Algo Rítmo – Pats musikalische Neujahrsgrüße

Pat meldet sich verspätet, aber mit angemessen schlechtem Gewissen mit seinen Must-hears für Januar 2020 zurück!

Das Musikorakel für das neue Jahr von unserem Musik-Head Pat Cavaleiro!

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich an den Punkt gekommen bin, diese Zeilen jetzt zu verfassen. Ein Vierteljahr ist vergangen, seitdem ich meine letzte Kolumne bei Beige-Chefredakteurin Lisa abgegeben habe. Inzwischen war sie eine ganze Weile in Südostasien und berichtet auch schon unlängst fleißig darüber. Mein Sohn kann mittlerweile springen und steht kurz vorm Sprechen (erster grammatisch tadelloser Satz: „Hallo! Na du?“), ich war mit der Familie im Winterurlaub am Genfer See und letzten Freitag erst habe ich Freunde im Scherz zu einem letzten Tanz vor dem dritten Weltkrieg aufgefordert. Will sagen: Eine Menge Zeit ist ins Land gegangen seit meiner letzten Kolumne. Eine unverschämt lange Zeit. Auch habe ich mein hochtrabendes Versprechen nicht einhalten können, zeitig die nächste Kolumne einzureichen, doch Lisa und Marie haben mich geduldig gewähren lassen und mir die Zeit gegeben, die ich hierfür brauchte. Dafür möchte ich mich ganz besonders bedanken, denn wie wir alle wissen, gibt es kaum was nervigeres, als genervte Chefredakteur*innen, die auf die Einhaltung der Deadline hinweisen. Ein entspanntes Gemüt und die Fähigkeit, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, gehören mit zu den besten Tugenden derer, die Redaktionen führen, dementsprechend sehe ich für Beige rosige Zeiten aufkommen. Zwischendurch taucht dann auch mal wieder eine „Algo Rítmo“ auf. Mit Hinweisen auf Musik, über die nicht unbedingt jedes Medium berichtet.

Viel Spaß mit der neuen Ausgabe und bis zum nächsten Mal.

Alex’s Hand - Hungarian Spa

16 Tracks, davon einer zwölf, der andere acht Minuten, drei weitere nochmal über sechs Minuten lang. Dann wiederum drei Tracks um die zwei Minuten und nochmal drei, die gerade mal eine gute Minute (oder noch weniger) kurz sind. Allein hieran merkt man schnell, dass es sich um eine ambitionierte Oper oder so handeln muss. So geschehen bei „Hungarian Spa“, der neuen, schon fünften Platte der in Berlin ansässigen Freak-Punkjazz-Kombo Alex’s Hand, deren einzige stete Mitglieder Kellen Mills und Nic Barnes sind, die an dem Album wiederum die letzten vier Jahre gearbeitet haben. Der Rest der insgesamt 21 Musiker (darunter u.a. der gefeierte Jazzsänger Erik Leuthäuser oder der Trompeter Dima Bondarev) sind Weggefährten, die die beiden US-Amerikaner über die Jahre kennengelernt haben und die eine Fülle an Instrumenten beisteuern, womit die vorher getätigte Bezeichnung „Oper“ weiter untermauert wird. Klar auch, dass hier weder Vivaldi noch Puccini zitiert werden, stattdessen bewegt sich das Album in den Sphären von Frank Zappa & Mothers Of Invention, Captain Beefheart oder Guru Guru. Sehr dicht und opulent zusammengezimmert, ist „Hungarian Spa“ ein handwerklich tadelloses Prog-Jazz-Album, guitar heavy, wie es sein muss, aber auch überbordende Saxophon-Soli, vielstimmige Streicher-Partituren und teils verstörende, gar gegrowlte Spoken-Word-Einlagen machen dieses unglaublich vielseitige Album zwar zu keiner einfachen Kost. Von der hat man aber, wenn einmal reingefuchst, noch unheimlich viel und lange was.

In Hungarian Spa könnt ihr auf Bandcamp reinhören und hier bekommt ihr einen kleinen Vorgeschmack:

H - H

Die Echokammer im Münchner Stadtteil Giesing ist ebenso Studio wie hervorragendes Plattenlabel, das seit langer Zeit großartig abstruse Musik unter die Wenigen bringt, die es interessiert. Im Spätsommer des mittlerweile vergangenen Jahres war es wieder so weit und „H“ erschien, von „H“. Aha. Dazu muss man wissen, dass dieses Projekt einer Indietronic-Gruppe entstammt, die sich seit über zehn Jahren - absichtlich falsch geschrieben, wohlgemerkt - Rhytm Police nennt und nun das fehlende Teilchen nachliefert; das „H“, eben. Zu hören bekommt man einen Wildstyle aus Kraut, Dub, Elektronik, Störgeräuschen und Gesprochenem, meist zusammengehalten von ganz dünnen, aber unnachahmlichen Lines, die dann dem Pop entnommen sind, nur mit ganz viel Cool und gespielt auf sowohl analogen, „echten“, Instrumenten, als auch auf Samplern, Computern und so weiter. Am Ende ist „H“ ein Traum von einer Platte und das Gegenstück zu einer sich verändernden Musikwelt, in der schon Radio Edits nur noch rund zwei Minuten lang sein dürfen, um modernen Musikfans zu entsprechen, die offensichtlich per se aufmerksamkeitsdefizitär sind. „H“ ist Sound-gewordenes Zurücklehnen, ohne entspannt zu klingen, sondern, ganz im Gegenteil, das spannender kaum sein könnte.

