Netflix vs. Hollywood

Streamingdienste erobern Hollywood und steigen vom Dienstleister zum Vorreiter der Branche auf

Hand aufs Herz: Wie oft habt ihr in der vergangenen Woche Netflix eingeschaltet? Und wie oft habt ihr euch im gleichen Zeitraum einen Film im Kino angesehen? Ertappt. Home-Entertainment hat Kinoabende vielleicht nicht obsolet gemacht, doch die Zahlen der Kinobesuche gehen weiter zurück und erreichten 2018 in Deutschland laut Statista ihren Tiefpunkt seit 1993. Gleichzeitig bedeutet – auch wenn uns das die Filmbranche gerne vermittelt – größer nicht automatisch auch besser. Sprich: Ein Film ist, nur weil er im Kino läuft, nicht automatisch auch ein Meisterwerk und auch eine hochkarätige Besetzung kann ein schlechtes Drehbuch nicht retten.

Was da seit einigen Jahren in Hollywood brodelt, ist jedenfalls eine für Filmliebhaber*innen äußerst interessante Entwicklung. Denn die Streamingdienste, allen voran Netflix, rütteln wie verrückt an dem Elfenbeinturm der großen Filmstudios und bringen endlich wieder Originalität, Mut und Experimentierfreude ins Business. Mit Erfolg: 34 Golden-Globe-Nominierungen gingen dieses Jahr an den Platzhirsch Netlfix. Bei den Oscars 2019 waren es 13 Nominierungen für zwei Produktionen.

Mut vs. Marketing

Ich fange jetzt nicht damit an, euch darüber aufzuklären, dass es bei Awards wie dem Oscar oder den Golden Globes eher um Marketing und Vitamin B, anstatt um wirklich originelle und gute Drehbücher geht. Klar, über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber wenn Filme wie „Roma“ und „Spider-Man“ beide in der Kategorie Bester Film für einen Academy Award nominiert sind, ist das, als würde man Pfannkuchen und Kobe Beef als Hauptspeise anbieten. Wer mein Pfannkuchen ist, dürft ihr jetzt raten. Ja, ich weiß, Filme sind auch Unterhaltung und niemand hätte etwas davon, wenn nur noch Autorenfilme in die Kinos kommen. Manchmal muss es einfach knallen oder leicht verdaulich sein plus es ist das alte Spiel von Apfel und Birne.

Lange Zeit waren die großen Award-Verleihungen der Filmbranche jedoch ein Fest der Vorhersehbarkeit und Überraschungen gab es nur wenige. Warum? Weil die Golden Globes und die Oscars ein Preis von der Branche für die Branche sind. Die Nominierungen und Gewinner*innen werden von Insidern bestimmt. Bei den Golden Globes ist es ein Komitee aus 100 Korrespondent*innen in Hollywood. Bei den noch wichtigeren Academy Awards entscheiden die Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, alles Produzent*innen, Schauspieler*innen, Regisseur*innen usw., darüber, wer für einen Oscar ins Rennen geht.

Mit „Birdman“ (2014), „Moonlight“ (2016) oder „Shape Of Water“ (2017) haben, um nur einige zu nennen, in den vergangenen Jahren zwar wirklich immer bemerkenswerte Filme einen Award mit nach Hause genommen, aber rund um die festgefahrene und patriarchalische Filmindustrie hagelte es auch ordentlich Kritik. 2016 gingen das zweite Jahr in Folge ausschließlich weiße Schauspieler*innen für einen Academy Award ins Rennen und aus #MeeToo, angestoßen 2017 von Alyssa Milano, wurde eine bis heute andauernde globale Bewegung. Während der Filmfestspiele in Cannes machten Cate Blanchett und Agnes Verda 2018 zusammen mit 80 Frauen aus der Branche auf die ungleiche Bezahlung unausgeglichene Repräsentanz von Frauen aufmerksam.

„Roma“

Die Oscars ohne Netflix? Not OK, Boomer!

Streaming ist demokratisch. Vorausgesetzt, die Vorauswahl der Filme, Serien und Dokumentationen ist unvoreingenommen, dann können wir beim Streamen selbst entscheiden, was wir uns als Nächstes anschauen möchten. Welche Filme hingegen in die Kinos kommen, darauf haben wir als Zuschauer*innen keinen Einfluss – es ist ein Privileg der Verleiher. Logisch, dass hier vor allem Streifen gezeigt werden, die ordentlich die Kasse klingeln lassen und hohe Zuschauerzahlen garantieren. Das Ergebnis sind dann die 100. Fortsetzungen der Fortsetzung und Spin-offs zum Überdruss. Für Experimente und eine größere Filmauswahl außerhalb des Massengeschmacks fehlt den meisten Verleihern und Kino nicht nur an Mut, sondern auch an Geld.

Streaming ist die Zukunft der Unterhaltungsbranche, weil hier auch kleine Produktionen einer breiten Masse zugänglich gemacht werden. Egal wann, egal wo. Diese Entwicklung hat auch vor Hollywood nicht Halt gemacht. Netflix ist vom Dienstleister, der Fremdproduktionen verfügbar macht, zum Produzenten geworden und spuckt scheinbar mühelos Erfolgsserien und Blockbuster am laufenden Band aus. Vor einem Jahr wurde Netflix sogar in die elitäre Motion Picture Association of America aufgenommen worden – der erlesenste Kreis der amerikanischen Filmvereinigung. Wir erinnern uns, dass allen voran Steven Spielberg mit einer Initiative darum kämpfte, Netflix-Produktionen von den Oscars auszuschließen. Not OK, Boomer!

