Chanel, Rapper & Streetwear – Die perfekte Ménage à Trois?

Das französische Traditionshaus hat seine erste Männerkollektion in Zusammenarbeit mit Pharrell Williams gelauncht

Am ersten Tag schuf Gott Himmel und Erde, am zweiten schuf er das Licht und am dritten teaserte er eine sportswear-inspired Capsule Collection. Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass Louis Vuitton und Supreme eine gemeinsame Kollektion herausbrachten und damit ein neues Kapitel der Modegeschichte definierten. Monatelang war das halbe Internet rot-weiss-gemustert und fuhr satte Gewinne für Louis Vuittons Dachgesellschaft LVMH ein. Seitdem gab es so viele Luxus-Streetwear-Kollaborationen wie Rapper, die die gesamte Kollektion von Kopf bis Fuß tragen: reichlich. Nach H&M, die 2004 den Anfang mit Karl Lagerfeld machten, über Vetements und DHL, JW Anderson mit Uniqlo, Fendi und Fila, reißt die Collab-Kultur auch 2019 nicht ab. Genau wie zerrissenes Denim als Trend kam, sah und siegte, ist heute die Ménage à Trois préférée der Mode – große Designer*innen, trendy Streetwear-Brands und Hollywood-Rapper – gekommen, um zu bleiben. 

Auch Chanel, das bereits in seinen letzten Kollektionen mehr Kleidung und Accessoires für Männer zeigte, veröffentlichte eine limitierte Kollektion mit dem Künstler Pharrell. Auf Louis Vuitton x Supreme folgt Chanel x Pharrell. Durch den Rapper kommt das Label nicht nur etwas verspätet in der Welt der Kooperationen an, durch ihn erhält Chanels Männermode einen wahrnehmbaren Push. Bisher zeigte das Haus nie vollständige Kollektionen für Männer, lediglich ausgesuchte Looks. Auch in den Geschäften gab es für sie nur Sonnenbrillen und Schmuck zu kaufen. Im Rahmen der Pharrell-Kollektion kommen nun auch unisex Hoodies und Sneakers in die Regale und auf die Kleiderständer. In Chanels Werbefilm für die Kollektion, eine Reise auf dem Motorrad durch urbane Oasen, sind die Einflüsse von Streetwear, Subkulturen und gender-neutraler Mode deutlich erkennbar. Die knalligen Pullover und Schuhe, die über und über mit dem Chanel-Logo und anderen Symbolen bestickt sind, werden ergänzt durch eine Fülle von goldenen und silbernen Ketten, die in klassischer Hip-Hop-Manier übereinander gehängt sind. Auch die Chanel-Handtasche hat im überdimensionierten Format mit zusätzlichen Details mehrere Auftritte.

Foto: Chanel

Interessanter sind da Pharrells andere Expeditionen in der Modewelt: 2017 wurde er als erster Mann für eine Taschen-Kampagne von Chanel abgelichtet, in der er die Gabrielle Bag bewarb. Heute inspiriert er den androgyn interpretierten Signature-Look der Marke in Tweed-Kostüm und Perlenketten. Pharrell schliesst so den innovativen Kreis der Modeikone Chanel: Coco war die Erste, die Hosen und Blazer für Frauen schneiderte und salonfähig machte, nach ihrem Tod wird das klassisch feminine Ensemble nun für Männer kultiviert. Auch die Vielzahl an Perlenketten, die traditionell mit dem Chanel-Anzug kombiniert werden, finden wir indirekt in der Pharrell-Kollektion wieder. Als Symbiose aus Tradition und Gegenwart, Luxus und Straße, Chanel und Hip Hop werden die goldenen Ketten en masse als unisex-tragbares Modestatement umgedacht. 

Doch Pharrell ist nicht der einzige Rapper, der es geschafft hat, High Fashion als Teil seines Images zu etablieren. Neben Kanye West haben auch Travis Scott, A$AP Rocky oder Young Thug es in die ersten Reihen aller relevanten Runways geschafft. Die materialistische Metaphorik des Hip Hop und die angstfreie Attitüde gegenüber kompletten Off-the-Runway-Looks passen perfekt zusammen. Diese Männer trauen sich tatsächlich was: Unvergessen bleibt Young Thugs giftgrüner Schlangenleder-Mantel mit Leopardenhose und orangefarbenem Rollkragenpulli bei der Versace-Show im letzten Dezember. Gianni would be proud.

Nach Jahrzehnten der Langeweile, in denen Hollywood-Schauspieler maximal einen dunkelblauen Armani-Anzug auf dem roten Teppich trugen, führen uns die Rapper aus Hollywood, Pharrell ihnen voran, endlich in das Licht. Mit ungekanntem Mut für Farben, Muster und Schnitte erweitern sie das männliche Fashion-Repertoire Stück für Stück. Geschlechtergrenzen werden aufgebrochen, Unisex-Collections immer häufiger und auch der Chanel-Look neu interpretiert. Wenngleich Chanel x Pharrell kreativ hinter meinen Erwartungen geblieben ist, verändert Pharrell die Marke in einer zukunftsweisenden Manier. Die Artikel seiner Kollektion strotzen nicht unbedingt vor Originalität und bedienen sich in ihrer Ästhetik stark an ohnehin etablierten Trends. Chanels erster Schritt in Richtung Menswear ist eine zaghafte und abgesicherte Geste statt einer groß angelegten Offenbarung im Grand Palais, wo man sie vielleicht vermutet hätte.

Nach Karl Lagerfelds Tod und der Übernahme seines Postens durch Virginie Viard eröffnete Chanel in seiner Resort Collection 2020 vor wenigen Tagen genau im Grand Palais eine neue Interpretation der Marke. Trotz des klassisch-femininen Grundansatzes der Looks war ein dynamischerer und freierer Wind spürbar. Lange und locker sitzende Parkas, unerwartete Grüns und Pinks sowie Chanel-Leggings (!) liefen den Laufsteg entlang – der Beginn einer neuen Ära. Ob unter der neuen ChefdesignerIN ironischerweise eine vollständige Männerkollektion für Chanel entstehen wird, bleibt noch abzuwarten.

Lasst uns hoffen, dass die Zukunft noch mehr Männer- und schließlich Unisexmode für Chanel bringt, ohne Angst vor Veränderung und mit Mut für Neues. Denn fest steht: Wahre Innovation in der Mode entsteht nicht durch den Zusammenschluss zweier Marken, sondern durch diejenigen, die sich tatsächlich etwas trauen. Used Denim und Capsule Collections sind vielleicht gekommen, um zu bleiben – Designer-Labels, Rapper und Fashion Risks aber sind gekommen, um zu verändern. God bless!

Ihr habt Lust auf mehr gut angezogene Männer in Luxuskleidung? Nehmt das:

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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    Chanel & Instagram

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