„H“ von „H“ findet ihr ebenfalls auf Bandcamp.

Kreidler - Flood

Hypes kommen, Hypes gehen, nur Kreidler bleiben bestehen. Die Düsseldorfer Avant-Pop-Institution (ich wollte Krautrock schreiben, aber das wird dem nun wirklich nicht gerecht) präsentiert sich auf ihrem 13-ten Album seit 1994, „Flood“, frisch wie eh und je und überrascht damit, immer noch so zeitgemäß zu sein. Seitdem ich nämlich über Musik schreibe, referenziert man Kreidler wie eine Band, die es schon lange lange nicht mehr gibt. Beeindruckend, wenn man dann doch nach wie vor existiert und relevante Musik macht, von Mitgliedern kommend, die selber genug um die Ohren haben, wie bspw. Salon Des Amateurs-Bossman Toulouse Low Trax, der bei Kreidler die Elektronik bedient. Nun also „Flood“, und während die B-Seite allein dem in fünf Teile geschnittenen und dem Album den Titel gebenden Opus vorbehalten ist, beginnt das Album mit „Eurydike“ gewohnt repetitiv, düster und dennoch seltsam leicht. Mit „Celebration“ folgt anschließend auch schon der Hit der Platte, ein ungewohnt nach vorne gehendes Stück, das mit maximaler Elektronik die vorhergehende Ruhe vergessen lässt - ungewohnte Zackigkeit also erstmal, das Titelstück „Flood“ jedoch lässt wieder alte Zeiten von Ambient, Post-Kraut und Spoken Word aufleben, fließt ganz stilecht aus dem Album hinaus und lässt Hörer*innen dieses Albums erneut zurück wie nach einem Trip - wie machen die das bloß immer wieder?

Für Kreidler auf Spotify bitte hier entlang.

Colored Moth - DIM

Finstere Zeiten sind das bekanntermaßen grad, aus allen Löchern schießt es Krieg, Hass, Empathielosigkeit und zu allem Überfluss macht die alte Mutter Erde den ganzen Killefitt auch nicht mehr lange mit - dim times, eben. Übersetzen lässt sich „dim“ mit den Worten trübe, dämmerig oder dunkel, passt also ganz gut in die weltpolitische Gemengelage. Von diesen Zeiten hat sich das meist ohnehin eher mies gelaunte Trio aus Berlin, Colored Moth, inspirieren lassen und 13 Songs komponiert, live und am Stück in ihrem Proberaum aufgenommen und bei Wolves & Vibrancy Records abgegeben, die dieses dritte Album vor einigen Monaten in die Regale gestellt hat. Mit aggressiven Stücken, die in bester Noisepunk- und Hardcore-Tradition stehen, lehren sie ihren Hörer*innen zwar das Fürchten, doch mit wiederum z.T. Ambient-lastigen Interludes, zeigen Colored Moth, dass sie durchaus mehr können, als bloß schreien und knüppeln. Nicht von ungefähr produziert Drummer Nils Kottmann in seiner Freizeit als NAWTS düstere Beat-Skizzen und Bassist Sandor Schulz als Sand Im Ohr lupenreinen Minimal-Techno. Es gibt eben auch noch was Anderes da draußen und Colored Moth bewahren sich ihre Neugier. Somit demonstriert die Band eine in diesem musikalischen Bereich eher selten gehörte Tiefe, die sie zu einer ganz besonderen Erscheinung im HC-Zirkus macht.

Hier könnt ihr DIM auf Spotify hören.

Suzan Köchers Suprafon

Supraphon ist ein legendäres Label aus Tschechien, das seit 1932 größtenteils Klassik und Popularmusik veröffentlicht hat. Den Fall des eisernen Vorhangs vor über 30 Jahren hat es indes quasi unbeschadet überstanden und ist heute nach wie vor das größte Label des Landes. Nur gut, dass es sich so lange gehalten hat, sonst wäre vielleicht das zweite Album von Suzan Köcher auf Unique Records ganz anders ausgefallen und hätte sicherlich erst recht nicht „Suprafon“ geheißen. Das Label diente nämlich u.a. als große Inspirationsquelle für den halben Namenswechsel und Albumtitel. Zu hören bekommt man derweil mal zurückgelehntere, mal ein wenig schnellere („Poisonous Ivy“) Midtempo-Folkpop-Songs mit deutlich psychedelischer Note. Also twangenden Gitarren, Snythesizern, Hall und weiterer Experimentierfreude, die diesen neun kleinen Hymnen ganz wundervoll steht. Gerade der Opener, „Peaky Blinders“, mit seinem an die in der Versenkung verschwundenen Brightblack Morning Light erinnernden mehrstimmigen Gesang und einem großartigen Tempowechsel zur Mitte des Stücks mit einer signifikanten Synthline, zeigen gleich zu Beginn des Albums, was in Suzan und ihrer Band so steckt, bis es im Albumcloser, „Suprafon“ (hier jetzt mit Vibraphon-Solo und funky Percussion-Part), einen krönenden Abschluss findet.

