Das Beauty-Verhör mit Marlene Lucian

Ausgequetscht, ausgefragt und gelöchert – In unserer neuen Interview-Reihe bitten wir echte Beauty-Expert*innen zu Tisch und entlocken ihnen alle Geheimtipps- und Tricks

Aller guten Dinge sind drei, das gilt auch für unsere neue Beauty-Interview-Reihe hier auf Beige, die wir Anfang des Jahres mit Hanna Schumi starteten und bei der wir euch in der Ausgabe im letzten Monat Make-up-Artistin Johanna Barna vorgestellt haben. Heute habe ich mir eine Expertin geschnappt, die ich sehr um ihren Beruf beneide, ehrlich gesagt, würde ich sogar sofort mit ihr tauschen – und das will was heißen! Denn Marlene Lucian ist Buying Director, also Chefeinkäuferin, bei Niche-Beauty.com, einem der tollsten Beauty-Onlineshops für Nischenmarken auf der Welt.

Sie ist verantwortlich dafür, dass Niche-Beauty was Newcomer-Marken angeht, immer die Nase vorn hat. Bevor etwas Trend ist, hat Marlene es sicher schon in ihrem Bad stehen und ausführlich getestet. Marlene kennt die meisten Gründer*innen der Brands persönlich, weiß, worauf es bei Inhaltsstoffen ankommt und was eine Marke haben muss, um international erfolgreich zu sein.

In unserem ausführlichen Beauty-Verhör gibt sie Einblicke in ihren Beruf, verrät ein paar Insider-Tipps und ja, wir reisen sogar mit ihr nach Hollywood in eine Schönheitsklinik. Es wird spannend!

Ich habe ein wenig durch deinen Lebenslauf gestöbert. Du hast ja bei Loews angefangen, dann bei Mytheresa gearbeitet und bist jetzt seit fast fünf Jahren bei Niche-Beauty. Du kommst also gar nicht aus direkt aus der Beauty-Industrie. Wie bist du hier gelandet?

Der Liebe wegen bin in der schönen Hansestadt Hamburg gelandet. Mein Interesse für Beauty war aber schon immer sehr ausgeprägt – heute bin ich froh, dass ich beide Welten kenne.  

Wie kann man sich deinen Job als Buying Director bei Niche-Beauty vorstellen?

Jeder Tag ist anders und doch gibt es Aufgaben, die jeden Tag gemacht werden müssen. Meistens ist es ein Mix aus Meetings mit dem Team, Calls oder Treffen mit den Lieferanten, Akquise-Gespräche oder Verhandlungen mit neuen Marken, Research-Arbeit sowie Budgetplanung und Controlling über die aktuelle Ware und den laufenden Warenfluss. 

Wie hast du dir die Expertise, die es als Buying Director braucht, angeeignet?

Das Produktwissen hat sich zu Beginn durch meinen Brand Manager Job bei Niche-Beauty langsam aufgebaut und viel kommt natürlich durch den Job selbst, da man den ganzen Tag Produktinformationen zugetragen bekommt und sich in Trainings mit den Marken weiterbildet. Eine gewisse Eigeninitiative und Lernbereitschaft in der Freizeit muss aber auch sein, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Youtube-Tutorials und Instagram reichen dafür leider nicht. Ich tausche mich gerne mit Kollegen aus der Branche aus, lese mir neue Studien durch, recherchiere in Fachmagazinen und will besonders im Thema Inhaltsstoffe noch viel tiefer einsteigen.

„Der Doktor arbeitet von 4 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, hat österreichische Wurzeln und ist selbst natürlich komplett faltenfrei.“

Wie entdeckst du neue Brands?

Ganz unterschiedlich. Es gibt eine große Wunschliste an Marken, mit denen ich schon sehr lange spreche – quasi eine Dauerverhandlung. Wenn neue, spannenden Brands auf den Markt kommen, beobachtet man die Entwicklung, spricht sie an und plant einen möglichen gemeinsamen Launch in Europa. Viel Information kommt durch den internationalen Markt, Messen und Magazine. Reisen, Local-Store-Check und Social Media spielen auch eine Rolle. Zusätzlich erreichen uns jeden Tag fünf bis zehn Anfragen und einige Pakete, wobei wir auch gerne als Retailer von unseren Marken an andere Marken empfohlen werden. Als Einkäufer hält man prinzipiell immer die Augen offen. 

Was muss eine Marke bieten, damit ihr sie bei Niche-Beauty in euer Sortiment mit aufnehmt?

