3 Männer & 3 Frauen über den Paragraphen 219a und die geplante Studie von Jens Spahn

Wir können weiter darüber schreiben. Oder denen zuhören, die betroffen sind und sich Gedanken machen

Was wurde diskutiert und gekämpft. Der Erfolg? Ein leicht faulig riechender Kompromiss. Die Debatte um den „Abtreibungsparagraphen“ 219a wurde und wird so leidenschaftlich und öffentlich geführt, wie es schon lange nicht mehr der Fall war. Am Freitag vergangener Woche hat der Bundestag nun den Gesetzesentwurf für eine Entschärfung des Informationsgesetzes bei Schwangerschaftsabbrüchen beschlossen. Künftig dürfen Ärzt*innen und Krankenhäuser darüber informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Für weitere Informationen müssen sie jedoch auf Behörden, Beratungsstellen und Ärztekammern verweisen. Das Puzzlespiel und Herumgerenne für Betroffene ist also immer noch nicht aus dem Weg.

Gleichzeitig sorgte unser Gesundheitsminister Jens Spahn für Gegenwind und Wut. Seine vom Bundeskabinett freigegebene, fünf Millionen Euro teure Studie zu den „seelischen Folgen“ eines Schwangerschaftsabbruchs, wirkt wie der Versuch, seine ohnehin schon feststehende Meinung zu dem Thema wissenschaftlich zu untermauern.

Transparenz, Informationsfreiheit, Entscheidungsfreiheit, keine Bevormundung und Stigmatisierung – die Forderungen der Frauen sind klar, mehr als verständlich und logisch! Schließlich geht es um ihren, um unseren, Körper. Doch wo sehen sich Männer bei dieser Debatte? Wie stehen sie zur geplanten Studie von Jens Spahn? Wie sehr betrifft der Paragraf 219a ihr Leben? Und wie geht es Frauen, die bereits eine Abtreibung hinter sich haben? Wie haben sie es verkraftet? Was waren ihre Gründe und bereuen sie es, es getan zu haben?

Wir haben drei Männer und drei Frauen gebeten, uns ihre Geschichten zu erzählen und ihre Meinung mit uns zu teilen. Unkommentiert, ohne Beurteilung, ohne Vorgaben. Hier sind ihre Geschichten:

Erik, 35

„Meine erste Freundin hatte gerade abgetrieben, als wir zusammenkamen. Als damals 14-Jähriger habe ich das Thema intellektuell noch nicht richtig durchdrungen. Aber mir war schon klar, dass sie die freie Entscheidung haben sollte. Und diese Beratungspflicht schien mir schon recht seltsam. Seitdem habe ich mich immer mal wieder mit dem Thema beschäftigt. Wann fängt Leben an, das die Gesellschaft über Gesetze schützen soll? Und wie stark darf der Staat dafür das Selbstbestimmungsrecht von Frauen einschränken? Heute denke ich: gar nicht. Keine Frau wird das leichtfertig entscheiden, da kann sich der Staat (und jeder Mann) getrost raushalten.

Die geplante Studie des Gesundheitsministers halte ich für Unsinn, weil das Ergebnis ebenso vorhersehbar ist wie die Argumentation, die daraus abgeleitet werden wird: Der Staat müsse Frauen vor sich selbst schützen. Und das ist ja ganz offensichtlich absurd. Mich ärgert es, weil die fünf Millionen Euro aus Steuereinnahmen stattdessen für etwas Sinnvolles verwendet werden könnten.“

