Kunstsympathisch #3 – Künstler*innen über Kunst

Daria Jelonek über Ólafur Elíasson

In unserer neuen Serie Kunstsympathisch ist der Name Programm: Wir treffen junge Künstlerinnen und Künstler, die etwas zu erzählen haben. Über ihre Arbeit, ihre Ideen und ihre Vorbilder. Wie entsteht eigentlich Kunst? Gibt es alltägliche Hürden im Leben von Kunstschaffenden? Und wie groß ist die Angst vor der „brotlosen Kunst“? 

Diesen Fragen und noch vielen mehr möchten wir auf den Grund gehen und bitten zum Gespräch. Im ersten Teil des Interviews dreht sich alles um die eigene Arbeit der Porträtierten. Im zweiten Teil reden wir über Inspirationen durch andere Künstler*innen, Vorbilder und Einflüsse. Mit Kunstsympathisch möchten wir Hemmschwellen überwinden und ohne unnahbares Geschwafel über Kunst reden.

Über Daria Jelonek

Die Nachfrage nach Technologien, die die Natur nachahmen, wird immer größer: Künstliches Licht, Vogelgezwitscher und Wellenrauschen aus dem Smartphone sind Teil der Normalität geworden. Daria Jelonek arbeitet mit alltäglichen Medien und verdeutlicht auf spielerische Art und Weise die Absurdität einiger technologischer Phänomene. Daria hat in London, Kopenhagen und Essen studiert und bezeichnet sich als „Media Artist“. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf der Wahrnehmung von Realität und Technologie. Dabei spielt die Schnittstelle zwischen Technik, Kunst und Natur eine wichtige Rolle. Wir haben mit Daria über ihre Inspirationen, Smartphone-Konsum und künstliche Regenbögen gesprochen.

Wie kommt es, dass dich die Beziehung zwischen Mensch und Maschine so sehr interessiert? 

Mein künstlerisches Grundinteresse gilt Maschinen, Code und den digitalen Interaktionen mit unserer Umwelt. Begonnen hat dieses Interesse damit, dass ich eine tiefe Faszination für die Themen Licht und Materie habe. Beide können sowohl natürlich als auch künstlich sein.

„Künstliche Natur ist besser als keine Natur.“

Licht ist ein gutes Stichwort. In deiner Arbeit „Blue Light“ geht es um das sogenannte Blaue Licht, das wir sowohl in der Natur, kurz vor Sonnenaufgang, als auch als künstliches Licht auf unseren Smartphone-Screens wahrnehmen. Hast du selbst ein Smartphone und wie beeinflusst deine Arbeit deinen Medien-Konsum? 

Klar habe ich auch ein Smartphone und mein Konsum ist sehr hoch, wie bei den meisten Menschen um mich herum. In der Arbeit „Blue Light“ geht es nicht nur darum, dass das blaue Licht auf unseren Screens zum Beispiel zu Schlafstörungen führen kann. Thematisiert wird auch der Umstand, dass Technikkonsum negativen Einfluss auf die Natur haben kann und uns das oftmals nicht bewusst ist. 

Wie sieht dieser Einfluss aus?

Unser 24/7 Lifestyle, bei dem Smartphones und künstliches Licht eine große Rolle spielen, führt zu Lichtverschmutzung und die bringt unmittelbar den Rhythmus unserer Natur durcheinander. Zum Beispiel wird davon der Alltag von Vögeln beeinflusst, die auf das natürliche Licht und vor allem auf die natürliche Nacht angewiesen sind. „Blue Light“ verknüpft unseren Smartphone-Konsum mit der Änderung des Gesangs von Vögeln auf poetische und kritische Weise: Das Display des Smartphones pulsiert in blauen Tönen. Sobald man das Handy und somit auch das Licht ausschaltet, erklingt ein Vogelzwitschern aus dem Smartphone.

Auch in anderen Arbeiten, zum Beispiel in „Artificial Day Rhythm“, geht es um dieses künstliche Licht. Viele Menschen lassen sich morgens durch künstliches Licht aus dem Smartphone wecken. Die Maschinen übernehmen also eine Aufgabe der Natur. Wie empfindest du dieses Phänomen? 

