Kunst kaufen – aber wie? Im Gespräch mit Nils Müller

Wir haben mit dem Galeristen über das Sammler-Gen, Online Viewing Rooms und die Verantwortung gegenüber Künstler*innen gesprochen 

Mal ehrlich – wer von euch stand schon mal vor einer Galerie und hat sich nicht hineingetraut? Ein geschlossener Kreis von Eingeweihten, skeptische Blicke und eine subtile Erwartungshaltung, so das Klischee. Aber Galerien können auch ganz anders: 

Karaoke im Auto und Rumblödeln mit den Künstler*innen - wer dachte, Galeristen seien abgehoben, wird auf Nils Müllers Instagram-Account eines Besseren belehrt: Selbst früher in der Graffitiszene aktiv, führt er seit 2010 seine Galerie Ruttkowski;68 in Köln und mittlerweile auch in Paris, sowie den Kölner Pop-up-Space Pop;68 . Nils' Nahbarkeit spiegelt sich auch in den Künstler*innen wider, die er vertritt, darunter Stefan Marx, Conny Maier und Frédéric Platéus. Nebenbei ist Nils Müller übrigens auch erfolgreich als Fotograf tätig. Wenn einer den Kunstbetrieb aus verschiedenen Perspektiven kennt, dann also er. 

Dass Galerien Künstler*innen vertreten, bedeutet, dass sie für das Ausstellen, die Vermarktung und den Verkauf zuständig sind. Hier bekommt ihr häufig Kunstwerke frisch aus dem Atelier zu sehen. Der Besuch kostet keinen Eintritt, ihr könnt also ganz unverbindlich Kunstluft schnuppern und kommt im besten Fall direkt mit der oder dem Künstler*in in Kontakt. Scheint erstmal so, als wären Galerien der perfekte Anlaufpunkt für den Kunstkauf – oder? 

Wir wollten es genau wissen und haben für Teil 3 unserer Serie „Kunst kaufen – aber wie?“ mit Nils Müller über das Sammler-Gen, Online Viewing Rooms und die Verantwortung gegenüber Künstler*innen gesprochen. 

Nils, wie schafft man es, ein jüngeres Publikum zum Kunstkauf zu bewegen? 

Der Übergang ist wahrscheinlich das Härteste für einen jungen Menschen, der vor einer Galerie steht. Der erste Gedanke ist oft: „Das ist mir zu verschlossen, die Leute wollen was von mir und ich fühle mich verantwortlich wenn ich da reingehe.“ Bei Ruttkowski;68 ist dieses Gefühl, glaube ich, nicht gegeben, weil wir alle jung sind. Wir sind lockerer und am Zahn der Zeit – das ist sicher ein Vorteil.

Ich denke, es ist eine Frage der Dynamik. Ich unterscheide immer zwischen Kunstmarkt und Kunstwelt. Letztere kann man sich selbst schaffen und kreieren. Beim Markt gibt es eben ein paar Regeln und Gesetze, wie die Dinge funktionieren. Auf der einen Seite musst du eine gewisse Professionalität oder konservative Herangehensweise an den Tag legen. Was wir über die Jahre aber geschafft haben, ist, einen Zugang für alle Menschen zu schaffen.

„Das Sammler-Gen steckt in jedem von uns und wird umso mehr getriggert, wenn die Leute sich mit den Künstler*innen identifizieren können.“

Wer ist eure Hauptzielgruppe?

Unser Kernmarkt ist im Gegensatz zu anderen Galerien ziemlich jung. Das sind viele Menschen aus dem Kreativsegment, die sich ein Stück ihrer eigenen Subkultur zurückkaufen. Ich sag dir ganz ehrlich: Ich bin ziemlich erleichtert, dass wir so eine Freiheit in unserer Arbeit haben, 80 Prozent der Kund*innen aus einem unprätentiösen Kreis kommen. Viele Menschen haben bei uns ihr allererstes Kunstwerk gekauft und sind mittlerweile absolute Stammkunden. Das Sammler-Gen steckt in jedem von uns und wird umso mehr getriggert, wenn die Leute sich mit den Künstler*innen identifizieren können. 

Und wie erreicht man dieses Gefühl?

Wir haben viele Künstler*innen, die ihre Wurzeln in Sub- oder Popkultur haben. Der Ansatz ist eher, dass es darauf ankommt, was du als Künstler*in machst und wofür du stehst.

Wie setzt ihr diesen anti-autoritären Charakter im Verkauf von Kunstwerken um?

Ich bin vorsichtig mit dem Wort „anti“ – wir gehen einfach einen anderen Weg, der unkomplizierter und nahbarer ist. Das Programm ist auch nah an mir dran. Ich komme eigentlich aus dem illegalen Graffiti und bin damals ins kalte Wasser gesprungen. Aber dass ich einen unkonventionellen Weg eingeschlagen habe, heißt nicht, dass ich nicht mit Leuten arbeite, die in einem total anderen Kosmos stattfinden. Natürlich habe ich auch eine Verantwortung gegenüber den Künstler*innen. Es ist ein ernstzunehmender Job und ich möchte die Künstler*innen durch Nachhaltigkeit und langfristige Arbeit relevant machen, auf dem Kunstmarkt und natürlich auch in der Kunstgeschichte. Verkauf ist ein ganz zentraler Punkt der Arbeit. Wir sind eine kommerzielle Galerie und sonst würde es nicht funktionieren.

