Internationaler Frauentag – Lasst die Korken stecken!

Bevor ihr jetzt die Sektflaschen rausholt, Blumen pflückt und Pralinen auspackt – vergesst es, wir haben noch mal darüber nachgedacht!

Juhu, heute ist Internationaler Frauentag und wir Berliner*innen haben auch noch frei. Das ist neu, das ist cool! Endlich haben alle Frauen da draußen ihren eigenen Feiertag! Damit ist also endgültig geklärt, was noch offen war. Die Frauen können sich für ihre neue große Errungenschaft auf die Schulter klopfen und die Männer können drei Stunden länger schlafen.

Moooment ... so einfach ist das alles leider nicht. Lisa, Marie und Nils haben sich ein paar Gedanken zum neuen gesetzlichen Feiertag in Berlin gemacht:

Lisa sagt:

Der Internationale Weltfrauentag ist jetzt also ein Feiertag in Berlin. Ich wohne seit inzwischen elf Jahren in dieser wunderbaren Stadt und ich habe es bis dato nicht erlebt, dass hier eine doch relativ weitreichende Entscheidung dermaßen schnell durchgewunken wurde.

Und genau das ist es, was unseren tollen feministischen Feiertag madig macht. Er kommt nämlich zu einer Zeit, in der sicher nicht wenige von denen „da oben“ laut nach Zugeständnissen krakeelt haben, damit wir Frauen „da unten“ endlich unsere gierig aufgerissenen Mäuler schließen.

Frauenquote, die Abschaffung des generischen Maskulinums, Quoten für Wahllisten, Lohngleichheit und dann auch noch die Abschaffung des Paragrafen 219a – reicht auch irgendwann mal, ne? Irgendwie wirkt dieser übers Bein gebrochene Feiertag eher wie Opium fürs (weibliche) Volk. Gebt denen den 8. März, dann ist hoffentlich mal Ruhe im Karton.

Danke, für Nichts. Ein freier Tag mehr im Jahr ändert nichts daran, dass immer noch fast 20 Prozent aller Frauen Gefahr laufen, in die Altersarmut zu rutschen. Ein freier Tag mehr im Jahr ändert nichts daran, dass die Gender Pay Gap in Deutschland noch immer bei rund 21 Prozent liegt. Ein freier Tag mehr im Jahr ändert nichts daran, dass Frauen noch immer beruflich benachteiligt sind, weil sie Kinder bekommen. Ein freier Tag mehr im Jahr ändert nichts daran, dass Schwangerschaftsabbrüche noch immer stigmatisiert werden. Ein freier Tag mehr im Jahr ändert nichts daran, dass noch immer jeden dritten Tag eine Frau in Deutschland von ihrem Partner umgebracht wird. Ein freier Tag mehr im Jahr ändert nichts daran, dass nicht genügend Kitaplätze und Hebammen zur Verfügung stehen. Und ein freier Tag mehr im Jahr ändert nichts daran, dass wir auch die Männer ins Boot holen und gemeinsam an einer gleichberechtigten Gesellschaft arbeiten müssen.

Gleichberechtigung und ein Miteinander auf Augenhöhe sind viel Arbeit und hierbei sind wir alle gefragt. Wer denkt, dass sich all diese Probleme mit einem Mal mehr Ausschlafen in Luft auflösen, ist entweder unheimlich dumm – oder Politiker*in.

Oh, Moment, ein Gutes hat unser neuer Feiertag: Aktionen, wie die Rossfrau oder Rabatte auf Putzmittel bleiben uns in Berlin dank der geschlossenen Geschäfte erspart. Immerhin …

Nils sagt:

Die erste Frau, die ich dazu befragt habe, sagte „Is doch bescheuert.“ Die zweite sagte: „Be-scheu-ert!“ – und die dritte, die sagte „Braucht kein Mensch, wir haben Valentinstag.“ Ein paar Frauen auf Youtube sind auch nicht begeistert. Auch die zwei an meinem Tisch in diesem Schöneberger Café sind wahrlich keine Faninnen. Sogar meine Speisekarte ist dagegen, denn dieses Lokal schreibt ziemlich gesalzene Zeitungsartikel da neben die Suppe. Und recht haben sie alle. Es ist verdammt schade, dass der Frauentag da ist. Nicht, dass der Feiertag mit all seinen Ideen schlecht oder gar unnötig wäre. Ich find’s nur schade, dass wir ihn überhaupt brauchen. Es macht mich traurig, dass wir das seit hundert Jahren nicht auf die Reihe bekommen. Stellt euch vor, ihr lebt in einer Familie, und an der Küchentür hängt einmal im Jahr, am 8. März, ein Zettel mit „Denkt an die Frau“, weil sonst niemand an die Frau denkt. Ist das nicht traurig? Ich wünschte, der Frauentag würde nicht kommen, wie eine Ehefrau. Aber er ist da. Er ist unser Eingeständnis, dass wir heute immer noch so viel Gleichberechtigung haben wie back in the day, als Feuer noch der neue heiße Shit war. 

