbekannte Nomadin oder Galeristin – in den Vordergrund zu rücken. Ich möchte eine persönliche, authentische Geschichte erzählen, die die Menschen berührt.

Ausstellungen sollten also nicht zu theoretisch aufgebaut sein?

Es geht um die Verschmelzung von Theorie, Wissenschaft, eigener Leidenschaft und meiner Familiengeschichte. Mein kuratorischer Ansatz ist aus all diesen Elementen geboren.

Es ist toll, dass bei S*HEROES nicht nur Malerei oder Skulptur gezeigt wird, sondern so viel mehr. Hast du dich bewusst für das Dazwischen entschieden?

Es ist genau dieser Zwischenraum, der insgesamt in der Kulturlandschaft viel zu wenig beachtet wird. Ob nun im Film, im Theater oder in der Kunst. Aber es gibt so viele Geschichten, die in diesem Zwischenraum stattfinden. Für so viele Menschen mit Migrationshintergrund ist der Zwischenraum das Zuhause. Daraus Kraft und Inspiration zu schöpfen, auch für das Selbstverständnis einer neuen deutschen Kultur, das ist die große Hürde. Der Zwischenraum wird uns die nächsten Jahrzehnte prägen, gerade in der Kreativbranche.

© Anahita - Arts of Asia / Anahita Contemporary

Warum werden jahrtausendealte Gefäße oder Teppiche so selten neben zeitgenössischen Arbeiten präsentiert? Da gibt es doch spannende Parallelen, zum Beispiel in den Mustern oder Farben.

Da muss ich etwas ausholen: Mein Vater hat sich sein Leben lang mit vorderasiatischen Arbeiten beschäftigt und sie über vierzig Jahre lang gesammelt, dazu geforscht und publiziert. In den klassischen, ethnologisch aufgearbeiteten Ausstellungen hat die Rolle für die zeitgenössische Kunst oder der Einfluss der Arbeiten auf die Moderne kaum eine Rolle gespielt. Im Gropius Bau gab es vor einigen Jahren eine große Bauhaus-Ausstellung, in die auch mein Vater Werke aus seiner Sammlung gegeben hat. Viele Besucher*innen hatten bis dahin nur die Bauhaus-Webereien vor Augen und dachten, dass die Bauhaus-Schüler*innen wohl die Schöpfer*innen dieser modernen, grafischen und minimalistischen Textilien seien. Eigentlich hatten sie mit Anni Albers gerechnet. Und dann haben sie von Ghashghai-Nomaden aus Südwestpersien gelesen, die diese Muster schon im 19. Jahrhundert verwendet haben.

Ist das dann oft eine Überraschung?

Diese Welt ist vielen Menschen noch so unbekannt und hat dennoch so eine große Relevanz. Sie ist eine Vorreiterin für die Entwicklung der modernen Kunst. Egal, ob wird von der US-amerikanischen Moderne oder vom europäischen Bauhaus sprechen. Diese Urkraft spielt bislang eine viel zu kleine Rolle. Das zu ändern, war der Ansatz der Ausstellung. Ich wollte einen neuen Blick darauf werfen, welche Parallelen es zwischen aufstrebenden zeitgenössischen Künstlerinnen und den antiken Arbeiten gibt. Man lässt viel zu selten Assoziationen zwischen den Medien und Formensprachen entstehen. Es muss nicht immer alles eine bestimmte Ordnung haben - aber viele wollen sich auf das sinnliche Erleben von Kunst nicht einlassen. Dabei macht es so viel Spaß...

„Es ist genau dieser Zwischenraum, der insgesamt in der Kulturlandschaft viel zu wenig beachtet wird. Für so viele Menschen mit Migrationshintergrund ist der Zwischenraum das Zuhause.“

Wo siehst du deine Rolle als Galeristin?

Ich spreche als eine Art Stellvertreterin für unbekannte und unterrepräsentierte Stimmen. In diesem Fall für die nicht gewürdigten Stimmen der Nomadinnen.

Und gibst ihnen so die Anerkennung, die sie verdienen?
Es geht ganz stark um Gerechtigkeit. Natürlich bin ich privilegiert, meine Galerien betreiben und durch mein Engagement ein Thema neu beleben zu können. Das ist eine große Verantwortung. Ich mache das Persönliche, meine eigene Familiengeschichte, der Öffentlichkeit zugänglich – aber ich erkenne auch eine Sinnhaftigkeit darin.