Natürlich könnt ihr das Album auch auf Spotify hören.

Feel old yet?

Geil vor 10 Jahren: Miike Snow - s/t

Als ich „Animal“, die erste Single aus dem selbstbetitelten Debütalbum der Schweden Miike Snow, zum ersten Mal gehört hatte, fing ich damals gerade erst an, mich für Musik aus Afrika, vornehmlich für Afrobeat, Fela Kuti, Pat Thomas, etc. zu interessieren - und war sogleich schwer begeistert, wie sowas in modernem Pop im 21. Jahrhundert funktionieren konnte. Aber nicht nur das: So viele musikalische Einflüsse habe ich bis heute selten auf einem Album zur Schau getragen gesehen. Das hörte ja nicht bei „Animal“ auf, sondern ging auf „Silvia“, „A Horse Is Not A Home“, „Cult Logic“, „Song For No One“, „Black & Blue“ und weiteren Songs auf dem Album weiter. Als ich dann verstand, dass hinter der Band das stilbildende Produzenten-Duo Bloodshy & Avant steckte, das seit Anfang der 2000er ziemlich jedem Pop-Star Songs auf den Leib schrieb (u.a. Christina Milian, Kylie Minogue, Kelis, Katy Perry, Charli XCX oder Britney Spears, u.a. stammt ihr legendäres „Toxic“ aus ihrer Feder), war ich umso faszinierter - endlich mal ein paar Produzenten, die ihrer Mainstream-Scheiße überdrüssig geworden sind und jetzt mal ernsthaft komponieren - und wie! Leider hielt das Ganze nur ein Album lang, den schon auf dem Nachfolger war alles wieder angepasster und langweilig. Was bleibt, ist ein sagenhaftes, modernes und experimentierfreudiges Pop-Album voller Evergreens, die nicht nerven, sondern immer wieder überraschen.

Kleine Zeitreise via Spotify.

Geil vor 20 Jahren: Muse - Showbiz

Pomp, Opulenz, Größenwahn - alles so Sachen, die in Verbindung mit der guten alten ballzy Rockmusik meist nicht so gut ausgehen. Klar, in den Siebzigern hat das mit Glamrock noch ganz gut geklappt, aber in den ausgehenden Neunziger Jahren? Ein eher gewagtes Unterfangen. Und auch mit Muse habe ich lange gehadert, bis ich sie mal in Paris live gesehen habe und somit endlich einen Ansatz gefunden hatte, diese ja auch sonst überall vergötterte Band zu verstehen. „Showbiz“ ist pure Theatralik, unheimlich sexuell aufgeladen („Cave“), ein für sich selbst stehender Rock-Zirkus mit Vielem, das es zu sehen und hören gibt und mit „Muscle Museum“ mit einem wütenden Sad-Clown als Hauptattraktion, der sich seine Verzweiflung von der Seele schreit.

Auch Muse findet ihr auf Spotify.

Geil vor 30 Jahren: The Stone Roses - s/t

Die Stone Roses kannte ich ehrlich gesagt immer nur aus „Lock, Stock, & Two Smoking Barrels“, dem Regiedebüt von Guy Ritchie (in Deutschland „Bube, Dame, König, Gras“), auf dessen Soundtrack ihr Song „Fool’s Gold“ zu hören war. Aufgrund meiner Abneigung gegenüber Guns’n’Roses, habe ich auch immer Bands mit „Roses“ im Namen eher geflissentlich ignoriert - so auch die Band aus Manchester, von der Wikipedia behauptet, ein Vorreiter von Britpop zu sein. Auch Britpop find ich eigentlich eher blöd, aber vielleicht sind's auch nur Oasis. Jedenfalls fand ich ihr Debüt von 1989, auf dem eben das gute „Fool’s Gold“ als knapp neunminütiger Albumcloser zu hören ist, so gar nicht blöd: Ein Album voller Tendenzen an Alternative Rock, (Dream) Pop, Noise und Shoegaze, intelligentem und trotzdem massentauglichem Songwriting und einem Gefühl großer Entspanntheit, das sehr ansteckend ist und dieses Album bis heute sehr hörenswert macht.

Für die Stone Roses auf Spotify bitte hier entlang.

Wer außerhalb seiner Musikkolumne auf Beige von Pat nicht genug bekommen kann, sollte unbedingt seine Facebook Seite Riskodisko liken.

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