„Viele Frauen werden eh nicht fläzen können, weil die Kinder nicht in der Kita oder Schule sind (alles zu!) und wenn sie keine Kinder haben, müssen sie zusehen, dass sie den Gehaltsunterschied irgendwie ausgleichen. Oder beides.“

Und dafür sollen wir dann verkatert mit Pizza im Bett rumfläzen dürfen? Viele Frauen werden eh nicht fläzen können, weil die Kinder nicht in der Kita oder Schule sind (alles zu!) und wenn sie keine Kinder haben, müssen sie zusehen, dass sie den Gehaltsunterschied irgendwie ausgleichen. Oder beides. Von wegen Feiertag! 

Hier eine Liste an Dingen, die wir stattdessen am 8. März hätten feiern hätten können: den Abgeschafften 219a zum Beispiel! Oder ausreichend Kitas! Gedetoxte Maskulinität! Grapschen nur mit Erlaubnis! Mehr weniger durchgenudelte Fahrradwege! Transparentere Gehälter! Durchstandene Beziehungskrisen! Marie Nasemanns Geburtstag! Maltas Beitritts-Entscheid zur EU! Oder Eintracht Frankfurts Geburtsstunde, wenn's sein muss. Ihr könnt euch was aussuchen.

Frauenthemen müssen ja seit jeher für alles herhalten. Es geht immer um mehr, wenn man über Frauenrechte und Gleichberechtigung spricht: Um LGBTQ, Toxic Masculinity, um ethnische, religiöse oder kulturelle Minderheiten, gefühlt geht es um alles Gute und Wichtige im Leben, um Kinder, um Familie, um Kitas, um Erziehung, um Bildung und in letzter Instanz – seit der UNO Generalversammlung 1977 – auch einfach gleich um alles, nämlich den Weltfrieden. No pressure, ne? Aber so falsch finde ich es nicht.

Dieses Thema geht uns eben alle an. Der 8. März ist für uns alle. Aber zu feiern gibt’s nix. Und da der Tag ja nun auch für mich ist, bitte, tut mir einen Gefallen und lasst den Quatsch mit den Blumen und den Pralinen und dem Sekt. Stellt euch lieber den ganzen Tag in die Ecke (oder auf die Straße) und denkt drüber nach, was ihr besser machen könnt. 

Marie sagt:

Im ersten Moment war die Freude groß. Aber nicht darüber, dass wir jetzt einen Frauentag haben, sondern eher, dass wir einen Feiertag mehr haben – wobei das als Selbstständige*r leider keinen Unterschied macht, möp. Doch bei genauerem Betrachten stellt sich der Frauentag als versteckter Valentinstag heraus. Gestern, einen Tag vor dem besagten International Women's Day, explodiert unser Terminkalender. Der Grund? Alle Brands wollen etwas abhaben vom Frauentag, ein Stück Empowerment hier, ein bisschen Equality da. Versteht mich nicht falsch: Jeder Tag, der als Anlass dient über das Thema Gleichberechtigung zu sprechen, ist ein guter Tag, jede Chance, diese Problematik in die Öffentlichkeit hinauszutragen, muss genutzt werden und ich bin froh, dass viele kommerzielle Brands solch diverse Topics aufgreifen und in ihre Firmenpolitik integrieren wollen.

Aber Frauentag ist so wie Valentinstag: Ich will nicht an einem Tag die Liebe zelebrieren, ich will es an 365 Tagen im Jahr. Ich will nicht an einem Tag Frauentag, ich will jede einzelne Sekunde Frauentag, ein Leben lang. Rote Rosen auf der Straße geschenkt kriegen? Den Tag mit pinkem Sekt feiern? Oder vielleicht mit dem Bollerwagen und Cinzano Asti durch die Stadt? Bei dem Gedanken, dass das jetzt vielleicht das Pendant zum Vatertag werden könnte, wird mir richtig übel.

Meine größte Sorge? Dass sich die Politik jetzt darauf ausruht mit dem Argument: Wir haben ja jetzt einen Frauentag, gebt Ruhe. Denn ein fucking Feiertag im Jahr mehr, was ändert der in Sachen Equal Pay, Kinderbetreuung, Rassismus, Schubladendenken und fehlender Bildung? Richtig: Nichts!

  • Fotos
    Les Anderson

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