Einfach beste Freunde? Queer Erasure in der Kunstgeschichte

Einfach beste Freunde? Queer Erasure in der Kunstgeschichte

Warum wissen wir so wenig über queere Personen der Geschichte und was hat die Dichterin Sappho damit zu tun? Eine Kunstkolumne über enge Vertraute und offensichtliche Liebhaberinnen

Warum wissen wir so wenig über queere Personen der Geschichte und was hat die Dichterin Sappho damit zu tun? Eine Kunstkolumne über enge Vertraute und offensichtliche Liebhaberinnen

Als ich im Sommer in Neapel war und durch das Museo di Capodimonte schlenderte, musste ich vor einem bestimmten Gemälde länger stehen bleiben: Das Werk heißt „Doppio ritratto maschile“, also „Männliches Doppelporträt“ und wurde von Maso di San Friano gemalt. Auf dem Bild sind zwei Männer zu sehen: Einer von beiden ist mit großer Wahrscheinlichkeit Ottavio Farnese und war im 16. Jahrhundert Herzog von Parma. Hinter ihm steht ein etwas älterer Herr, bei dem es sich wohl um den Militärarchitekten Francesco de Marchi handelt.

Maso di San Friano: Doppio ritratto maschile, 1556.

Das Gemälde hat mich irgendwie berührt: Die Vertrautheit beider Herren zueinander ist kaum zu übersehen. Zärtlich nähert sich der Ältere von hinten an und scheint die Hand seines Vorgesetzten führen zu wollen. Dieser schaut verträumt zurück. Beinahe berühren sich ihre Hände. Francesco hat ein feines Lächeln auf dem Gesicht. Eine Szene, wie man sie gut und gerne in einer schnulzigen Vorabendserie finden könnte.

Ein weiteres Indiz für ihre Verbundenheit ist der kleine Hund, der sich in der rechten Bildecke versteckt. In der Kunstgeschichte sind Hunde oft ein Symbol für Loyalität oder Treue. Im Bildtext unter dem Gemälde wird darauf hingewiesen, dass „sich die beiden Männer während der Belagerung von Parma besonders nahe standen.“

Versteht mich nicht falsch: Es ist natürlich nicht meine Aufgabe, zu beurteilen, welche Art von Sexualität zwei Männer aus dem 16. Jahrhundert hatten. Aber das Gemälde ist ein wunderbares Beispiel für die vielen „wirklich engen Freundschaften“ in der Kunstgeschichte – und dafür, dass sie eigentlich nach so viel mehr aussehen.

Lotte Laserstein: Ich und mein Modell, 1929/30. Foto: Bernhard Loewa.

Gucken wir uns mal ein anderes Beispiel an: das Gemälde „Ich und mein Modell“ der Künstlerin Lotte Laserstein. Das Bild ist Ende der 1920er-Jahre entstanden, also weitaus später als das Werk in Neapel. Vom Bildmotiv unterscheiden sich beide Gemälde wenig: Wir sehen jeweils zwei Personen, die relativ vertraut miteinander zu sein scheinen. Der Unterschied liegt allein in der Vermittlungsarbeit der Museen. In der Berlinischen Galerie, wo das Gemälde 2019 im Rahmen der Ausstellung „Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht“ zu sehen war, wurde im Begleittext deutlich gemacht, dass es sich hier um ein Porträt der Künstlerin und ihrer festen Freundin Traute Rose handelt.

Wir halten fest: Nur weil zwei Personen zusammen abgebildet sind, heißt das erstmal gar nichts. Wir kriegen höchstens eine Ahnung von ihrer Beziehung, nehmen vielleicht eine bestimmte Stimmung wahr. Künstler*innen greifen zu den tollsten Mitteln, um uns zu zeigen, dass zwei Menschen etwas verbindet. Zum Beispiel Hannah Gluckstein, die sich und ihre Freundin Nesta Obermer in diesem Bild so nebeneinander gesetzt hat, dass die Köpfe nahezu eine Einheit bilden:

Hannah Gluckstein (genannt „Gluck“): Medallion, 1937.

Die Betrachter*innen über alle weiteren Einzelheiten aufzuklären, ist dann die Aufgabe von Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern. Sie können die Biografien und Bilddetails genau prüfen, forschen und Quellen befragen um die Museumsbesucher*innen mit so viel Wahrheit wie möglich zu konfrontieren – und ihnen keinen kulturhistorischen Bären aufzubinden.