Wir leben in einem komplexen Dilemma: Wir wissen, dass unser Technikkonsum negativen Einfluss auf unsere Natur und auf unsere Gesundheit hat. Und trotzdem können wir nicht ohne unsere Smartphones, Laptops und künstliches Licht leben. Ich versuche mit meinen Arbeiten positive Aspekte von Technik zu untersuchen, beispielsweise imitiertes Sonnenlicht. Für die Recherche habe ich selbst mit einem künstlichen Sonnenwecker gelebt und war anfangs sehr skeptisch. Aber nach dem ersten Aufwachen zu künstlichem Sonnenaufgang und künstlichem Vogelgesang im tiefsten Winter muss ich sagen: Künstliche Natur ist besser als keine Natur. Trotzdem können wir dem echten, biologischen Gras und dem physiologischen Sonnenlicht nicht ansatzweise das Wasser reichen. Deswegen ist es wichtig, mehr Natur in Großstädte zu bringen, zum Beispiel durch Open Gardening. In dicht besiedelten Gebieten kann künstliche Natur auch positiven Einfluss auf unser Wohlbefinden haben. Wir müssen an der Balance zwischen Technik und biologischer Natur arbeiten.

„Sollten wir die Nordlichter in unsere Hard- und Software programmieren?“

Gibt es noch andere Beispiele deiner Arbeiten, in denen die Beziehung zwischen Natur und Technologie sichtbar wird? 

In sehr vielen. Mein Abschlussprojekt „Technological Nature“ am Royal College of Art untersucht zum Beispiel, wo und wie wir natürliche Lichtphänomene in technischen Gegenständen wieder finden können und unter welchen Bedingungen sie entstehen. Ich spinne dieses provokative Szenarium sogar weiter und frage: Sollten wir atmosphärische Phänomene wie Regenbögen oder die Nordlichter in unsere Hard- und Software programmieren? Ich bin der Überzeugung, dass wir in unserem künstlich geregelten Alltag mehr natürliche Momente brauchen, in denen wir Wunder erfahren. 

Zum Beispiel ein spontanes Nordlicht auf dem Smartphone-Screen?

Ja, ein Regenbogen oder ein unvorhergesehener Error auf dem Bildschirm können uns einen Augenblick Zeit verschaffen. Momente, in denen wir über unsere Umwelt nachdenken und Dinge hinterfragen können. Auf diese Weise bringen wir die Schönheit des natürlichen Chaos‘ in unseren Alltag – und hoffentlich auch mehr gesunde technologische Natur. 

Empfindest du die Technologie allgemein als positiven Fortschritt für unsere Gesellschaft oder stehst du einigen Punkten auch kritisch gegenüber? Welche Eigenschaften kritisierst du? 

Die Grenzen verschmelzen und Technik wird zu unserer neuen Natur. Ich kritisiere Technologien oder soziale Systeme, die uns animieren, in schlecht designten Gebäuden an Desktop PCs zu sitzen. Stattdessen könnten wir im Freien mit Laptops arbeiten oder zumindest die Gebäude mit großen Fenstern ausstatten, um für mehr Tageslicht im Innenbereich und eine gesündere Atmosphäre zu sorgen. Technikentwicklung ist super spannend. Was ich kritisiere, sind die Strukturen und Monopolkonzerne, die oft hinter neuen Techniken stehen. Aus diesem Grund glaube ich fest daran, dass es die Aufgabe von Künstler*innen ist, mit neuen Technologien zu experimentieren und sie auf diese Weise zu hinterfragen. Wir können den gängigen Gebrauch auflösen, neue Techniken erforschen und im öffentlichen Raum diskutieren. Darüber hinaus bin ich für Open Source, also öffentlich einsehbare, veränderbare und kostenlose Software. Künstler*innen sollten sich in große Technikfirmen einbringen können, zum Beispiel in Form von Residencys.

In welcher Technikfirma würdest du gerne so eine Residency machen? Und wo auf keinen Fall? 

Da bin ich ganz offen. Gegenwärtig würde ich gerne in einem Augmented Reality Studio wie „Magic Leap“ hospitieren, aber auch Google würde mich interessieren. Es gibt eigentlich keinen Konzern, den ich prinzipiell ablehnen würde. Künstler*innen haben schließlich die Möglichkeit, kritische Konzerne durch Kunst zu hinterfragen.

Durch technischen Fortschritt sind wir global vernetzt. Du stellst in Deutschland, UK, Schweden und sogar Korea aus und reist viel. Wo fühlst du dich zu Hause?

Auch wenn ich international ausstelle, bleibe ich doch oftmals in Europa. Das Internet und die digitale Kunst erlauben es mir zum Glück, meine Arbeiten kostengünstig und ökologisch am anderen Ende der Welt auszustellen. Ein digitales File kann eben leicht versendet werden. Zu Hause fühle ich mich in London und im Ruhrgebiet.

Welcher Künstler oder welche Künstlerin inspirieren dich und deine Arbeit?