Ist das auch therapeutisch?
In gewisser Weise ja. Das Aufarbeiten, Verstehen, die Neuverortung innerhalb meiner Arbeitswelt und der Berliner Kunstsszene ...

Anahita Sadighi. Foto: Isabell Kessler

Letztere wird ja sehr stark von westlicher Kunst dominiert. Bist du dir deiner Einzigartigkeit bewusst?

Ich merke im Dialog mit Kolleg*innen, dass ich da aus der Reihe falle. Die Ausstellungen oder Positionen, die in Berlin gezeigt werden, wiederholen sich. Und schauen selten über den Tellerrand hinaus.

Hast du ein Beispiel?

Man blickt selten gen Osten, zum Beispiel auf vorderasiatische Kulturen. Dabei setzen sich zeitgenössische Künstler*innen eigentlich immer mit ihrer eigenen Geschichte oder ihrer Herkunft auseinander. Die eigenen Wurzeln spielen eine wichtige Rolle für die Künstler*innen dieser Regionen.

Es ist zum Beispiel ungewöhnlich, Trockenblumen in antiken Vasen zu sehen. Es ist toll, dass du ursprüngliche Gebrauchsgegenstände auch als solche präsentierst.

Für mich ist das ganz natürlich! Klar, es hat auch seine Berechtigung, die Objekte zu entkontextualisieren, also ohne Verbindungspunkte zu zeigen. In meinen Augen ist es aber Zeit, diese Grenzen auch zu überschreiten und den realen Raum von Kunstwerken zu zeigen. In den meisten Fällen sind es Lebensräume: Kelims zum Beispiel wurden für den Boden oder für die Wände produziert. Es waren Architekturelemente. Als Galerie hast du die Aufgabe, Kunst und Kultur zu vermitteln. Das geht über die reine Kommunikation hinaus. Die Idee der Werke ist es, zu leben und mit neuen Geschichten gefüllt zu werden. Das macht den großen Reiz dieser Objekte aus.

Ist das auch der Grund dafür, dass ein Zelt in der Ausstellung steht?

Das steht da natürlich nicht ohne Grund. Es ist der Kern einer Kultur: Hier haben die Nomadinnen gelebt, man kann sich den Lebensstil nicht nur vorstellen, sondern auch erleben. Wenn man sich in dieses Zelt begibt, strahlt es eine wahnsinnige Wärme aus. Diese Zelte waren Brutstätten von Ideen und Gedanken – wie eine Kreativwerkstatt. Das Zelt als Urhaus der Ideen.

Viele der Knüpfmuster kommen mir aus dem Alltag bekannt vor. Bedienen wir uns oft unterbewusst an diesen Formen?

Ja, man muss sich nur die großen Marken anschauen. Viele bekannte Modehäuser bedienen sich ganz offensichtlich an der Motivik und den Traditionen. Es gibt ganze Kollektionen, in denen die Kleider oder Anzüge an Teppiche angelehnt sind. Und das ist dann High Fashion.

Wie empfindest du das?

Einerseits finde ich es super, im gleichen Atemzug ist es aber auch wichtig, die ursprünglichen Arbeiten einer großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die Quellen zu zeigen. Statt sich einfach zu bedienen, ohne jegliche Referenz oder Danksagung. Wenn der Bildungsauftrag fehlt, empfinde ich es als falsch. Es gibt viele Leute, die etwas sehen und sagen: „Das ist ja wie bei Marke XY.“ Aber eigentlich ist es genau andersrum: Das Label hat von den Kulturen kopiert.

© Anahita - Arts of Asia / Anahita Contemporary

Bei Teppichen ist das häufig der Fall, oder?

Teppiche sind die ursprünglichsten Kunstwerke. Die Gabbehs, Knüpfarbeiten mit flachem Flor und keiner so engen Knotendichte, waren anfänglich Kleidungsstücke, die den Nomad*innen Superkräfte verleihen sollten. Dahinter steckt die Idee von starken Tieren und der Gedanke von Schutz. Sich mit dieser mythischen Welt zu beschäftigen und sich vorzustellen, dass Frauen diese „Superkräfte“ produziert haben, finde ich total interessant. Dieser Gedankengang ist so faszinierend. Er liegt mehrere tausend Jahre zurück und hat eine unglaubliche Entwicklung erfahren.