Mehrere Punkte müssen beachtet werden, wie zum Beispiel die Qualität, Inhaltsstoffe, Aufmachung, Geruch und Preis des Produkts. Außerdem müssen alle Marken einen starken USP und klare Botschaft vermitteln, um bei uns ins Sortiment aufgenommen zu werden.

Durch deine Arbeit triffst du ja auch regelmäßig Gründer*innen von Beauty-Labels und Make-up-Artists. Wer hat dich hier besonders beeindruckt und ist dir im Gedächtnis geblieben und warum? 

Jeder Founder und jedes Label ist einzigartig und mit manchen pflegt man mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis. Als ich allerdings Dr. Harold Lancer in seiner Klinik am Rodeo Drive in Beverly Hills besucht habe, war das schon sehr aufregend, fast surreal. Die Praxis ist getaktet wie ein Uhrwerk, mindestens 20 Behandlungen (meist Laser) gleichzeitig. Der Doktor arbeitet von 4 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, hat österreichische Wurzeln (wie ich) und ist selbst natürlich komplett faltenfrei. Für die Award Saison hat er sich ein Schlafzimmer in sein Office bauen lassen, welches er durch eine geheime Tür von seinem Büro aus erreicht. Bilder sämtlicher Promis, die man aus dem Fernsehen kennt, hängen an der Wand. Beyoncé, Victoria Beckham, Oprah usw. Alleine die Dachterrasse der Klinik wäre groß genug, um darauf Fußball zu spielen. Als ich zur Tür hinausging, kam mir dann auch noch Kris Jenner entgegen .... Hollywood at its best. 

Marlene mit Róen-Gründerin Nikki de Roest, Foto: Alex Hoeckener

Was sind die Momente, in denen du deinen Job so richtig liebst – und was sind die Momente, in denen du ihn verfluchst?

Die schönsten Momente sind für mich persönlich die Geschäftsreisen in große Metropolen. Man lebt am Puls der Zeit, erfährt von Trends, wenn sie entstehen. Als Tourist wird man das „echte“ einer Stadt nie richtig Kennenlernen – außer man verbringt Zeit mit Einheimischen und integriert sich in deren Alltag und blickt hinter die Kulissen. Menschen, mit denen man schon länger via E-Mail und Telefon kommuniziert, persönlich kennenzulernen, ist immer spannend. Ich freue mich auch besonders, wenn eine unbekannte Marke, an die ich geglaubt habe, bei Kunden genauso gut ankommt wie ich es mir erhofft hatte. ‚Verfluchen’ ist vielleicht das falsche Wort, aber über ein großes Einkaufsbudget zu entscheiden, kann auch ein großer Druck sein.  

Sich jeden Tag mit Schönheit zu beschäftigen, ist das Fluch oder Segen?

Auf jeden Fall Segen! Die Nachfrage steigt und Beauty hat ja auch immer mehr mit Selflove und Wohlbefinden zu tun – welches immer an erster Stelle stehen sollte. Die Beautywelt greift auch in andere Sparten wie Ernährung, Lifestyle und Interieur, was es abwechslungsreich und spannend macht. 

Schönheit kommt ja bekanntlich auch von innen. Inwiefern ist da was dran und was tust du, um deine innere Schönheit zu boosten?

Da ist auf jeden Fall etwas dran. Innere Schönheit hat sehr viel mit Glücklich- und Zufrieden-Sein zu tun, denke ich, wobei Ausstrahlung auch durch Charisma kommt, welches man hat oder eben nicht. An beidem lässt sich aber arbeiten ... wahrscheinlich, in dem man mehr Dinge tut, die einem Freude bereiten – in meinem Fall Lesen, Kochen, Reisen, Zeit in an der frischen Luft zu verbringen und sich dann wiederum von negativen Dingen und Menschen distanziert. 

Welches Thema wird in der Beautybranche noch viel zu selten behandelt?

Viel ist schon passiert in puncto Diversität und Inklusivität – Beauty is truely for everyone!  Ich könnte mir vorstellen, dass sich der Kunde in Zukunft mehr Transparenz zum Preis wünscht. Wie setzt sich dieser zusammen, wenn er hoch ist, warum ist er hoch? Ähnlich wie die Transparenz zu Inhaltsstoffen nun mittlerweile fast bei allen Händlern und Marken angekommen ist. 

Das wahre Beauty-Verhör beginnt:

Was ist für dich ein modernes Ausgeh-Make-up?