Ich habe kein Problem mit Steven Spielberg, aber sein Verhalten ist der typische Angstschrei des weißen Mannes, der um seine gute Stellung fürchtet. Ich muss gestehen, dass ich auch oftmals meine Probleme damit habe, dass alles nun immer unmittelbarer und digitaler wird (alte Frau, was soll ich machen). Aber so, wie es damals die Printbranche eiskalt erwischte, weil sie Online und Social Media ignorierte, könnte es der Filmbranche ergehen, wenn man nicht den Schulterschluss mit den Streamingdiensten eingeht. Vor allem, da die Produktionen aus dem Hause Netflix und Co. sehr oft auch wirklich sehr gut sind und mehr noch als alle Awards dieser Welt dafür sorgen, das nationale Produktionen international verfügbar und bekannt gemacht werden.

Anders sieht die Sache allerdings im elitären Cannes aus, wo Produktionen Netflix oder Amazon weiterhin vom Wettbewerb ausgeschlossen sind. Wie lange noch? Das werden wir sehen. Von den 34 Nominierungen für die Golden Globes konnte Netflix übrigens zwar „nur“ zwei Preise abräumen, was in der Presse gerne als Rückschlag betrachtet wurde. Ich denke, Netflix macht das nur wenig aus, die Oscars stehen schließlich auch noch an und die Filme für 2021 sind schon in der Pipeline. Meine Top 10 der besten Award-nominierten Filme auf Netflix habe ich ganz subjektiv für euch zusammengestellt.

Oscars, Golden Globes, Löwen – Meine Top 10 Gewinnerfilme bei Netflix

„Moonlight“

Identität, Aktivismus, Rassimus – „Moonlight“ geht viel tiefer, als „nur“ die Geschichte eines homosexuellen Afro-Amerikaners aus einer zerrütteten Familie zu erzählen. Die Coming-of-Age-Geschichte von Little ist ein Spiegel der amerikanischen Gesellschaft.

„Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“

Alejandro Gonzáles Iñárritu, die Erste! Warum sind Geschichten über abgewetzte, verzweifelte und gescheiterte Persönlichkeiten eigentlich immer so unterhaltsam und lehrreich? Und warum können sie nicht immer so innovativ und schwarz-komisch daherkommen wie in „Birdman“?

„The Revenant“

Mein Respekt vor Bären ist seit diesem Film unermesslich. Und auch, wenn das eigentlich nicht möglich ist, gilt das auch für meinen Respekt vor Leonardo DiCaprio in „The Revenant“ und die unbeschreibliche Natur unserer Erde. Die Aufnahmen von Regisseur Alejandro Gonzáles Iñárritu haben mir die Schuhe ausgezogen.

„American Beauty“

Für immer einer meiner absoluten Lieblingsfilme. „American Beauty“ ist das Debüt von Sam Mendes und zeigt auf, dass hinter den Fassaden (amerikanischer) Familienidyllen oftmals alles andere als Perfektion herrscht.

„The King's Speech“

Beim Brexit fehlen uns allen nun schon seit einigen Jahren die Worte. Im 2010 erschienene und ausgezeichneten Film von Tom Hopper „The King's Speech“ geht es allerdings um die sprachlichen Hürden von König George VI., der sein Stottern besiegen muss.

„Marriage Story“

Ach, schaut bitte einfach diesen Film namens „Marriage Story“. Er ist so toll und warum, das habe ich euch schon Mitte Dezember in den Beige News gesagt.

„Interstellar“

Ich liebe Christopher Nolan. Aber für diesen Film brauchte ich zwei Anläufe. Warum? „Interstellar“ ist ein Film, den man nicht bei Flugangst im Flieger schauen sollte. Es geht um nicht weniger als die Suche nach einer zweiten Erde und die Zukunft der Menschheit ... gar nicht mal mehr so abwegig wie noch 2014, als der Film in die Kinos kam.

„Green Book“

Das Negro Motorist Green–Book war ein bis 1966 herausgegebener Autoatlas für schwarze Bürger*innen Amerikas und enthielt Hotels oder Restaurants, in denen es ihnen erlaubt war, einzukehren. Was absurd klingt, war traurige Realität – diese greift der gleichnamige Film von Peter Farelly auf und verarbeitet sie in der halb wahren Geschichte des afroamerikanischen Jazz-Musikers Don Sherley in „Green Book“.

„Das Leben der Anderen“

Wir alle vermissen Ulrich Mühe sehr. Was wir allerdings nicht vermissen, ist der hinterhältige, menschenfeindliche und ekelhafte Überwachungsapparat der DDR. Florian Henckel von Donnersmarck macht in „Das Leben der Anderen“ den Jäger zum Gejagten und zeigt auf, wie hilflos Menschen gegenüber systematisch unterdrückenden Staatsapparaten sind.

„The Hurt Locker“

Das Irakkriegsdrama, mit dem Kathryn Bigelow bei den Oscars 2010 gleich sechsfach abräumte. Bigelow erhielt als erste Frau in der 82-jährigen Geschichte der Oscars den Award für die beste Regie. Der Film „The Hurt Locker“ um ein Bombenräumungskommando im Irak ist so spannend, dass man sich die Fingernägel weg kaut und so gut, dass er lange nachwirkt. Außerdem stehe ich aus ungeklärten Gründen ein wenig auf Jeremy Renner.

Und was sagt ihr? Werden Produktionen von Streaming-Diensten bald die Branche dominieren oder werden sich die Studios behaupten können? Die ersten Eingeständnisse wurden bereits gemacht, aber Luft nach oben gibt es immer.

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