Und in der modernen Kunst gibt es Referenzen zu diesen Arbeiten?

Guck dir zum Beispiel die Arbeiten des US-amerikanischen Malers Mark Rothko an, diese großen, kontemplativen Malereien, die mehrere Millionen Dollar kosten. Oder die Skulpturen von Eduardo Chillida – wenn man die mit den textilen Stickereien der Bakuba-Stämme aus dem Kongo vergleicht, neigt man schon dazu, Parallelen zu sehen. Auch Pablo Picasso hat immer wieder offen artikuliert, welche Dinge er gesammelt und was ihn inspiriert hat. Aber in der Geschichtserzählung werden diese Erzählungen klein gehalten.

Warum ist das so?

Es geht darum, eine Vormachtstellung der europäischen Künstler aufrecht zu erhalten. Aber diese Erzählung entspricht nicht der Wahrheit. Man muss allen anderen kulturellen Inspirationsquellen gerecht werden. Besonders in Anbetracht der letzten 200 Jahre, des Kolonialismus und Postkolonialismus, aber auch dem aktuellen „Krieg der Kulturen“ und der Islamophobie. Die Wahrnehmung muslimischer Frauen vermittelt das Bild, das seien alles unterdrückte Frauen. Da herrschen ganz starke Schwarz-Weiß-Bilder vor und eine große Arroganz. Durch vielschichtige Ausstellungen kann man diese Sichtweisen neu verhandeln. Ich will die Leute überraschen und eine neue und wichtige Realität zeigen, die selten erzählt wird.

Wenn das Thema so dicht ist, warum gibt es dann so wenig öffentlichkeitswirksame Ausstellungen, die sich damit befassen?

Es bringt eine Neuverteilung von bestimmten Machtstrukturen mit sich, wenn man den Begriff „Genie“ und die Bedeutung unbekannter Künstlerinnen neu verorten möchte. Wenn man den Wert dieser Arbeiten als Kunstwerke neu definieren möchte, dann bringt das auf dem aktuellen Kunstmarkt viel durcheinander. Daran sind viele Galerist*innen nicht interessiert – die wollen ihre eigenen Inhalte und Menschen pushen. Wir haben eine stark eurozentristisch dominierte Kunstwelt, die noch lange brauchen wird, um diesen Kulturkreisen und Menschen mit Respekt zu begegnen.

„Das ist eine große Ungerechtigkeit: PoC sind in vielen Bereichen Pionier*innen. Aber sie sind nicht sichtbar genug.“

© Anahita - Arts of Asia / Anahita Contemporary

Wie reagieren die Besucher*innen auf das Konzept?

Es gibt viele, die überrascht sind oder fasziniert. Das sind dann sehr befriedigende Momente. Eigentlich müsste man diese Thematik viel größer fassen. Die Ausstellung ist ja auch als Wanderausstellung konzipiert. Mein Traum ist es, sie in veränderter Form in anderen Städten zeigen zu können.

Insgesamt waren über 50 Leute an der Realisierung der Ausstellung beteiligt. Was ist das für ein Gefühl?

Ja, wenn man alle Leute mitdenkt, vom Cutter über die Feldforschung für den Sound, die Musiker*innen und Künstler*innen bis hin zu meinen Partnern wie TikTok, Steinway und Teufel. Es fühlt sich an, als würde man ein großes Orchester dirigieren. Ich habe eine wahnsinnige Ehrfurcht und Respekt vor dieser Aufgabe, aber gleichzeitig fühlt es sich auch total natürlich an. Ich will in Zukunft mehr große Projekte wagen und nicht davor zurückschrecken.

Das heißt, du hinterfragst dich auch häufig?
Absolut! Ich habe so viele schlaflose Nächte, in denen ich alles zerdenke. Leute mit diversem Background sind ständig dabei, sich zu hinterfragen und nur am hustlen. Das machen viele andere nicht – sie bedienen sich mit einer Selbstverständlichkeit ihrer Themen, fangen den Zeitgeist auf, ohne authentische Geschichten zu erzählen.

„Es bringt eine Neuverteilung von bestimmten Machtstrukturen mit sich, wenn man den Begriff ‚Genie‘ und die Bedeutung unbekannter Künstlerinnen neu verorten möchte.“

© Anahita - Arts of Asia / Anahita Contemporary

Bist du glücklich mit deiner Verortung in deiner Berliner Kunstszene?