In der akademischen Kunst Europas war es lange Zeit nicht üblich, ein offen homosexuelles Paar in enger Umarmung zu zeigen. Wenn wir uns diese Kunst also heute ansehen, sind wir oft gezwungen, unvollständige und kodierte „Beweise“ zusammenzusetzen, um uns ein Bild vom Liebesleben einer Person zu machen. Gleichzeitig ist es natürlich wichtig, den Künstler*innen keine falschen Vorstellungen oder Etiketten aufzudrücken.

Was ist Queer Erasure?

Via The British Museum.

Das obige Bild ist ein gutes Beispiel für eine ziemlich verwirrende Beweislage. Die kleine Terrakotta-Plastik stammt aus Griechenland und befindet sich heute im British Museum in London. Es ist nicht völlig abwegig, dass es sich hier um Demeter und ihre Persephone handelt. Aber obwohl Mutter und Tochter der Sage nach ein ziemlich enges Verhältnis pflegten, ist die Darstellung ungewöhnlich intim: Beide Frauen scheinen im Kuss innezuhalten, sie sitzen auf einem Bett und eine Brust ist entblößt. Viele mythologische Mutter-Tochter-Beziehungen beflügelten die Fantasie der Künstler so stark, dass sie sie kurzerhand zu Geliebten umgestalteten. Aber ist das hier der Fall – oder handelt es sich doch um Queer Erasure?

Queer Erasure bezeichnet die gesellschaftliche Tendenz, queere Gruppen absichtlich oder unabsichtlich aus der Geschichtsschreibung zu entfernen. Übertragen auf die Kunstgeschichte bedeutet das zum Beispiel, offensichtliche Dinge nicht zu benennen. Wenn es um Darstellungen von Geliebten geht, sind Kunsthistoriker*innen um Synonyme nicht verlegen: Mal ist die Partnerin die „enge Vertraute“ oder „beste Freundin“, in anderen Fällen ist der Partner der „langjährige Mitbewohner“ oder der „Seelenverwandte“. Ein weiterer Klassiker ist die Formulierung: „Über die Einzelheiten ihrer Beziehung ist wenig bekannt, doch scheint sie von gegenseitiger Bewunderung geprägt gewesen zu sein.“ I call bullshit.

Teil des Wandfreskos „La Fraternité“ (Brüderlichkeit) von Jules Dalou, 1883. Das Werk befindet sich im Pariser Rathaus im 10. Arrondissement.

Wenn man einmal angefangen hat, auf solche Phrasen zu achten, liest man sie plötzlich überall – in Ausstellungstexten, Büchern oder auch im Internet. So werden nackte Liebende plötzlich zu „Brüdern“ und unverheiratete Frauen zu „alten Jungfern“. Auch dann, wenn die Dargestellten viele Jahrzehnte lang mit ihrer „engen Freundin“ zusammen gelebt haben, kommt den Verfasser*innen nicht in den Sinn, dass es sich um ein homosexuelles Paar gehandelt haben könnte. Stattdessen wird lieber über den „ewigen Junggesellen“ gesprochen, der sich nie binden wollte – aber glühende Briefe an seine „platonischen“ Jagdfreunde schrieb.

Paul Gavarni: Amitié de pension, ca. 1937. Der ursprüngliche Kupferstich kursiert im Internet unter dem ironischen Titel „Boarding School Friends“.

Das Internet ist voll mit vielen weiteren Beispielen, in denen das „Unaussprechliche“ ganz offensichtlich ist – aber nicht benannt wird. Die Problematik ist: Die Geschichtsbücher sind es nicht. Über Queerness in der Kunstgeschichte wird explizit erst seit Ende des letzten Jahrhunderts geschrieben. Die vielen Abbildungen aber zeigen, dass es durch die Geschichte hindurch immer queere Liebe, queere Personen und queere Beziehungen gegeben hat. Mal waren sie akzeptiert, zu anderen Zeiten verfolgt. Oft konnte die eigene Sexualität nicht frei ausgelebt oder kommuniziert werden.

Wenn Historiker*innen also mehr darüber herausfinden wollen, müssen sie auf Briefe oder Tagebucheinträge zurückgreifen. So kann es gelingen, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wenn dann aber eindeutige Inhalte umgewertet oder vertuscht werden, um – ja, warum eigentlich? – dem heteronormativen Gesellschaftsbild keinen Abbruch zu tun, dann handelt es sich um Queer Erasure.

