To Brussels With Love - Felix’ Auslandskolumne

Teil 2: Wieso muss ich nirgends anstehen?

Aller Anfang ist schwer. Es sei denn, du ziehst nach Belgien! Es ist Samstagnachmittag, die ersten freien Stunden nach unserem Umzug (hier lest ihr nochmal Teil 1 der Kolumne), als ich in der Brüsseler Innenstadt verwundert feststelle, dass dich ein Ort auch mit offenen Armen empfangen kann. Die freundliche Barfrau, die mir meinen 16-Uhr-Chardonnay reicht, ein netter Blick vom Paar am Nebentisch oder das höfliche Ignorieren der Fehler meines (noch) unterirdischen Französischs. Wer hat’s erfunden? Ganz sicher nicht die Bundesrepublik. 

Mit Schrecken erinnere ich mich an die chronisch unterkühlte Berliner Kultur der abschätzigen Blicke und wichtigen 2000er-Memoriam-Kleidung, deren trivialer Narzissmus zwangsläufig auf die unschuldig Zugezogenen abfärbt. Wie konnte ich diese metropolitische Schrulligkeit zehn Jahre als so gottgegeben hinnehmen? Hätte ich nie Psychotherapie gebraucht, wenn ich an einem Ort ohne obligatorische personal Coolness gewohnt hätte? Und, asking for a friend, wohin entsorgt man am besten seine neue Juicy Couture-Jogginghose? 

Die Stadt, die niemand kennt

„A land of chocolate, fries and waffles? I don’t think so!“ Es kursiert eine hartnäckige Verschwörungstheorie, laut der es Belgien gar nicht gibt. Auf diversen Webseiten finden sich stark entwaffnende Argumentationen über die Nicht-Existenz Belgiens, die die Wahrnehmung des kleinen Landes ironischerweise nicht ganz unpassend widerspiegeln. Denn fragt man im Freund*innenkreis, ist la Belgique in der Tat unsichtbar. Haselnussbier? Geil. Doch kaum jemand war zu Besuch, weiß etwas über die hiesige Kultur, geschweige denn über das politische System. Es ist jenes Underdog-Dasein der europäischen Hauptstadt, das auch dem Vibe Brüssels guttut. Die Stadt ist internationaler als Berlin, hat ein sensationelles Vintage-Angebot und grandiose Restaurants, Bars und Cafés. Selbst Start-ups inspirieren mit Talks zur Zukunftsfähigkeit wasserstoffbetriebener Kryptowährungen, der basisdemokratischen Kraft des Frugalismus und pflanzen Dinge auf brachliegende Fabrikdächer. 

Trotzdem sind Mieten und Kaufpreise hier in Ordnung, selbst der Supermarktwein schmeckt und ich muss für ein anständiges Brot nicht 40 Minuten im Prenzlauer Berg anstehen. Bereits in der ersten Woche habe ich ein Paar kennengelernt, das mit Ende zwanzig (und ohne Old-Money-Eltern) eine eigene Wohnung kaufte. Nach einem kurzen Anfall hysterischen Lachens akklimatisierte ich mich mit der Realität, dass tatsächlich noch Städte existieren, in denen Menschen ohne sechsstelliges Gehalt toleriert werden. Wenngleich ich durch sehr privilegierte Umstände in dieses neue Land gezogen bin und demnach nicht für alle sprechen kann, ist es dennoch krass, ein Klima der casual Wohnungssuche mal live mitzubekommen. 

Brüssel ist ein schwuler Diplomat

Die wohl unterhaltsamste Nachricht des Covid-Zeitalters muss die öffentliche Festnahme des hardcore-homophoben ungarischen Politikers József Szájer gewesen sein. Der Mitverfasser LGBTQ-feindlicher Gesetze wurde auf einer schwulen Sexparty in Brüssel verhaftet, da diese gegen die Lockdownauflagen verstieß. Für unsere Community sind die verstörende Realität von Selbsthass zerfressener Schwuler sowie der grenzenlose Hedonismus vieler queerer Männer leider nichts Neues. Umso angenehmer erscheint das Brüsseler (Dating-)Leben, das laut meiner aktuellen Diagnose vor allem durch feste Beziehungen, weniger Diskriminierung und einen respektvollen Umgang geprägt ist. Das Gay-Bar-Publikum ist weniger uniform weiß, auf den Klos wird nicht gekokst, man ist freundlich zueinander. Die Präsenz genderqueerer BIPoCs ist in Brüssel signifikant höher als back home. Ein Umstand, durch den ich auch antidiskriminierend aufgestellte Berliner Räume in einem neuen Licht sehe.

Disclaimend möchte ich hinzufügen, dass weder eine feste monogame Beziehung, noch ein lediglich reduziertes Diskriminierungsaufkommen das Nonplusultra der menschlichen Zivilisation darstellen. Trotzdem fühlt es sich gut an, zur Abwechslung in einem Paralleluniversum des Berghain, Grindr und drogenlastigen Berlins zu verweilen und nicht ausschließlich Paraden dysfunktionaler Beziehungsmodelle mit dem morgendlichen Avocadotoast serviert zu bekommen. 

Das homosexuell und wohlstandsgeprägte Brüssel ist zweifelsohne eine Welt des eher konservativen Lebensstils, die ebenso klassistische Fragen zur demographischen Zusammensetzung dieser Metropole aufwirft. Wieso sind wir hier und nicht andere? Jedoch fühle ich mich als verheirateter Mann, dem frecherweise Dandy-Allüren unterstellt werden, hier wohl. Die Frage aller Fragen bleibt: Bin ich das kapitalistisch versiffte Negativbeispiel queerer Identität? Vielleicht. Fühle ich mich gut, akzeptiert und angekommen? Auf jeden Fall.

Je suis Felix et j’aime Bruxelles

Es sind jene Worte, die sich mit meinem holzigen A1-Französisch nur allzu leicht sagen lassen. Denn sie stimmen. Mein neues Leben in Belgien könnte der Berliner Existenz kaum weniger ähneln, dennoch oder gerade deshalb fühle ich mich so zufrieden wie lange nicht mehr. Neben einem guten Maß berechtigten Berlin-Slander neige ich als Luftzeichen Zwilling zu schneller Begeisterungsfähigkeit und gar einseitiger Berichterstattung.  So sagt es zumindest die Astrologie-Seite meines Vertrauens. Dennoch überwiegt die Ekstase über den frischen Lebensabschnitt der Wehmut über alle schönen Seiten des alten Lebens, welche ich zurückgelassen habe. Auch, wenn Brüssel mein Herz gerade fest im Griff hat, wird Berlin darin für immer einen besonderen Platz behalten. Trotz übertriebener Coolness, latentem Drogenproblem und Juicy-Couture-Revival. 

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...