DienstArt – Die Kunstkolumne: Grimasse statt Klasse

Über Fratzen in der Kunstgeschichte und die wahre Bedeutung des berühmtesten Schreis der Welt

Die Idee zu dieser DienstArt kam mir vor einigen Wochen und Schuld waren die sozialen Netzwerke! Nach jahrelanger Übung kann ich mittlerweile stolz behaupten, dass ich ab und zu (mehr oder weniger absichtlich) hübsche Figuren in meinen Milchschaum zaubere und diese dann in narzisstischer Manier mit der Welt teilen muss. Kurzerhand lud ich also ein Foto meiner neuesten Kreation auf Instagram hoch.

Das Latte-Art-Gebilde erinnerte mich an einen kleinen Oktopus. In den Kommentaren machte mich ein User allerdings darauf aufmerksam, dass die Schaumgestalt eher wie eine Neuinterpretation des Schreis von Edvard Munch aussah. Plötzlich fiel mir die popkulturelle Berühmtheit des Gemäldes auf: Die Horrorfilmreihe „Scream“ und die Maske des Serienkillers, die an das Kunstwerk angelehnt ist, sind Dauerbrenner zu Halloween. Macaulay Culkin imitiert die Pose der schreienden Figur von Edvard Munch auf dem Filmplakat zu „Kevin Allein Zuhaus“. Es gibt ein schreiendes Emoji, das von dem Gemälde inspiriert ist – zwei Emojis, wenn man die schreiende Katze mitzählt. Und natürlich wurde der Schrei auch schon bei #KunstgeschichteAlsBrotbelag imitiert. Edvard Munchs Werk hat längst Symbolstatus erreicht – aber wie ist die schreiende Gestalt eigentlich zu so großer Berühmtheit gekommen? Und warum schreit sie eigentlich?

Soweit bekannt ist, existieren vier Gemälde und ein Druck des norwegischen Malers (1863-1944), die den Namen „Skrik“ tragen und zwischen 1893 und 1910 entstanden sind. Auf Deutsch lässt sich dieser Titel eigentlich mit „Geschrei“ übersetzen und dieses Wort war wohl ursprünglich auch Munchs Intention. Jedes dieser besagten Werke zeigt eine gespenstische Person im Vordergrund, die sich auf einer Brücke befindet und die Hände wie im Wahn gegen den Kopf presst, Augen und Mund weit aufgerissen. Die Farben wirken besonders intensiv, Landschaft und Himmel verschwimmen und erzeugen eine nahezu hypnotische Wirkung.

Wer an „Der Schrei“ denkt, hat sofort dieses Wesen und seinen Gesichtsausdruck vor Augen. Tatsächlich ist es aber gar nicht die abgebildete Person, die den Schrei ausstößt. Ein Tagebucheintrag Edvard Munchs besagt, dass der Maler auf einem Spaziergang durch die Natur derart von seinen inneren Gefühlen überwältigt wurde, dass er meinte, einen Schrei zu hören. Diese Erfahrung verarbeitete Munch dann später in der Malerei. Die Gestalt reißt also deswegen so erschrocken den Mund auf und hält sich die Ohren zu, weil sie einen Schrei wahrnimmt. Am unteren Rand seiner 1895 entstandenen Lithografie vermerkte Munch sogar den Satz: „Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur."

© CC BY 4, The Munch Museum

Oft wird der Beginn der Stilrichtung Expressionismus beispielhaft am „Schrei“ festgemacht. Die Natur wirkt nicht realitätsgetreu, sondern spiegelt das Innerste der Person wider. Form und Inhalt passen perfekt zusammen: Das Unheimliche im Bild wird auch durch die dynamische Landschaft und die ausdrucksstarken Farben besonders hervorgehoben. Dadurch entwickelt sich bei der Betrachtung eine starke Emotionalität, die vorher selten so explizit dargestellt wurde.

Groteske Fratzen im Kontrast zur ewig mild lächelnden Mona Lisa

Aber wie sieht es in der Kunstgeschichte allgemein mit Fratzen und Grimassen aus? Schnell stellt man fest, dass Edvard Munch keinesfalls der einzige Künstler war, der entglittene Gesichtszüge darstellte. Schon in jahrtausendealten Darstellungen sind die Gesichter Spiegel innerer Gemütszustände. Nicht immer war die Mimik so makellos und glatt wie die der Mona Lisa – lasst uns zusammen mal den Blick auf einige bemerkenswerte Visagen werfen!

© Wikimedia commons: Graz, Laokoon mit Söhnen, CC BY-SA 3.0

Eine der ältesten und gleichzeitig bekanntesten Darstellungen verzerrter Gesichter ist wohl die Laokoon-Gruppe, eine Skulptur, die ursprünglich aus der Antike stammt. Heutzutage ist nur noch eine Kopie des Originals erhalten, das den Todeskampf von Laokoon und seinen Söhnen gegen zwei von Athene geschickte Schlangen darstellt. Besonders das schmerzverzerrte Gesicht Laokoons kurz vor seinem Tod beeindruckt schon seit Jahrhunderten Dichter*innen und Denker*innen – Goethe und Lessing verfassten schon ganze Abhandlungen über den vermeintlichen Widerspruch zwischen dem Leid in der Mimik Laokoons und der Perfektion der Bildhauerkunst.

Im Mittelalter belustigte Hieronymus Bosch (1450-1516) mit seinen grotesken Gestalten und teilweise fabelhaft anmutenden Gesichtern. Wer längere Zeit vor den typischen „Wimmelbildern“ des Malers steht, entdeckt immer wieder neue Details und absurde Szenerien. Die komischen Fratzen verleihen den dargestellten Figuren immer einen individuellen Charakter, lassen sie bösartig oder albern erscheinen. Die schrecklichsten Gesichtsentgleisungen hatten auch steinerne Wasserspeier oder die Fratzenköpfe an Häuserwänden und öffentlichen Plätzen. Dort dienten die verzerrten Grimassen hauptsächlich abergläubischen Zwecken: Sie sollten durch ihr furchteinflößendes Aussehen Dämonen vertreiben und drohendes Unheil abwenden.