Katharina, 32

„Ich persönliche finde die Diskussion gerade gut und wichtig. Endlich kommt das Thema aus der Tabuzone. Als ich damals erfahren habe, dass ich schwanger bin, war es kurz vor Weihnachten. Meine Frauenärztin hatte geschlossen und ich musste zu einem Frauenarzt gehen, der mich unfassbar schlecht behandelt hat. ‚Hier sehen sie die Schwangerschaft‘ – und weg war er. So elend und stigmatisiert habe ich mich nie zuvor gefühlt. Ich habe gemeinsam mit einer Freundin alle Beratungsstellen abtelefoniert, bis ich endlich einen zeitnahen Termin bekam. Bei der Beratung selbst fühlte ich mich maximal entmündigt. Die Fragen, die mir gestellt wurden, gingen einfach niemanden etwas an. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie mir ein Antrag auf Übernahme durch die Krankenkasse in die Hand gedrückt wurde. Als ich fragte, wie hoch die Chance überhaupt sei oder ich mir diesen Schritt direkt sparen soll, wurde schnell klar, dass ich zu viel Geld verdiene. Daraufhin lobte die Beraterin mich dafür, wie viel ich in meinem Leben schon hingekriegt hatte – bis jetzt. Das hat mich ehrlich gesagt mit am wütendsten gemacht. Ich war damals schon nicht dumm und schon gar nicht fahrlässig. Klar hatte ich mein Leben im Griff! Daran hatte ich bis zu dieser unnötigen Aussage auch nicht gezweifelt. Merkwürdigerweise hatte ich Monate zuvor mal davon geträumt, ungewollt schwanger zu sein und mir daraufhin genau überlegt, was ich tun würde. So stand zu dem damaligen Zeitpunkt meine Entscheidung keine einzige Sekunde zur Debatte. Und dennoch, wenn ich heute schwanger werden würde, von meinem Freund, ich würde es bekommen. Nur damals eben nicht, ich war noch nicht so weit und hatte keinen festen Partner.


Ich erhielt einige Telefonnummern von Ärzten, die ich abtelefonieren konnte. Denn was ich bis dahin gar nicht verstanden hatte: Nicht jede*r Ärzt*in führt eine Abtreibung durch. Ich bekam direkt einen Termin, doch musste eine Woche warten. In dieser Woche durchforstete ich das Internet und las nur Schlimmes. Ich traute mich niemandem davon zu erzählen. Meine Frauenärztin ist seither wie eine Lebensretterin für mich. Sie hat mich mit ihrer entspannten Art beruhigt und mir immer wieder klar gemacht, dass es OK ist und ich mich nicht schämen muss. Ehrlich gesagt habe ich mich jahrelang weiterhin geschämt und es verdrängt. Ich fühlte mich während des gesamten Prozesses zu 100 Prozent entmündigt! Danach erst fühlte ich mich wieder wie ich selbst. Ich war mehr als glücklich, als ich Nike im Podcast davon sprechen hörte. Endlich gab es jemanden, der genau das durchgemacht hatte. Es war so befreiend. Seither spreche ich offener darüber und freue mich über jede, die es sich ebenfalls traut.“

Julian, 30

„Was soll man(n) dazu noch sagen? Ich finde es irritierend, dass man im Jahr 2019 über 5G beziehungsweise flächendeckendes Handynetz diskutiert und gleichzeitig eine Debatte zu einem Gesetz anstößt, welches in seiner letzten Form von 1933 stammt. Ja, das klingt vielleicht pauschalisiert aber das ist ehrlich gesagt alles, was mir dazu noch einfällt. Einerseits sich für das Verbot von Konversationstherapien einsetzen, andererseits Geld für Studien ausgeben, die schon gemacht wurden. Nein, ich habe mich mit dem Thema bis jetzt nicht auseinandergesetzt und nein, ich werde es nicht tun. Ja, ich denke hier emotional. Mein Körper gehört mir beziehungsweise ihr!“

Carolin, 31

„Ich habe mit 18 Jahren abgetrieben. Bevor man selbst in dieser Situation ist, denkt man immer, dass man das nie tun würde und dann steht man da, kurz vor dem Abitur und mit einer Essstörung und denkt sofort: „Das Ding muss weg.“ Ich habe alles alleine geregelt. Den Termin zur Beratungsstelle, die Termine bei der Frauenärztin, den Termin zur Krankenkasse, die die Kosten Gott sei Dank übernommen hat in meinem Alter und den Termin in der Klinik. Begleitet hat mich beim Eingriff meine beste Freundin, danach war ich dann irgendwie alleine. Mein damaliger Freund wusste es zwar, aber für ihn war das alles eine Belastung. Er hatte Albträume und unsere Beziehung scheiterte dann auch wenige Monate an der Story.“

Daniel, 44

„Ich habe mit dem Thema bislang weder selber, noch im Bekanntenkreis Erfahrungen gemacht. Gleichwohl glaube ich, dass insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Gesetzgebung noch viel getan werden muss, um den Betroffenen besser zu helfen. Leider ist das Thema Abtreibung in Deutschland immer noch mit einer starken Stigmatisierung verbunden und ein Diskurs findet (leider) kaum statt. Insgesamt hat man den Eindruck, dass die betroffenen Frauen mit diesem Thema ziemlich allein gelassen werden. Die Reformierung des Paragrafen 219a ist, aus meiner Sicht, ein wichtiger und längst überfälliger erster Schritt in die richtige Richtung. Dies kann jedoch eigentlich nur der Anfang sein. Wir leben doch schließlich im 21. Jahrhundert, oder? Die von Jens Spahn in Auftrag zu gebende Studie würde ich, wenn hierbei tatsächlich das Forschungsinteresse im Sinne der betroffenen Frauen im Vordergrund steht, als Chance sehen, um in der Konsequenz konkrete Hilfeangebote abzuleiten.“

