Wir glauben daran: Deutschland ist #unteilbar

Am 13. Oktober haben über 240.000 Menschen in Berlin ein Zeichen für eine solidarische Gesellschaft gesetzt. Wir haben mit den Initiatoren*innen des Bündnisses #unteilbar gesprochen.

An manchen Tagen hängt mir unsere Gesellschaft derartig zum Halse raus, dass ich am liebsten meine Koffer packen und auswandern würde. Dann fällt mir aber ein, dass ich gar nicht daran denke, das Feld zu räumen! Ich bin hier auch zu Hause und wenn nun immer mehr nach rechts gerückte, engstirnige Spalter*innen meinen, mir mein Land und meine Gesellschaft kaputt machen zu wollen, sage ich ganz klar: Nö!

Besonders, wenn oben genannten Querulanten*innen meinen, für ihre Hetze und ihr rechtes Gedankengut unsere Demokratie, die Verfassung und das Grundgesetz als (Infra-)Struktur nutzen zu dürfen: zum Beispiel die Meinungs- und Pressefreiheit oder das Demonstrationsrecht. Diese Mechanismen kommen nicht nur mir bekannt vor und nicht selten kämpfe ich inzwischen mehrmals am Tag mit dem Gefühl eines Déjà-vus. Deutschland? Ist ein starkes, ein altes Land, das mit viel Erfahrung, Bildung und einer gesunden Ökonomie aufwarten kann! Oder? Na ja, unser Deutschland ist streng genommen ein sehr junges Land. Haben wir es doch immer wieder geschafft, uns durch unsere dumme Angst alles kaputt zu machen. Das wiedervereinigte Deutschland, wie wir es heute leben, ist gerade einmal 28 Jahre alt.

Im Spalten sind wir Deutschen echte Profis – Beweise hierfür findet man nicht nur am Mauerweg in Berlin, sondern jeden Tag in der Zeitung. Rechte Hetze, Diskriminierung und Angst machen sich breit, Minderheiten werden ausgegrenzt. Die Politik dieses Landes läuft indes lieber den rechten Arm hebend bei „Schweigemärschen“ mit, freut sich über neue Rekordzahlen bei Sammelabschiebungen oder steckt Geld in New Space statt in soziale Projekte. Die vielen Demonstrationen, neuen Bündnisse und das wachsende Engagement derer, die für eine offene und solidarische Gesellschaft einstehen, machen jedoch Hoffnung und beweisen: Deutschland ist noch nicht verloren.

Wir sind viele – wir sind mehr!

Vergangenen Samstag fanden sich in Berlin über 240.000 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen, um in einer der größten Demonstrationen der letzten Jahre ein Signal gegen Spaltung und für eine offene und freie Gesellschaft zu setzen. Das noch sehr junge Berliner Bündnis #unteilbar hatte zur Großdemo aufgerufen. Bei strahlendem Sonnenschein zogen die Demonstrierenden in einem kilometerlangen Zug durch die Innenstadt und boten ein buntes und hoffnungsvolles Bild, das wir alle, glaube ich, mal wieder bitter nötig hatten nach all der braunen Soße. Bereits im Vorfeld unterzeichneten zehntausende Organisationen und Einzelpersonen den Aufruf von #unteilbar, darunter Amnesty International, Brot für die Welt, der Lesben- und Schwulenverband oder Seebrücke.

Wer sind die Köpfe hinter #unteilbar und wie haben sie es geschafft, in derart kurzer Zeit eine Viertelmillion Menschen zu mobilisieren – unter anderem natürlich auch uns! Wir haben nachgefragt.

Wann, wo und warum wurde #unteilbar gegründet?

Die Idee von #unteilbar ist im Sommer dieses Jahres entwickelt worden. Ein Zusammenschluss aus Anwälten und Anwältinnen wurde schnell erweitert durch Aktivisten und Aktivistinnen, Einzelpersonen und Interessierte aus Berlin, die sich einig waren: die politischen Zuspitzungen der letzten Zeit können wir nicht weiter so hinnehmen. Wir brauchen eine große Demonstration, die ein klares Zeichen für Solidarität, eine offene Gesellschaft und gegen den voranschreitenden Abbau von Grundrechten setzt.

Wie konntet ihr so schnell wachsen und wie habt ihr auf euch aufmerksam gemacht?

Tatsächlich hat sich unser Aufruf mehr und mehr zum Selbstläufer entwickelt. Von überall in Deutschland sind Initiativen, Organisationen und Einzelpersonen auf uns zugekommen und wollten unterzeichnen, die eigene Anreise mit Bussen organisieren, in ihren Städten mobilisieren und so weiter. Wir glauben, dass viele Menschen auf genau so ein Zeichen, wie es #unteilbar jetzt gesetzt hat, gewartet haben. Es sind viele, die sagen: „Es reicht. Wir müssen uns bewegen, damit sich etwas verändert.“

Wer ist #unteilbar? Seid ihr eine bundesweite Organisation? Wie seid ihr organisiert?

#unteilbar ist ein Demo-Bündnis und keine bundesweite Organisation. Die Organisatoren und Organisatorinnen der Demonstration arbeiten in Berlin gemeinsam an den Vorbereitungen.

Wie schätzt ihr die politische Lage in Deutschland, aber auch Europa, derzeit ein?

