Meckern oder einfach besser machen? Wir haben mit Malaika Raiss über die Berliner Modewoche gesprochen

Die Berliner Designerin erklärt uns, was wir anders machen müssen, damit die Berlin Fashion Week wieder auf Kurs kommt

Die Berlin Fashion Week ist tot. Jede Saison wieder die gleiche Leier, die gleichen Headlines in den Zeitungen, jedes Jahr die gleichen Diskussionen. Warum schafft die Berlin Fashion Week nicht das, was in Kopenhagen, Stockholm, Tiflis, Helsinki und weiß der Geier wo scheinbar so spielend einfach möglich ist: eine coole Modewoche auf die Beine stellen, auf die man stolz ist! Die Antwort ist klar: Es fehlt Geld, es fehlen interessante Leute, es fehlen interessante Leute mit Geld aka Einkäufer und es fehlen Designer*innen. Schon letzte Saison waren wir uns einig, dass ein bisschen lame sein zu Berlin gehört, doch dieses Jahr ist unser Geduldsfaden kurz vorm Reißen.

Ich möchte an dieser Stelle jetzt nicht aufzählen, was gerade alles schiefläuft, welche Stolpersteine unseren lokalen Designer*innen immer und immer wieder in den Weg gelegt werden und warum wir unseren Urlaub dieses Jahr getrost auf die Fashion Week legen, auch wenn uns noch vor zwei Jahren bei dem Gedanken daran die schlimmste FOMO (fear of missing out) ereilt hätte. Nein, ich möchte an dieser Stelle einfach mal ein paar Verbesserungsvorschläge in den Raum werfen und ich bitte um Gehör und Umsetzung.

  1. Berliner Coolness ist hier am falschen Platz. Man darf lokale Designer*innen cool finden, sie feiern und unterstützen. In Schönheit (und Eitelkeit) sterben ist nämlich alles andere als hip.
  2. Kommerz ist nicht immer scheiße – ganz im Gegenteil! Das Gallery Weekend oder die Berlin Art Week zeigen, dass Endkonsument*innen und Budget einer Sache nicht immer nur Unheil bringen, sondern vor allem Aufmerksamkeit, Spaß und ja, eben Geld.
  3. Hört auf euch zu vergleichen. Ja, Berlin ist nicht Paris, Kopenhagen oder Tiflis. Aber keinen Deut schlechter. Ganz im Gegenteil, wir sind einfach nur anders. Und unsere Andersartigkeit müssen wir rauslassen. Vielleicht machen wir also kein Zelt mehr, sondern feiern ein modisches Straßenfest, feiern den Karneval der Mode oder besetzen ein Haus?
  4. Unterstützt den Nachwuchs. Damit meine ich nicht nur Jungdesigner*innen, sondern auch Absolventen von Modehochschulen. Während andere Metropolen aus ihrer Abschlussschau eine berühmte Talentscouting-Show für Modeunternehmen gemacht haben (Central Saint Martins!), interessiert hier keine*n, was die Absolvent*innen so treiben. Jedenfalls nicht die Berichterstatter*innen der großen Magazine. Und apropos Modeunis, vielleicht tun sich Esmod, AMD und UdK in Zukunft auch einfach mal zusammen und erreichen so viel mehr Menschen und Presse. Konkurrenz ist so 2012.
  5. Stichwort Konkurrenz. Modedesigner*innen verlieren nicht an Reichweite und Kundschaft, wenn sie sich mit anderen Designer*innen zusammentun. Nein, stattdessen kann man die Zielgruppe sogar vergrößern, ob ihr es glaubt oder nicht.
  6. Schluss mit den Events, die nichts mit der Fashion Week zu tun haben. Stattdessen sollten wir uns lieber auf die Mode unserer lokalen Heros und Heroines konzentrieren. Versteht mich nicht falsch, ich brunche wirklich sehr gerne, aber es muss einen guten Grund geben.
  7. Kann mal ein*e Investor*in bitte allen coolen Leuten Geld geben, damit sie nach Berlin fliegen. Ich erkläre mich auch bereit, die Gästeliste umsonst anzulegen. Vorschlag: Anna Wintour (man darf ja noch träumen), Leandra Medine, Pernille Teisbaek, Susie Bubble, Monikh Dale, Camille Charrière, Gala González, Pandora Sykes, Alexa Chung, Jeanne Damas, Aimee Song, Courtney Trop, Lucy Williams, Tamu McPherson,...okay, ich höre auf. Ihr wisst, was ich meine.

„Es fehlt der Stolz auf Designs bzw. Produkte aus dem eigenen Land. Da gibt es in anderen Ländern mit junger Modehistorie deutlich mehr Support.“

Malaika Raiss

Aber natürlich wäre es ziemlich einfach, hier nur meine Meinung kundzutun. Darum habe ich noch jemanden befragt, der seit fast zehn Jahren fester Bestandteil der deutschen Modebranche ist und genauso lange schon die eigene Vision der Berlin Fashion Week nicht aufgibt. Die Rede ist von Malaika Raiss. Sie passt ihr gleichnamiges Label wie ein Chamäleon dem Zeitgeist an und beweist so, dass es weder eine Multimillionen-Runwayshow braucht, um Aufmerksamkeit zu bekommen, noch Paris oder Mailand, um die richtigen Einkäufer*innen zu erreichen. Diese Saison präsentierte sie ihre neuen Designs bei einem gemütlichen Supper Club im Berliner Kultrestaurant Klub Kitchen der Fachpresse – und der restlichen Welt durch Plakatierungen in der ganzen Stadt. Ziemlich clever, denn so erreicht man nicht nur ein ausgewähltes Publikum, sondern wirklich ALLE.