Sophia, 34

„Ich war 27 Jahre alt, als ich plötzlich die beiden blauen Streifen auf dem Schwangerschaftstest sah. Eigentlich wusste ich vorher schon, was Sache war, denn mir ist kurz vorher auf der Rolltreppe schlecht geworden und außerdem war ich überfällig. Als ich meinem damaligen Freund schrieb, dass ich schwanger sei, antwortete er: „Oh nein!“. Damit war die Sache eigentlich schon klar. Ich hatte damals keinen festen Job, studierte lustlos vor mich hin und wäre finanziell komplett von ihm abhängig gewesen. Außerdem war es eine typische On-Off-Beziehung, in der es viele Probleme gab, auch mit Sucht und Gewalt. Das Kind zu bekommen, hätte auf jeden Fall bedeutet, dass ich über kurz oder lang alleinerziehend enden würde. Ohne abgeschlossene Ausbildung, ohne den Hauch einer Idee, was ich überhaupt mit meinem Leben anstellen möchte, ohne finanzielle Absicherung. Ich wäre sofort in die Armut gerutscht und hätte es höchstwahrscheinlich niemals hinausgeschafft. Darüber hinaus war ich damals schwer depressiv und wäre den Anforderungen der Kindererziehung gar nicht gewachsen gewesen.

Beim Ultraschall wurde einfach der Monitor in meine Richtung gedreht, obwohl ich es nicht sehen wollte. Mir wurde das schlagende Herz gezeigt. Alle Formalitäten des Abbruchs dauerten insgesamt zwei Wochen, ich musste zu zig verschiedenen Beratungsstellen, Ärzt*innen und dann noch an den Arsch der Heide zu einer Klinik. Der Abbruch selbst war schrecklich. Man wurde sehr unterkühlt behandelt, der Aufwachraum war eine Abstellkammer, in dem man zu viert und ohne Sichtschutz lag. Auf jedem Bett lag eine Frau, die sehr traurig war oder sogar geweint hat. Ich war damals für diese Art der Behandlung zu sensibel und mich hat das sehr traumatisiert. Als ich aufwachte, habe ich schrecklich geweint und dieses Gefühl sollte zwei Wochen andauern. Als ich etwas später mit meiner Frauenärztin, die übrigens auch den Abbruch durchgeführt hat, darüber reden wollte und sie um Hilfe bat, da es mir nach wie vor nicht gut ging, meinte sie nur, das sei normal, dass man sich nach einem Abbruch scheiße fühlt. Ja, manche Frauen fühlen sich nach einem Abbruch scheiße. Die Gründe dafür sind verschieden, komplex und haben in den seltensten Fällen etwas damit zu tun, dass eine Abtreibung per se depressiv macht. Ich kenne Personen, die abgetrieben haben und denen es danach ganz normal ging. Ich kenne Leute, die danach wütend waren, weil sie wie ein Stück Dreck behandelt wurden. Ich war traurig, weil mir die Situation vor Augen geführt hat, wie abhängig ich von anderen war und wie wenig ich mein Leben geregelt hatte. Ich habe seitdem etwas dagegen unternommen. Einen Monat nach dem Abbruch habe ich meinen ersten Job begonnen und seitdem eine steile Karriere hingelegt.

Ich habe damals auch um den Zellhaufen getrauert, bin aber froh, den Abbruch durchgeführt zu haben. Ich hatte die Möglichkeit, eine Karriere zu beginnen, auf eigenen Beinen zu stehen und ich konnte mich aus einer Beziehung voller Gewalt lösen. All das wäre nicht möglich gewesen, hätte ich den Abbruch nicht durchgeführt. Und niemand, der ach so lauten Verfechter der Paragrafen 219a und 218 hätten sich auch nur im Geringsten für mich interessiert, wenn ich in die Armut gerutscht wäre.“

Hier könnt ihr noch immer die Petition von Nike van Dinther unterzeichnen. Die Namen der Personen wurden auf Wunsch teilweise redaktionell geändert.

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