Wir haben beobachtet, wie sich die politische Lage in diesem Land, aber auch in ganz Europa, in den letzten Jahren immer weiter zugespitzt hat. Es ist unerträglich was passiert, was gesagt werden kann, was jeden Tag aufs Neue gemacht wird und auch, was davon in neuen Gesetzen und Politik Eingang findet. Ob im Bereich der neuen Polizeigesetze, bei der Missachtung von Grund- und Menschenrechten oder auf dem Mittelmeer, wo immer noch tagtäglich Menschen sterben und Europa sich immer weiter abschottet. Gleichzeitig regt sich aber auch überall Protest und Hoffnung:  In München demonstrieren Zehntausende gegen die massive Hetze und die vielen Gesetzesverschärfungen in Bayern und sagen es ist #ausgehetzt, in Chemnitz oder anderswo widersetzen sich Bürgerinnen und Bürger den rechten Mobs, in Hamburg sind abermals zehntausende Menschen in einer großen Koalition des Antirassismus für die Bewegungsfreiheit und die Rechte aller auf die Straße gegangen. Wir verstehen #unteilbar als Ort, um alle diese Proteste zu vereinen und zu zeigen, dass ein großer Teil dieses Landes immer noch für eine andere Gesellschaft steht. Für eine Gesellschaft der Solidarität!

Euch geht es nicht nur um Fremdenhass und die neue Rechte. Was liegt euch alles auf dem Herzen und auf welche Missstände möchtet ihr aufmerksam machen?

Ein zentraler Punkt unseres Aufrufs ist, dass wir nicht mehr zusehen wollen, wie die sozialen Fragen dieses Landes auf dem Rücken von Migrantinnen und Migranten ausgetragen werden. Das Sozialsystem ist derzeit von Schwäche gekennzeichnet: Pflegenotstand, Wohnungsmangel und Armut sind nur ein paar Schlagwörter. Die Migration ist dabei nicht das Problem. Das Problem ist die massive Umverteilung von unten nach oben, die die Benachteiligten dieser Gesellschaft immer weiter benachteiligt und Profite vor die Grundrechte jedes*r einzelnen stellt. Genau deswegen werden Initiativen wie das Berliner Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus am Samstag auf der Demonstration sprechen.

Wieso habt ihr ausgerechnet den 13. Oktober als Demotag gewählt?

Wir wollten bewusst am Tag vor der Landtagswahl in Bayern dieses bundesweite Zeichen setzen. Nachdem zehntausende in München unter dem Motto #ausgehetzt auf die Straße gegangen sind, ist es nun an uns - bundesweit - #ausgehetzt und #unteilbar zu sagen.

Sind die Vorbereitungen zum 13. Oktober so verlaufen, wie ihr euch das vorgestellt habt?

Wir würden sagen: besser! Wir freuen uns sehr darüber, wieviel aus unserer Idee im Sommer mittlerweile geworden ist und wie groß der Zuspruch ist. Am Samstag sind viele, viele Menschen von überall her nach Berlin kommen und haben gemeinsam ein eindeutiges Zeichen gesetzt.

Was kann jede*r einzelne von uns täglich tun, um Deutschland zu einem besseren Ort zu machen?

#unteilbar ist ein gutes Beispiel dafür, dass eigentlich jede*r einzelne etwas tun kann. Auch wir sind am Anfang erstmal ein loser Zusammenschluss mit einer Idee gewesen. An vielen Orten passiert ja auch schon etwas. In Hamburg haben Bürger*innen die Initiative ergriffen, die Stadt zu einem sicheren Hafen zu machen. In anderen Städten gibt es regelmäßig Treffen der Seebrücke oder Bündnisse gegen Rechts. Solche Initiativen müssen wir stärken oder selber ins Leben rufen.

Kritiker*innen werfen euch vor, kein Problem damit zu haben, dass sich unter den Erstunterzeichnern auch Islamistische Gruppen und antisemitische Linke befinden und ihr euch nicht von diesen Gruppierungen distanziert.

Wir verstehen uns als Demo-Bündnis, dass seine Inhalte und zentralen Punkte in unserem Aufruf deutlich gemacht hat. Darin steht eindeutig, dass wir Antisemitismus entschieden entgegentreten. Und unsere Erstunterzeichner werden unseren Aufruf gelesen haben.

Und wie geht es jetzt weiter?

Klar ist: es muss weitergehen. Eine große Demonstration ist noch nicht genug. Aber alle die, die am Samstag demonstriert haben, werden danach ja nicht aufhören sich in Bewegung zu setzen – im Gegenteil. Wir werden alle gestärkt und mit neuer Kraft aus diesem Tag herausgehen und danach gemeinsam überlegen, wie es weitergehen kann. Bei #unteilbar, in unseren Kiez-Initiativen, unseren Vereinen oder Gemeinden. Und wir werden weitermachen.

Vielen Dank für eure Zeit und die ausführlichen Antworten!

Wenn ihr euch außerhalb von Demonstrationen und Aktionstagen engagieren wollt und nicht wisst, wo anfangen, verfolgt unsere Reihe „Engagiere dich!“ auf Beige. Wenn ihr euch bei #unteilbar engagieren wollt, kontaktiert die Macher*innen des Bündnisses direkt. Sie freuen sich über jede helfende Hand!

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    Beige.de

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