#SapphoAndHerFriend

Simeon Salomon: Sappho and Erinna in a Garden at Mytilene, 1864.

Auf der Community-Website Reddit gibt es zu diesem ganzen Themenkomplex eine wunderbare Subreddit namens #SapphoandherFriend. Für alle redditfremden Personen unter euch: Subreddits sind spezielle Unterkategorien, nennen wir sie Foren, in denen sich die Nutzerinnen und Nutzer zu bestimmten Inhalten austauschen können. In diesem Fall geht es um die vielzitierte griechische Dichterin Sappho.

Sappho war in der Antike ziemlich bekannt, leider ist der Großteil ihres lyrischen Werks aber verloren gegangen. Was noch erhalten ist, ist ziemlich fragmentarisch – nur ein einziges Gedicht ist komplett. Was man sich noch zusammenreimen kann, ist, dass ein Großteil ihrer überlieferten Gedichte romantische Frauenbeziehungen preist. Und das auf unglaublich intime und authentische Art und Weise. Deshalb ist Sappho zu einem Symbol des weiblichen Begehrens geworden.

Via Twitter.

Aber nicht nur aus diesem Grund hat sich die Reddit-Gruppe nach ihr benannt. Sapphos Schicksal ist es nämlich, unglaublich missinterpretiert zu werden: Viele Darstellungen zeigen sie eng umschlungen mit ihrer Geliebten Ariadne, oft halbnackt, eng umschlungen und Küsse austauschend. Es ist mittlerweile zum Running Gag geworden, wie diese Bilder beschrieben werden: Da ist von schwesterlicher Liebe die Rede, von Vertrautheit oder wahrer Freundschaft. Von Queerness liest man allerdings keine Zeile.

Stattdessen wurden auf Sappho eine Menge Fantasien projiziert. Liebestoll soll sie gewesen sein und auf ihrer Heimatinsel Lesbos, von der auch das Wort „lesbisch“ abstammt, vielen jungen Frauen nachgestellt haben. Schließlich habe sie sich unsterblich in einen Mann verliebt und sich aus Liebeskummer in den Tod gestürzt. Die Darstellungen, die Sappho zeigen, sind teilweise ähnlich verklärt – die Dichterin und ihre „Freundinnen“ sind zur erotischen Legende geworden.

Unbekannt: Sappho und Ariadne, 19. Jahrhundert.

Auf die Perspektive kommt es an

Es wäre ein Trugschluss, zu glauben, dass es keine Darstellungen queerer Intimität in der Kunstgeschichte gegeben hat – im Gegenteil, sie ist voll davon. Der französische Maler Henri de Toulouse-Lautrec beispielsweise hat in den 1890er-Jahren mehrere Gemälde gefertigt, auf denen Personen im Bett dargestellt sind, die oft als lesbische Paare gelesen werden.

Toulouse-Lautrec erhielt 1892 den Auftrag, Bilder für den Salon eines Bordells in Paris zu malen und verbrachte einige Zeit damit, das Bordell, die Sexarbeiterinnen und die Besucher zu beobachten. Insgesamt sechzehn Porträts entstanden auf diese Weise. Heute werden die Gemälde als Darstellungen lesbischer Liaisons interpretiert, lange Zeit wurde aber gerätselt, ob es sich nicht doch um heterosexuelle Paare handeln könnte. Ebenfalls spannend ist die Tatsache, dass die beiden Gemälde hier mit „Les deux amies“ („Die Freundinnen“) betitelt sind, obwohl man in beiden Fällen wohl gut und gerne von „amoureuses“ („Die Liebenden“) sprechen könnte.

Egon Schiele: Freundschaft, 1913.

Auch im Fall von Egon Schiele gab es heftige Diskussionen darüber, ob das denn jetzt wirklich zwei Frauen seien, die sich hier umarmen. Es seien ja zumindest männliche Eigenschaften zu erkennen – und überhaupt könne man sich nicht absolut sicher sein, dass es sich hier um eine queere Szene handle. Es wurde also mit großer Willenskraft versucht, Queerness so wenig Raum wie möglich zu geben.