Kommt ganz darauf an, wo man hingeht, würde ich sagen. Die klassische Regel „entweder Lippen oder Augen betonen“ – gilt für mich nach wie vor. Super modern finde ich einen kompletten Look mit Creme-Produkten zu schminken. Creme-Eyeshadow von Róen, Creme Rouge und Highlighter von Westman Atelier, Creme Foundation von Hourglass, Lipbalm oder creamy Lippenstift, zum Beispiel Kosas Lip Oil Gloss. Statt Mascara benutze ich manchmal auch nur einen Lashcurler von Surratt Beauty.  

Komplett ungeschminkt das Haus verlassen, ist …

... super, solange meine Haut einen guten Tag hat. 

Welches Beauty-Produkt hast du immer in deiner Handtasche?

Resurrection Rinse-Free Hand Wash von Aesop und einen Lipbalm mit SPF wie den Baume de Rose von By Terry.

Der wichtigste Beauty-Tipp, den du je bekommen hast?

Sich gründlich und mit den richtigen Produkten zu reinigen ist das A und O. Auch wenn man kein Make-up trägt, sollte man zumindest abends das Gesicht gründlich von Sonnenschutz und Ablagerungen aus dem Alltag befreien, um die Poren über Nacht nicht zu verstopfen.

Was ist totaler Irrglaube?

Wer früh mit Anti-Aging-Produkten beginnt, bleibt länger faltenfrei. Tatsächlich können hoch dosierte Anti-Aging-Produkte jüngere Haut oft überfordern und die noch gesunde Hautbarriere angreifen. Man bekommt plötzlich Hautprobleme, die man vorher gar nicht hatte.

Hand aufs Herz: Cleane Inhaltsstoffe oder Wirkung auf den Punkt?

Kommt auf das Produkt drauf an. Bei Deos sind mir aluminiumfreie Formulierungen wichtig. Meine Zahnpasta kommt ohne Fluorid aus. Im Gesicht vertrage ich gezielte, hochwirksame Inhaltsstoffe am besten. 

Was sind No-Go-INCIS für dich?

Persönlich vertrage ich im Gesicht Essential Oils und alle Arten an Duftstoffen nicht besonders gut. Auch bei zu vielen Inhaltsstoffen und Ölen in einem Produkt oder aufeinanderfolgend, lasse ich eher die Finger davon, da ich meine Haut dadurch leicht überfordere.

„Ich finde, dass ‚Beauty’ an sich zurecht gehypt wird.“

Was ist deiner Meinung nach das überhypteste Produkt auf dem Markt?

Kokosnussöl. Es gibt unterschiedliche Arten und Qualitätsstufen an Kokosnussöl – man sollte sich vorher schlaumachen, welches eher zum Kochen und welches eher als Pflege geeignet ist, bevor man es auf dem ganzen Körper verteilt. Kokosnussöl hat anti-entzündliche Eigenschaften, gilt aber als sehr komedogen (Stufe 4 von 5 auf der Skala) und ist somit für Mischhaut oder unreine Haut absolut ungeeignet. Hier hat die Werbung gute Arbeit geleistet und einen richtigen Hype ausgelöst, wobei es (im Gesicht angewandt) tatsächlich eher nur bei sehr trockener Haut zu empfehlen ist.

Und was wird absolut zu Recht gehypt?

Ich finde, dass ‚Beauty’ an sich zurecht gehypt wird. Frauen und Männer haben sich immer schon gepflegt – mit der erhöhten Aufmerksamkeit kommt mehr Transparenz und Wissen auf und unsere Zeit im Badezimmer wird zielführender und macht Spaß.

Wie sieht deine Beauty-Routine aus? Wie oft wechselst du Produkte?

Meine Beauty-Routine ändert sich je nach Jahreszeit oder Hautzustand, jedoch nicht öfter als alle drei Monate. Ich versuche Produkte, die meine Haut gut verträgt, zu Ende zu benutzen und integriere maximal ein neues Produkt während dieser Zeit in meine Routine. Beispielsweise benutze ich morgens immer ein Serum mit Antioxidantien – sollte es leer sein, wechsle ich nur diesen Schritt gegen ein neues Produkt. 

Testest du jede Marke, die ihr ins Niche-Beauty-Sortiment aufnehmt, persönlich? Wenn ja, ist das deiner Haut nicht manchmal zu viel?

Ich schaue mir alle Produkte und deren Formulierungen an, bevor sie ins Sortiment kommen. Wenn sie passend für meinen Hauttyp sind, probiere ich diese wie oben beschrieben auch aus – wenn nicht, frage ich eine Kollegin. Generell lässt sich aber auch gut am Dekolletee und an den Armen testen um Geruch, Textur und Look und Feel der Produkte zu verstehen. 