Weniger schrecklich und dafür umso lustiger anzusehen sind die ausdrucksstarken „Charakterköpfe“ von Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783). Für die Entstehung der Skulpturen musste er die menschlichen Regungen und deren Wandelbarkeit bis ins kleinste Detail studieren – herausgekommen sind die Abbilder der kuriosesten Gesichtsausdrücke. Gähnend, schmollend oder staunend strecken sich einem die Köpfe entgegen und laden zum Nachahmen ein. Ich hoffe, dass ihr vor euren Bildschirmen mittlerweile auch schon Grimassen schneidet.

Die Schminke verschmiert, der Mund verzieht sich, die Haut knautscht

Die Königin des Grimassenschneidens ist wohl die Künstlerin Pipilotti Rist (*1962), was sie mit ihrer Videoreihe „Open My Glade (Flatten)“ anschaulich unter Beweis stellt. Die Sequenzen entstanden im Jahr 2000 und zeigen die Künstlerin, die ihr Gesicht an eine Glasscheibe presst und die absurdesten Grimassen schneidet: Die Schminke verschmiert, der Mund verzieht sich, die Haut knautscht. Kurze Zeit nach ihrer Entstehung flimmerten die Videos über eine der riesigen Werbetafeln am New Yorker Times Square. Im Januar 2017 wurden die Videos dort sogar jeden Abend zu einem festen Zeitpunkt auf mehreren Screens ausgestrahlt. An einem Ort, an dem normalerweise rund um die Uhr Werbung für Beautyprodukte und Mode zu sehen ist, konnte man nun Pipilotti Rist dabei zusehen, wie sie sich ungeachtet aller Schönheitsideale komplett zum Affen machte. Ein wunderbares Statement gegen die von digitalen Medien auferlegten Normen. Hier findet ihr ein Video vom Times Square:

Die Künstlerin Florentina Pakosta (*1933) beschäftigt sich bereits seit den 1970er Jahren viel mit Mimik und Gesichtern. Eine wichtige Inspiration dafür waren übrigens die Charakterköpfe von Franz Xaver Messerschmidt. Als Betrachter*in von Pakostas Bildern fühlt man sich plötzlich selbst prüfend unter die Lupe genommen. Mit ihren Männerbildnissen stellt sie patriarchalische Strukturen in Frage und gilt als eine der wichtigsten feministischen Künstlerinnen Österreichs. Teilweise blicken einem die abgebildeten Herren starr oder aggressiv in die Augen, manchmal ist es schwierig, ihr vieldeutiges Lächeln zu deuten. Das hier gezeigte Werk ist ein Selbstporträt und heißt „Lachen!“ – auf mich wirkt es aber eher wie die Abbildung eines gequälten Schreis. Was meint ihr?

© Sprengel Museum Hannover

Apropos Schrei: Bei diesem Stichwort kommt man an dem britischen Maler Francis Bacon (1909-1992) wohl nicht vorbei. Emotionsgeladene, von Schmerz verzerrte Gesichter waren ein häufiges Thema in seiner Arbeit. Schreiende Päpste, schreiende Anzugträger, verstümmelte und deformierte Menschen – bei der Betrachtung seiner Bilder ist wohl schon der/dem ein oder anderen mulmig geworden, so viel Verzweiflung und Grauen transportiert Bacons Malerei.

© Estate of Francis Bacon. All Rights Reserved, DACS 2019

Die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman (*1954) ist bekannt für ihre Fotoserien, in denen Maskerade und Kostümierung ihre wichtigsten Requisiten sind. Sherman spielt darin die Hauptrolle und spielt mit unterschiedlichen Geschlechterrollen und Identitäten. Ihre Gesichtsausdrücke sind teilweise ernst und streng, teilweise zu skurrilen Grimassen verzogen. In ihrer Serie „Clowns“ zeigt sie sich mit dicker Schminke und grellen Kostümen. Ihre Mimik ist jedoch zu einer traurigen Fratze verzogen und wirkt, auch aufgrund des psychedelischen Hintergrundes, eher gruselig als lustig.

© wikiart.org

Grimassen können die unterschiedlichsten Funktionen haben: Sie sind Ausdruck von Schmerz, Schrecken oder schallendem Lachen. Manchmal entstehen sie einfach aus Rumgeblödel, sie können aber auch Ausdruck äußerer Missstände sein oder den Betrachter*innen den Spiegel vorhalten. Zusätzlich verleiht Mimik einer Person einen Charakter, wir können sie dadurch deuten oder uns mit ihr identifizieren. Oft lösen Bilder, die offensichtlich Emotionen transportieren, auch in uns starke Gefühle aus. Edvard Munchs Gemälde ist, auch wenn es oft missverstanden wird, zum wohl berühmtesten Symbol für Angst und Schrecken geworden.

An dieser Stelle nochmal vielen Dank an meinen kreativen Instagram-Follower und seine Fähigkeit, in meinem Kaffee ein Kunstwerk zu erkennen. Wenn euch weitere Mythen oder Fragen zum Thema Kunst einfallen, die ihr gerne aufgeklärt haben wollt, lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen.

Der bekannteste Schrei der Welt wird übrigens in den kommenden Monaten in der Ausstellung „Love and Angst“ im British Museum in London zu sehen sein – neben vielen anderen Werken von Edvard Munch. Vielleicht ist das ja ein passender Anlass für einen Kurztrip in die britische Metropole!?

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