Klar, sicher sein können wir uns nie. Es sei denn, man fragt die Künstler*innen selbst – und das ist, glaubt es mir, oft auch nicht wirklich aussagekräftig. Wie schön wäre es, wenn in anderen Bereichen mit der gleichen Vehemenz diskutiert werden würde, mit der angezweifelt wird, dass es sich bei Schieles oder Behrens' Darstellungen queere Paare handeln könnte.

Hinter all den Verklausulierungen, die irgendwie umständlich und unwahr klingen, steckt häufig ein heteronormatives Weltbild, das Queerness keinen Platz einräumen möchte. Das wiederum führt zur Auslöschung oder Verdrängung queerer Menschen aus dem öffentlichen Blickfeld.

Peter Behrens: Der Kuss, 1898.

In der Kunst: Hui! In der Realität: Pfui!

Toulouse-Lautrec und Schiele waren keine Ausnahmen: Im späten 19. Jahrhundert waren erotische Literatur und die entsprechenden Illustrationen besonders beliebt. Vor allem Sexualität zwischen Frauen wurde mit Vorliebe dargestellt. Einen faden Beigeschmack bekommt diese Art von erotischer Kunst jedoch dann, wenn sie impliziert, dass Queerness falsch oder pervers ist. Dass Künstler*innen ihre Sexualität frei ausleben konnten, war relativ selten: Homosexualität galt bis 1990 als Geisteskrankheit - jahrhundertelange wurden queere Personen beschuldigt, vom Teufel besessen zu sein, verfolgt und bestraft.

Vor ein paar Monaten habe ich darüber auch schon mal etwas in meiner Instagram-Serie #EverythingWrongWithArtHistory geschrieben. Was mich immer wieder besonders schockiert, ist die Tatsache, dass Homosexualität einerseits über Jahrhunderte hinweg als Verbrechen verfolgt wurde, gleichzeitig aber eine prima Unterhaltung für ein großes Publikum bot, das sich Darstellungen von homoerotischer Szenen nur allzu gerne ansah. Ein weiterer Grund, endlich mal offen über Queerness, queere Künstler*innen und Queer Erasure zu sprechen.

Von der Mitbewohnerin zur Seelenverwandten

Friedrich Overbeck: Italia und Germania, 1828.

Kunsthistoriker*innen und Museen tragen einen wesentlichen Beitrag dazu bei, wie Kunst aus vergangenen Jahrhunderten heute gelesen wird. Deswegen ist es umso wichtiger, genau hinzusehen und Dinge beim Namen zu nennen, statt wichtige Elemente wegzulassen oder zu verschleiern. Es ist also durchaus okay, zu sagen: „Lotte Laserstein führte jahrelang eine lesbische Beziehung mit Traute Rose“, statt: „Lange lebte Laserstein mit ihrer engen Vertrauten zusammen.“ Und auch wenn es Unsicherheiten gibt, ist es auch eine gute Lösung zu schreiben: „Obwohl die beiden Nackten wie ein Paar wirken, wurden sie lange Zeit als Schwestern interpretiert.“ Niemand ist vor Fehlern gefeit, Wissenschaftler*innen schon mal gar nicht.

Instagram-Post der National Gallery, in der Rosa Bonheurs Lebensgefährtin Nathalie Micas als „female companion“ bezeichnet wird.

Jetzt könnte man natürlich fragen, was die sexuelle Orientierung für eine Bedeutung hat, wenn es doch eigentlich um Kunst geht. Die Frage ist nicht unberechtigt, man möchte sich schleißlich ungern in Details verlieren. Aber es geht hier nicht darum, wie Lotte Laserstein ihr Frühstücksei gegessen hat oder ob sie Linkshänderin war. Stattdessen ist die Frage nach der Sexualität immer auch eine Frage nach Identität. Es ist von politischer, gesellschaftlicher und (für viele Menschen auch von) persönlicher Bedeutung, wie und ob Laserstein ihre Sexualität ausleben konnte. Aus diesem Grund ist es wichtig, auch diese Frage zu klären, wenn man die Kunst Lasersteins (und die ihrer Kolleg*innen) zeigt.

Also: Guckt genau hin, fragt oder forscht nach und bleibt kritisch. Ich freue mich, wenn ihr weitere Ideen oder Anmerkungen zu dem Thema habt. Und wenn jemand was über Lotte Lasersteins Frühstücksei weiß – immer her damit!

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