Gehst du regelmäßig zur Kosmetikerin?

Ich gehe sehr regelmäßig (alle vier Wochen) zur medizinischen Ausreinigung. Ich hatte sehr lange mit zystischen Unterlagerungen zu kämpfen – hier darf man auf keinen Fall selbst mit der Nadel Hand anlegen. Wenn ich ein wenig mehr Zeit habe, gönne ich mir auch ein längeres Facial mit einer ausgiebigen Massage – das ganze Lymphsystem wird angekurbelt und die Gesichtsmuskeln gelockert – I love it!

Wie viel Geld investierst du monatlich in dein Aussehen?

Schwer zu sagen, da ich oft Produkte für Niche-Beauty teste. Worauf ich aber nie verzichte, ist mein monatlicher medizinischer Ausreinigungs-Termin bei Susanne Steinkraus in Hamburg für 75 Euro.

Wie stehst du zu kleinen kosmetischen Eingriffen, z.B. Microblading, Botox oder Hyaluron in den Lippen?

Finde ich völlig legitim, solange man sich vorab ausgiebig informiert und es bei jemandem machen lässt, der darauf spezialisiert ist. Botox beim Orthopäden würde ich persönlich eher nicht machen. Die wichtigsten Mini-Eingriffe fangen ja schon viel eher an, zum Beispiel beim Zahnarzt, Friseur und bei den Augenbrauen. Richtig gemacht, können sie locker fünf bis zehn Jahre „wieder gut machen“ und dem Gesicht ganz neue Züge verleihen. 

„Mit Drunk Elephant und Glossier sprechen wir auch schon sehr lange ... “

Was ist deiner Meinung nach der nächste große Make-up Trend?

Da wir alle viel mehr Zeit zu Hause verbringen denke ich, dass der No-Make-up-Look noch populärer wird. Man möchte noch frischer, noch gesünder aussehen – vielleicht manchmal einen knalligen Lippenstift tragen, die Haut aber eher atmen lassen ... In Spring/Summer Editorials wiederum sieht man viele metallische Elemente besonders bei Eyeshadows. 

Welches Beauty-Brand beobachtest du gerade bzw. welches Brand möchtest du als Nächstes nach Deutschland holen?

Kylie Skin wird schon sehr bald in Deutschland erhältlich sein. Mit Drunk Elephant und Glossier sprechen wir auch schon sehr lange ... 

Was ist das unterschätzteste Beauty-Brand?

Im Skincare Bereich bekommen die Masken von 111 Skin noch nicht genug Aufmerksamkeit. Sie sitzen 1A und der Effekt ist wirklich sichtbar. Margret Dabbs macht die beste Hand- und Fußpflege Serie mit australischem Emu-Öl. Persönlich benutze ich auch gerne Cream Cleanser, welche oft unterschätzt werden. Sie sind super sanft zur Haut, entfernen Make-up gründlich und hinterlassen keinen Ölfilm. Die Marke Holifrog hat eine fantastische Serie an Cleansern auf den Markt gebracht. U Beauty haben wir gerade erst in Deutschland exklusiv gelauncht – noch ist es ein Geheimtipp, aber das Produkt überzeugt so sehr, dass man noch viel darüber lesen wird. 

Marlene mit Gucci Westman, der Gründerin von Westman Atelier, Foto: Alex Hoeckener

Früher war ein Besuch bei Sephora das höchste der Gefühle. Gibt es heute noch etwas, was bei dir beautytechnisch die gleiche Vorfreude auslöst wie ein Sephora-Besuch in den guten alten Zeiten? Z.B. Eine bestimmte Messe? 

Messen sind immer spannend und ich freue mich jedes Mal neue Marken zu entdecken. Spannend sind aber auch neue Retail-Konzepte wie beispielsweise im neuen Nordstrom Department Store in New York mit inkludiertem Face Gym und Hautanalyse-Geräten. Auch spannend ist die geplante Wiedereröffnung des La Samaritaine in Paris. Oft werden ‚Local Hero Brands’ besonders inszeniert oder man entdeckt eine altbekannte Marke wieder neu.  

Mit welchem Brand würdest du für dein Leben gerne zusammenarbeiten?

Da gibt es einige wie beispielsweise Pat McGrath oder Le Labo. Beide Marken benutze ich oft privat und sie würden wunderbar in unser Portfolio passen. Es gibt einige Brands, die uns auf dem deutschen Onlinemarkt noch fehlen ... I’m working on it!

Marlenes Empfehlungen auf einen Blick:

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    Philipp von Hessen

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