Übrigens ist die Kollektion von Malaika gleich ein doppeltes Statement. Denn als Inspiration für die SS20-Kollektion (Nummer 18 übrigens!) diente die Liebe zu Berlin. Was für ein schönes, mit glitzernden und marmorierten Kleidern besetztes Denkmal, das die Designerin da ihrer Heimat (und vielleicht auch der dazugehörigen Fashion Week) setzt.

Ich habe mit Malaika über Stolpersteine, den vermeintlichen Niedergang der Berlin Fashion Week und ihre Vision für die Zukunft gesprochen:

Du hast dich auch dieses Jahr zur Fashion Week bewusst für ein Konzept außerhalb des klassischen Schauenplans entschieden. Warum?

Mir ging es diese Saison vor allem darum, die Balance zu finden zwischen Event und Kollektionsinhalt und darum, dabei möglichst kreativ zu sein.

Du hast dich schon in manchen Saisons für eine digitale Präsentation deiner Kollektion entschieden. Dieses Jahr sind es Plakatierungen. Wie erreicht man die eigene Zielgruppe und die Einkäufer*innen am besten?

Wir bleiben weiterhin auch digital. Bei den Plakaten wollte ich eine Interaktion mit „meiner Stadt“ und den Berliner*innen erreichen, sie teilhaben lassen, Reaktionen wecken. Ich glaube Interaktion und Authentizität sind ausschlaggebend, um Kundinnen und Einkäufer*innen gleichermaßen zu erreichen. Klar, es geht auch darum mit Kollektionen Geschichten zu erzählen, aber es muss immer greifbar und glaubwürdig bleiben.

Wenn du eine Sache an der Berlin Fashion Week ändern könntest, was wäre es?

Ich glaube wir müssen mit den Vergleichen aufhören und wieder mehr Individualität schaffen, mehr independent Talente, weniger Entertainment-Charakter.

Was sind deiner Meinung nach die größten Stolpersteine, die deutschen Modedesigner*innen in den Weg gelegt bzw. nicht aus dem Weg geräumt werden?

Es fehlt der Stolz auf Designs bzw. Produkte aus dem eigenen Land. Da gibt es in anderen Ländern mit junger Modehistorie deutlich mehr Support. Außerdem fehlt auch eine Lobby und Finanzierungsmodelle.

Was ist deine Strategie: Wie positionierst du dich in den Medien und wie bleibst du bei Presse und Kund*innen auch nach Jahren noch präsent?

Malaikaraiss steht drauf, Malaika ist drin. Ich glaube das schätzen sowohl Presse als auch Kundinnen an mir und dem Brand. Außerdem liebe ich es mit neuen Ideen zu überraschen, die man vielleicht zunächst nicht von Malaikaraiss erwartet.

Spielt das Thema Nachhaltigkeit bei der Marke Malaikaraiss eine Rolle?

Nachhaltigkeit ist für mich und mein Team selbstverständlich, deshalb schreiben wir uns das nicht auf die Fahne, sondern arbeiten jeden Tag daran und schon immer ganzheitlich. Das fängt bei der Auswahl der Stoffe an, über faire Produktionsbedingungen bis hin zur Vermeidung von Plastikverpackung und unnötigen Versandwegen.

Viele Labels erfinden sich ständig neu, relaunchen Ihre Logos, ändern ihre Designsprache komplett, erweitern ihr Produktsortiment? Ist Veränderung oder Stabilität das Erfolgsgeheimnis? 

Ich glaube ein Mix aus beidem, die Marke, die Kollektionen weiterentwickeln, sich aber immer treu bleiben.

Spielen Saisons für dich nach wie vor eine Rolle oder liegt die Zukunft vielleicht in steten kleinen Kollektions-Drops?

Das Drop-Modell haben wir getestet und für ein kleines Brand killt es jede Kreativität. Die ganze Liebe zum Detail, die in meinen Entwürfen steckt, hat dann überhaupt keine Zeit zur Geltung zu kommen. Ich bin aber nach wie vor großer Fan von Capsule Collections und Kooperationen mit anderen Marken bzw. Industrien.

In Zeiten von Instagram, neuen Onlineshop Konzepten (z.b. Highsnobiety oder Maison Cleo mit Made-to-Order), wo siehst du die Zukunft des Shoppings? Kaufen Malaikaraiss Kundinnen eher on- oder offline? 

Weiterhin beides. Wir merken ganz deutlich, dass der stationäre Handel die Stammkundinnen produziert, weil in den inhabergeführten kleinen Boutiquen einfach die beste Beratung stattfindet und neue Brands mit ganz viel Herzblut den Kunden näher gebracht werden. Gleichzeitig entdecken uns online Kunden aus der ganzen Welt – es ist toll und spannend für uns, dass Malaikaraiss so z.B. Kunden aus Neuseeland, Kanada oder Hongkong zugänglich ist.

Hast du jemals über Malaikaraiss Menswear nachgedacht?

Ja, genauso wie über Kidswear oder Interior, ich limitiere meine Ideen nicht. Aber alles hat seine Zeit.

Nächstes Jahr feiert Malaikaraiss zehnjähriges Jubiläum. Wie sehen die nächsten zehn Jahre aus? Wovon träumst du, was hättest du in der Vergangenheit vielleicht anders gemacht? 

Huch, was ihr schon auf dem Schirm habt, ich bin gedanklich noch nicht mal in 2020 angekommen. Ich träume vor allem von Balance. Von mehr Zeit für meine Ideen und viele spannende Kollaborationen, die mich fordern. Es gibt immer Dinge, die man rückblickend vielleicht anders machen würde, aber aus Fehlern lernt man und wächst auch. Wichtig ist nicht das Andersmachen, sondern das Machen an sich.

Liebe Malaika, vielen Dank für das interessante und offene Gespräch!

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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    Janine Sametzky

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