Mich inspirieren Künstler*innen wie Ólafur Elíasson, alva noto, Alicja Kwade oder die Organisation „Next Nature Network“. 

Das ist ja eine bunte Mischung. Was haben sie alle gemeinsam?

All diese Künstler*innen beschäftigen sich mit Themen, die mich inspirieren, wie beispielsweise Natur, Technologien, soziale und natürliche Phänomene. Aber noch viel mehr fasziniert mich, wie sie diese Themen durch Wort und durch Form kommunizieren. Ich liebe ihre visuelle Ausdruckskraft, die mit unseren Sinnen spielt und sie austrickst. 

Gibt es ein spezielles Kunstwerk, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist? 

Die Arbeiten von Ólafur Elíasson berühren mich immer wieder und ermöglichen es mir, essenzielle, natürliche Dinge zu reflektieren. Mich beeindruckt die Einsicht, dass mein Handeln einen Effekt auf der anderen Seite der Erde haben kann.  

„Einen künstlichen Regenbogen zu erschaffen, ist gar nicht mal so einfach.“

Elíasson ist ja für seine Kritik an unserem Einfluss am Klimawandel bekannt. Spielt der menschengemachte Klimawandel auch bei deinen Arbeiten eine Rolle? 

Ja, das tut er tatsächlich. Meine Arbeiten thematisieren Natur und das Erhabene, ihre Intelligenz und ihre Technologien. Ich finde oftmals Inspiration in atmosphärischen Phänomenen und untersuche sie mit Technik. Dabei möchte ich nicht einfach nur eine ästhetische Erfahrung erzeugen, die uns dieses Phänomen näher bringt – mir ist es wichtig, die oftmals unscheinbaren politischen Strukturen und Ausmaße zu thematisieren und dem Betrachter bewusst zu machen. Zum Beispiel die des Klimawandels. 

Copyright: Evening Standard  © Alex Lentati

Elíasson stellt momentan einige seiner Arbeiten im Tate Modern in London aus. Hast du die Ausstellung schon gesehen und was hältst du davon? 

Ja, besonders der Raum „The Expanded Studio" hat mich sehr angesprochen. Dort soll die Struktur und die Tätigkeit seines Studios in Berlin nachempfunden werden. Besonders viel Presseecho hat die seine Arbeit „The Cubic Structural Evolution Project" bekommen, in der die Besucher*innen mit Legosteinen selbst an einer mathematischen Struktur bauen, sie verändern und zerstören dürfen. Dadurch können wir sehr viel über uns Menschen und unsere Umwelt lernen. Außerdem habe ich das erste Mal „Beauty“ von Elíasson gesehen, das ist ein künstlicher Regenbogen. In meiner Arbeit „Technological Nature" habe ich selbst für mehrere Monate versucht, einen künstlichen Regenbogen zu schaffen und weiß daher, dass das gar nicht mal so einfach ist.  

Gibt es ein besonders einprägsames Erlebnis, das du mit Kunst verbindest? 

Ich arbeite überwiegend digital und skulptural. Als ich als Teenager die Regeln des Zeichnens gelernt habe, merkte ich, dass es darum geht, das Auge und unsere Wahrnehmung auszutricksen um Geschichten zu erzählen. Das war ein Moment, der mir die Augen geöffnet hat: Kunst ist auch Design. Es geht darum, seine Geschichte, sein Statement, seine Provokation in etwas Visuelles oder Audiovisuelles zu verwandeln um neue Verknüpfungen und Diskussionen zu eröffnen.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Copyright: Tate Photography © Olafur Eliasson

Über Ólafur Elíasson 

Der gebürtige Däne Ólafur Elíasson (*1967) arbeitet an der Schnittstelle zwischen Technologie und Natur, die er durch raumfüllende Installationen oder eindrucksvolle Architektur sichtbar macht. Seine häufig im öffentlichen Raum stattfindenden Arbeiten sind nicht selten mit allen Sinnen erfahrbar. In Elíassons Berliner Studio entwickelt er mit knapp hundert Menschen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen seine neuesten Kunstwerke. Seine bekannteste Arbeit ist wahrscheinlich „The Weather Project“, mit der er im Jahr 2003 die Sonne in die Turbinenhalle des Londoner Museums Tate Modern brachte. Über zwei Millionen Besucher*innen kamen, um sich das von Maschinen generierte Sonnenlicht anzusehen. Noch bis Januar 2020 könnt ihr Elíassons aktuelle Ausstellung „In real life“ in London besuchen.

Hier findet ihr spannende Publikationen und die von Elíasson entwickelte Solarleuchte „Little Sun“:

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