DienstArt – Die Kunstkolumne: Food Imitates Art – oder doch andersherum?

Ein kulinarischer Blick auf die Kunst

Im Sommer letzten Jahres gab es auf Twitter einiges zu sehen: Ein Gemälde von Salvador Dalì, nachgestellt aus Wurst. Ein Honigbrot à la Henri Matisse. Oder ein Werk von Paul Klee, bestehend aus Käsequadraten. Versehen wurden die Tellerkunstwerke mit dem Hashtag #KunstgeschichteAlsBrotbelag und hunderte Kunstbegeisterte posteten ihre eigenen Brotkreationen. Marie Sophie Hingst, die Initiatorin des Hashtags, hat mittlerweile sogar ein Buch herausgegeben. Aber warum trenden eigentlich belegte Stullen? Was fasziniert uns an der Idee, Kunst mit Alltagsgegenständen nachzustellen? Und warum wird die künstlerische Ader ausgerechnet am Frühstückstisch ausgelebt? Weshalb man eben doch mit Essen spielen darf und seit wann das sogar Kunst ist, das erfahrt ihr hier.

Kunst und Vergänglichkeit

Giuseppe Arcimboldo via wikiart.org

Auf der Leinwand haben wir es schon seit einigen Jahrhunderten mit kulinarischen Ideen zu tun. Einer der berühmtesten Vertreter ist wohl der italienische Maler Giuseppe Arcimboldo (1526 – 1593). Berühmt sind seine Porträts von Personen, deren Körper aus Obst und Gemüse, teilweise auch aus Blumen und anderen Pflanzen, zusammengesetzt sind. Auf diese Weise wurde die Birne zur Nase, rankende Trauben zu lockigem Haar und Kohlköpfe bildeten den Körper. 

Clara Peeters via wikiart.org

Das klassische Mahlzeitstillleben, das Essen und Trinken auf der Leinwand festhält, existiert in der europäischen Kunstgeschichte seit Beginn des 17. Jahrhunderts. Solche Stillleben enthielten oft symbolische Objekte, die den Betrachtenden verschlüsselte Botschaften offenbaren sollten. Liegt da ein Totenschädel neben den Birnen oder sitzt eine Fliege auf dem Käse? Dann könnte das zum Beispiel ein Hinweis auf die Vergänglichkeit des Seins sein. Durch das Abbilden von möglichst naturgetreu dargestellten Speisen, schimmernden Glaskaraffen und blitzendem Besteck wurde das Können der Maler*innen deutlich. Andere Stillleben zielten auf das Zur-Schau-Stellen von Reichtum und Fülle ab. Auf den Werken der niederländischen Künstlerin Clara Peeters beispielsweise sind neben allerlei Köstlichkeiten häufig kostbare Gegenstände abgebildet, was wohl ein Indiz für wohlhabende Auftraggeber*innen ist. 

© Daniel Spoerri via wikiart.org

In den 1960er Jahren wurde das Essen dann zum aktiven Part einer neuen Kunstrichtung: Der Eat-Art. Besonders bekannt sind die plastischen Stillleben von Daniel Spoerri (*1930), vor allem seine sogenannten „Fallenbilder“. Auf einem Tisch wurden dabei die Überreste einer Mahlzeit, halbleere Teller, Zigarettenstummel und benutztes Besteck fixiert und so zu Momentaufnahmen gemacht – ähnlich einer plastischen Fotografie. Dieter Roth (1930-1998), der von Tinguelys Arbeiten (mehr dazu hier) und von „Schmuddel und Schimmel“ fasziniert war, experimentierte in seiner Arbeit viel mit der Vergänglichkeit in der Kunst. Seine Zielsetzung war es, die Verbindung von Kunst und Leben zu porträtieren. Seine in den 1960er Jahren entstandenen „Schimmelbilder“ entstanden aus verderblichen Materialien wie Käse, Wurst und Obst. Ihr Zer- und vor allem Befall mit Ungeziefer war ein wichtiger Bestandteil des Werkprozesses. Die Eat-Art schaffte es also, dass das Essen sich emanzipierte. Statt bloß auf der Leinwand abgebildet zu werden, wurde es nun selbst wichtigster Protagonist des Kunstwerkes.

© Dieter Roth via wikiart.org

#KunstgeschichteAlsBrotBelag

Hashtags wie #KunstgeschichteAlsBrotbelag zeigen nun, dass Kunst nicht nur Essen, sondern Essen auch Kunst darstellen kann. Es braucht schon lange keine herkömmliche Leinwand mehr, um Kunst zu machen. Ein gewöhnlicher Keks in der heimischen Küche kann genügen, um die Fantasie der Betrachter*innen anzuregen. Die Künstlerin Tisha Cherry bezeichnet sich als Food Artist und veröffentlicht auf Instagram regelmäßig ihre Kreationen. In die Creme von Oreo-Cookies ritzt sie bekannte Kunstwerke und ahmt so unter anderem Bilder von Botticelli, Edvard Munch oder Frida Kahlo nach.  

Die „Leinwand“ der Wahl von Ruby Silvious wiederum sind Teebeutel. Mit ihren Miniatur-Malereien, die sie auf benutzten, teilweise aufgefalteten Teebeuteln platziert, wurde sie international bekannt. Dabei bringt sie sowohl ihre eigenen Ideen als auch Bilder von Roy Lichtenstein, Andy Warhol oder Joan Miró auf die Beutel. 

Die Autorin Caitlin Freeman hat der wortwörtlichen Backkunst sogar ein ganzes Buch gewidmet: „Modern Art Desserts“ beinhaltet Rezepte für Kuchen, Kekse und weitere süße Dessert-Kreationen, die allesamt von Kunstwerken der Moderne inspiriert sind. So lernen die Leser*innen unter anderem, einen Kuchen im Stil von Piet Mondrian zu backen oder ein Peanutbutter-Jelly-Toast nach Mark-Rothko-Art zu schmieren. 

Diese Beispiele zeigen, wie eng Kunst und Kulinarik offenbar verknüpft sind. Stichwort Kunst und Vergänglichkeit: Das Auge isst mit! Ein labberiges Frühstückstoast kann künstlerisch aufgewertet schon viel besser schmecken. Und von den kleinen Oreo-Kunstwerken wird sicherlich auch nicht lange etwas übrig bleiben. 

Ob nun jedes Stück Salami, das wir sorgfältig auf dem Butterbrot drapieren, Kunst ist, ist sicherlich fraglich. Wir sehen aber, dass Ateliers und Museen nicht mehr die einzigen Orte sind, an denen Kunst stattfindet oder entsteht. Stattdessen kann es auch auf dem Teller oder im heimischen Backofen sein. Als Material kommt nicht mehr nur zwangsläufig eine Leinwand, sondern auch ein Graubrot oder ein Klecks Buttercreme infrage. Der Hashtag #KunstgeschichteAlsBrotbelag hat die unterschiedlichsten Menschen zu Kreativität angeregt, auch, wenn hier lediglich schon bestehende Kunstwerke in den Frischkäse geritzt wurden. Wenn uns schon am frühen Morgen Ähnlichkeiten zwischen unserem Marmeladenbrot und einem berühmten Gemälde auffallen, ist das eine wunderbare Überführung von Kunst in den Alltag. Das Kunstwerk klettert quasi von der Museumswand, legt sich auf den Frühstücksteller und flüstert: „Das kannst du auch!“ Und vielleicht inspirieren die bunten Oreo-Bilder oder Teebeutel-Malereien ja auch die Menschen, die sonst eher wenig mit Kunst am Hut haben. 

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    Tisha Cherry via Instagram.com

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