To Brussels With Love – Felix’ neue Auslandskolumne

Teil 1: Darf man aus Berlin wegziehen?

Freitagabend. Mit einem Freund treffe ich mich in einer Bar in Berlin-Mitte. Der Gin Tonic kostet hier 15 Euro, abschätzige Blicke des Personals sind inklusive. Nach wenigen Minuten werden wir auf einem abgesperrten Parkplatzstreifen neben einem Schuttcontainer platziert, der das Ambiente virtuos abrundet. Auch die spärlich aufgestellten Pflänzchen in dieser gemieteten Halteverbotszone können leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich auf einer lackierten Bierbank im Straßengraben sitze und nicht in der angestrebten Illusion eines südfranzösischen Bistros. Als Snacks bietet die Bar ausschließlich getrocknete Wurstvariationen an, die Bedienung weiß nicht, was mit „Können wir zahlen?“ gemeint sein könnte und ich merke: Ey, ich muss mal aus Berlin raus. 

Darf man überhaupt aus Berlin wegziehen?

Woher mein Sinneswandel genau kommt, kann ich nicht sagen. Vielleicht, weil ich zynisch-reife 30 Jahre alt geworden bin? Verheiratet? Oder ich mich endgültig in das Klischee eines Westberliner Snobs verwandelt habe? Es ist eine Frage, die sich mir in zehn Jahren Hauptstadtleben immer wieder stellt, aber jedes Mal illegal scheint. Berlin, beste Stadt ever, hier will man wohnen, geiler wird es nicht. Und natürlich stimmt diese Feststellung grundsätzlich. Trotzdem gibt es einige Dinge, die mich hier in den Wahnsinn treiben: der unterirdische Bar-Service. Für absolut alles immer und überall anstehen zu müssen. Und natürlich das saftige Drogenproblem, das so offensichtlich ist und doch unter dem Deckmantel des Hedonismus in Endstufe weggelobt wird. Nein, Berlin ist nicht die gesündeste Stadt zum Leben. Aber sie kickt so unglaublich gut. 

Bewusst hierhergezogen zu sein, sich ein Leben aufgebaut zu haben, Teil des Hypes zu sein, ist so einnehmend, dass ein Wegziehen unmöglich wirkt. Wo könnte es possibly besser sein? Für jede Stadt fallen mir zwanzig Gründe ein, warum es dort beschissen sein würde. Mir obliegt die moralische Pflicht, hier zu bleiben. Und dennoch tue ich das, was nicht getan werden darf: Ich haue ab.

Brüssel – Liegt das in der Schweiz?

„Bock auf Ausland?”, fragt mein gut gekleideter Mann, als er im Anzug von der Arbeit nach Hause kommt und mich (once again) in meiner vollgeschlabberten Homeoffice-Couture im Bett vorfindet. Durch den Widder-Aszendenten wird meine schnatterige Zwillingspersönlichkeit mit einer guten Prise Impulsivität ergänzt, sagt horoskop-paradies.ch. Ein passendes Beispiel hierfür ist meine Antwort, die ich nach 30 Sekunden Bedenkzeit treffe: „Klar!”

Und so passierte es, dass wir nun ein neues Leben in Brüssel beginnen. Aufgrund einiger Gratulationen für die Versetzung in die Schweiz, kommt an dieser Stelle noch einmal der Hinweis: Brüssel, die Hauptstadt von Belgien, ist nicht Basel. Vielleicht lag es an den fundierten Geografiekenntnissen, aber die Entscheidung, für mindestens zwei Jahre dorthin zu ziehen, fiel uns beiden leicht. Viele Leben in unterschiedlichen Ländern zu führen, war schon immer eines der Ziele in unserer Beziehung. Die Welt sehen und erleben, mit dem Geliebten an der Seite. Als Paar, das keine Kinder, Häuser oder Bausparverträge plant, beinhaltet so ein Vorhaben gleichzeitig das Versprechen, persönliche Erfüllung in Beruf, Reisen und einander zu finden. Unser Leben verändert sich jetzt von einem Tag auf den anderen, wir kennen niemanden in der neuen Stadt, ich habe keinen Job und je parle pas français. In anderen Worten: Ich freue mich wahnsinnig!

Werde ich jetzt Schmuckdesignerin?

Als diplomatisches Anhängsel stellt sich unweigerlich die Frage, wie das eigene berufliche Leben weitergehen soll. Nach dem Ausstieg aus meinem Berliner Brötchen-verdien-Job gehe ich nach Brüssel in eine ungewisse Zukunft. Das Schreiben als Freelancer nehme ich natürlich mit, aber was mache ich den Rest der Zeit? So sehr ich mich für meinen Karriere-Husband freue - Als „Autor/Schmuckdesigner/Charity-Persönlichkeit” wollte ich eigentlich nicht mein Dasein fristen. Und lassen sie mich als Mann überhaupt beim Diplomatic Ladies Lunch rein?!

Nach Wochen der Überlegung habe ich realisiert, welche Chancen eine Reise ins Ungewisse eigentlich birgt und welcher Luxus es ist, in Ruhe an einem neuen Karriereentwurf zu schrauben. Ich vermisse seit längerem den Sinn in meinem Bürojob und werde nun eine neue Möglichkeit (er)finden, Geld zu verdienen. Ein Buch schreiben? Endlich ein eigenes Unternehmen gründen? In eine neue Branche einsteigen und dazu lernen? Was genau entstehen wird, kann ich noch nicht genau sagen. Angst habe ich keine. Meine Aufgabe der nächsten Monate wird es sein, mich zu sortieren, Ideen zu sammeln und einige davon umzusetzen. Und Französisch zu lernen!

Les Prochaines Étapes

Für ein kurzes Wochenende geht es für uns das erste Mal nach Brüssel, um Wohnungen zu besichtigen und einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen. Trotz des extrem nassen Klimas und der Umständlichkeit des Jahrtausends, dem Eröffnen eines belgischen Kontos, ist Brüssel genau so, wie man es sich vorstellt. Eine kleine Version von Paris, voller opulenter Parks, Art-Déco-Häuser und instagrammable Backwaren. Obwohl die halbe Welt ihre Diplomat*innen hierher entsendet, ist der Immobilienmarkt erstaunlich entspannt. Beziehungsweise wir Berliner*innen nachhaltig traumatisiert. Für etwa den gleichen Preisrahmen wie in der deutschen Hauptstadt fanden wir in Brüssel eine riesige Auswahl an schönen Wohnungen in allen Bezirken. Welche es wird, werde ich in der nächsten Kolumne berichten. 

Für den Partner*die Partnerin ins Ausland zu ziehen, ist ein Wagnis und eine tolle Chance zugleich. Der Zeitpunkt und die Konditionen müssen stimmen, damit beide sich auf das Abenteuer einlassen können und es sich lohnt. Trotz kleiner latenter Sorgen im Hinterkopf freue ich mich extrem darauf und bin gespannt, was mich erwartet. Auch, wenn mich Berlin ab und an fertig macht, werde ich gerne wieder kommen. Denn, das ist das wichtigste Learning vorab: Berlin fühlt sich am besten an, wenn man zwischendurch woanders ist. 

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