Ich fühle mich als Lonely Wolf in der Branche, weil ich nicht Teil irgendeines Clubs bin. Die gefestigten Strukturen sind sehr mächtig, sehr weiß und von Männern dominiert. Häufig wird angenommen, dass hinter einer jungen Frau ein Mann stehen muss. Viele Jahre lang wurde zum Beispiel davon ausgegangen, mein Vater wäre der Chef. Das war einerseits wahnsinnig anstrengend, hat mich aber auch motiviert, es den Leuten und mir zu beweisen. Leider ist das aber noch immer die Realität, unabhängig davon, in welchem Land oder welcher Kultur du dich bewegst.

Woran hapert es in der deutschen Kunstszene?

Es mangelt an Diversität! Die Kunstlandschaft muss zugänglicher werden für Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Schichten. In vielen Köpfen ist noch das Vorurteil vorhanden, dass zeitgenössische Kunst und Antike nicht vereinbar sind. Aber gerade das Widersprüchliche ist ein Motor meiner Arbeit. Darum mache ich solche Ausstellungen wie S*HEROES, weil ich an einen Paradigmenwechsel glaube, der sich in den nächsten Jahrzehnten vollziehen wird.

Ein Wandel, der dafür sorgt, dass sich mehr Menschen repräsentiert fühlen?

Das Gefühl von Repräsentanz ist essenziell und wird noch sehr unterschätzt. Wenige Galerist*innen beschäftigen sich zum Beispiel mit osteuropäischer Kunst und Kultur. Guck dir die großen Kunstmessen an: Es gibt kaum junge, neue Avantgarde-Galerien, die ein experimentelles Konzept haben. Stattdessen ist es immer nur die alte Riege, wahnsinnig langweilig und verstaubt. Eine diverse Generation findet sich dort nicht wieder. Aber gerade heute müssten die Offenheit und das Interesse doch da sein. Wenn nicht jetzt, wann dann?

© Anahita - Arts of Asia / Anahita Contemporary

„Gerade das Widersprüchliche ist ein Motor meiner Arbeit.“

Wie kann das deiner Meinung nach geändert werden?

Wir müssen Raum für Dialoge geschaffen. Orte, an denen man Fragen stellen und sich auf unterschiedliche Dinge einlassen kann. Deswegen ist es auch so wichtig, dass Galerien Veranstaltungen wie zum Beispiel Konzerte organisieren. Menschen sollen sich treffen und gemeinsam, ganz ungezwungen und natürlich über Kunst reden können. Es braucht eine Community, die sich wohlfühlt. Am Ende wird es wahrscheinlich trotzdem eine weiße Person sein, die sich das Thema aneignen wird. Und dann fangen Leute an, sich darauf einzulassen. Das ist eine große Ungerechtigkeit: PoC sind in vielen Bereichen Pionier*innen. Aber sie sind nicht sichtbar genug. Die Sichtbarkeit muss auch für diverse Galerist*innen eine andere werden, damit sich das ändert. Dafür muss man noch sehr stark kämpfen.

Du hast dich mit drei weiteren Galeristinnen zu STUDIO 4 BERLIN zusammengetan. Was das auch ein Grund?

Die Galeriewelt ist voll von elitären Zirkeln, die entscheiden, wer mitzumischen hat und wer nicht. Der gegenseitige Support und die Zusammenarbeit sind dann umso wichtiger. Gegeneinander können wir nicht viel gewinnen.

Achtest du selbst darauf, diverse Künstler*innen zu vertreten?

Ja, das finde ich wahnsinnig wichtig. Es ist ja auch für mich selbst spannender, mit diversen Themen und Leuten zu tun zu haben. Daraus schöpft man unglaublich viel. Wie viel ich allein in dieser Ausstellung für mich gelernt habe... Das ist das Besondere, dass es nicht aufhört, langweilig zu werden!

Vielen Dank, liebe Anahita, für deine offenherzigen und wahren Worte. Es ist nicht zu übersehen, mit welcher Leidenschaft du von deiner Arbeit erzählst.

Die Ausstellung „S*HEROES - Die Nomadinnen Persiens“ könnt ihr euch noch bis 26. Februar 2022 bei Anahita Contemporary und Anahita - Arts of Asia ansehen.

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    Stephan Heering, S*HEROES, 2021.

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