Nils Müller, Portrait von Nils vom Lande

Mit Ruttkowski;68 seid ihr auch auf Messen wie der Art Cologne oder der Art Brüssel unterwegs – ist das nicht ein eher konservativer Ansatz?

Für mich sind Messen interessant, weil man andere Menschen erreichen kann und neue Sammler kennenlernt. Am Ende des Tages geht es da um nichts anderes als um Socializing und um Neukundenaufbau. Es ist ein Zusatzgeschäft.

Was rätst du Menschen, die mit dem Sammeln von Kunst anfangen wollen? Nach welcher Maxime sollte Kunst gekauft werden?

Es gibt ja viele Sachwerte wie Uhren, Wein oder Autos. Aber es gibt kein einziges Medium, das so nachhaltig ist wie die Kunst, weil du tagtäglich davon profitierst. Stell dir vor, du hast eine Arbeit, die du für 5.000 Euro gekauft hast und die seit drei Jahren in deiner Wohnung hängt. Dann kannst du die einfache Milchmädchenrechnung machen: Wenn die Arbeit seit drei Jahren dort hängt, hast du jeden Tag 4 oder 5 Euro bezahlt. Aber die Arbeit hängt ja immer noch dort und der Wert ist wahrscheinlich verdoppelt oder verdreifacht. Diese Power hat kein anderes Medium. Das ist natürlich nur dann der Fall, wenn du auch emotional etwas mit dem Werk verbindest. Die emotionale Ebene ist für mich persönlich am wichtigsten. Ich weiß, dass Kunst für viele ein Spekulationsobjekt ist – aber wenn du passionierter Sammler bist und dir das Kunstwerk etwas bedeutet, ist es den bezahlten Preis wert.

„Es gibt kein einziges Medium, das so nachhaltig ist wie die Kunst, weil du tagtäglich davon profitierst.“

Welchen Vorteil hat es, Kunst über die Galerie zu kaufen?

In der Galerie bei Ausstellungen Kunst zu kaufen, ist die sicherste Art und Weise. Die Werke sind schon im Ausstellungskontext aufgetaucht, sie reihen sich direkt ins Lebenswerk des Künstlers oder der Künstlerin ein und es gibt eine direkte und persönliche Beratung. Der Primärmarkt hat den Vorteil, dass er transparent ist und du immer den aktuellen Preis zahlst. Künstler*innen brauchen eine Galerie, die sie aufbaut und auf dem Markt positioniert. Künstler*innen, die direkt aus dem Atelier verkaufen, machen sich leider oft das Geschäft selbst kaputt. Wenn man als Sammler das Werk da oder dort günstiger bekommt, kann sich der Markt nicht systematisch und vernünftig aufbauen. In dem Moment ist das einfach eine unsichere Kiste, das ist für Sammler unsexy.

Stefan Marx / Ridiculous Drama - Solo Exhibition R;68 Cologne 2020

Wie viel profitieren Künstler*innen davon, wenn ich in der Galerie kaufe?

Zu 100 Prozent! Mit jedem Kauf finanzierst du komplett den Aufbau der Künstler*innen und der Galerie. Auch wenn eine Ausstellung super läuft und alle Werke verkauft werden, kann die Galerie manchmal gerade so die Kosten decken. Ab und zu zahlt man als Galerist wegen der laufenden Kosten und der Miete sogar noch darauf. Ich muss jeden Monat einen gewissen Umsatz machen und das kontinuierlich, der Druck ist also immer da. Es ist wie bei einem Fußballverein: Der Verein funktioniert nicht ohne Spieler und ein Spieler ohne Verein ist auch nichts. 

„Es ist ein enormer Stress, im digitalen Raum ständig am Zahn der Zeit zu sein. Kunst muss man live sehen, anders funktioniert es nicht.“

Sind Online Viewing Rooms dauerhaft ein adäquater Ersatz für analoge Galerien?

Nee, da halte ich ehrlich gesagt gar nichts von. Eine digitale Präsenz ist schon wichtig, wir nutzen ja auch Instagram. Das Internet ist für mich ein wichtiges Medium, ersetzt aber nicht das physische Erlebnis mit der Kunst. Mit einer Preview im Netz kannst du keine*n Künstler*in neu aufbauen. Es ist ein enormer Stress, im digitalen Raum ständig am Zahn der Zeit zu sein. Kunst muss man live sehen, anders funktioniert es nicht. Den oder die Künstler*in im Atelier kennenzulernen und der Austausch über das Werk, damit steht und fällt die ganze Kaufentscheidung. 

Vielen Dank für das ehrliche Gespräch!

Und jetzt nichts wie los zum Galeriebesuch! Bei Ruttkowski;68 könnt ihr euch noch bis zum 26. Juli die Ausstellung „Pop Lock“ von Frédéric Platéus ansehen. Bei Pop;68 stellt Carolin Eidner noch bis zum 29. Juli mit „Conceptualising Flesh“ aus. 

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    Nils Müller, Portrait von Hannah Kamm

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