Lisas Bali-Kolumne Teil 1 - Es geht los! Aber was eigentlich?

„Einen Monat Bali ... was habe ich mir dabei nur gedacht?“, fragt sich Lisa, während sie auf ihrem Badezimmerboden liegend die Fliesenfugen anstarrt

Ich habe gerade eine halbe Stunde auf dem Badezimmerboden gelegen. Mein Badezimmer, das muss ich vielleicht dazu sagen, ist ein Schlauch, wie er für Berliner Altbauwohnungen nicht ungewöhnlich ist. Wenn ich dort liege, gibt es nur zwei Richtungen, in die mein Kopf zeigen kann: Zum Fenster hinter der Dusche oder zur Tür. Ich bevorzuge meist die Fenster-Richtung. Dann liege ich dort auf der cremefarbenen Frottee-Matte von Ikea, schaue auf die weißen Fliesen und wenn mir kalt ist, drehe ich die Heizung auf.

Wenn ich überfordert, erschöpft oder traurig bin oder Angst habe, dann liege ich gerne auf dem Boden da in meinem kleinen Badezimmer. Weil dort nichts ist, was mich ablenkt. Keine Bilder, keine Bücher, kein Mac, kein iPhone – nur weiße Fliesen. Manchmal legt sich Martha, mein Hund, zu mir. Sie fragt sich dann vermutlich, was ich da treibe und denkt sich dann: Gut, dann liegen wir jetzt hier. Nur Martha ist nicht da. Martha ist etwa 500 Kilometer entfernt in Mainz bei meinen Eltern. Meine Mutter hat sie vor etwa einer Woche hier abgeholt und wenn ihr diese Worte hier lest, bin ich auch nicht mehr in Berlin, sondern sitze ich im Flieger nach Bali, in Richtung des größten Abenteuers, auf das ich mich jemals begeben habe.

Entweder ich drehe komplett am Rad oder ich haue ab

Einen Monat werde ich dort sein, viel Yoga machen, alleine Reisen und einfach mal einige tausend Kilometer Luftlinie zwischen mich und den eingerosteten Alltag in Berlin bringen. Keine Sorge, mir hängt Beige nicht aus den Ohren heraus, ganz im Gegenteil. Ich würde mir wünschen, das mein ganzes Leben so vielseitig, spannend und kreativ ist wie die Arbeit am eigenen Magazin. Aber zum Leben gehört ja bekanntlich noch so viel mehr, als die Arbeit, die man verrichtet und irgendwie hatte ich immer mehr das Gefühl, dass es zwei Optionen für mich gibt:

1. Ich drehe komplett am Rad und flippe aus.

2. Ich haue mal ab.

Ich habe mich dann für die zweite Option entschieden. Auch, weil alleine Verreisen, und zwar nicht nach Mallotze oder an die Ostsee, sondern richtig weit weg, schon so lange auf meiner persönlichen Bucketlist steht. Dieses Jahr war der Moment, in dem ich mich selbst gefragt habe, worauf ich noch warten möchte, bevor ich es endlich mache. Ich hatte plötzlich eine unbeschreibliche Angst vor dem Moment, an dem es dann zu spät ist und ich mir selbst die unangenehme Frage stellen muss, warum ich damals denn nicht und hätte ich doch bloß. Das war im Mai, gebucht habe ich im Juli, kurz vor meinem 33. Geburtstag. Offen darüber gesprochen habe ich im August. Gepackt habe ich noch kein bisschen.

Stattdessen habe ich mich eine halbe Stunde in meinem Badezimmer auf den Boden gelegt. Weil ich gerade mit dem Gedanken überfordert bin, dass ich morgen alleine in Tegel in ein Flugzeug steige und mich auf eine 18-stündige Flugreise begebe. Nur ich und mein Rucksack. Keine Hand zum Halten und niemand, der mir sagt, dass das nur ein Luftloch war. Ich war kurz davor, mehrmals, doch einen Rückzieher zu machen und habe meine Chuzpe und die Nebenkostenrückzahlung verflucht, die mich überhaupt erst dazu gebracht haben, diesen Flug zu buchen. Die Wahrheit ist: Ich hab die Hosen voll. Ich fliege nicht gerne. Ich habe keine Panik, aber ich habe Angst. Und die wird gerade immer größer, je näher der Abflug rückt. Ich war bereits einige Male in Asien, ich war in Israel, der Westbank, in Jordanien. Ich habe unter freiem Himmel in Ljubljana geschlafen, ich habe meine halbe Kindheit in Zelten verbracht und kann sogar einen Kompass lesen. Aber beim Gedanken an diese Reise an einen Ort, an dem (laut Instagram) alle nur Bowls essen und Feel-Good-Urlaub machen, habe ich nur Fragezeichen im Kopf und kann mir überhaupt nicht vorstellen, was mich erwartet. Total bescheuert, ich weiß.

Keine Angst, ich mache euch nicht die Julia Roberts

Doch die Entscheidung ist gefallen und ich muss nun die Konsequenzen tragen. Konsequenzen, bei denen ihr mich sicherlich und zurecht nach meinem Geisteszustand befragen möchtet. Vielleicht bin ich auch wirklich der einzige Mensch auf der Welt, der dem Gedanken an einen Monat in der Sonne, während uns hierzulande der Winter langsam aber sicher in den Griff bekommt, Unwohlsein empfindet. Ich tue immer gerne sehr abgeklärt und stark – vielleicht bin ich es auch. Zumindest weiß ich nun, wo ein erster Teil meiner emotionalen Grenze ist und ich weiß, wenn ich diese Hürde überwunden habe, werde ich unbezahlbare Erfahrungen machen und mich selbst bei mir bedanken, dass ich diesen Schritt gemacht habe.

Keine Angst, ich werde euch nicht die Julia Roberts machen und mich vier Wochen lang in Eat-Pray-Love ergehen. Ich möchte einfach mal den Wind von einem anderen Teil der Erde durch meine Ohren pfeifen lassen und werde mich, wie Marie damals aus den USA, regelmäßig bei euch an dieser Stelle melden und berichten, was so abgeht da auf Bali. Davor lege ich mich aber noch mal kurz auf den Boden meines schlauchigen Badezimmers, mit dem Kopf zum Fenster, und freunde mich mit meinem bescheuerten Mut an. Etwas weniger als 24 Stunden habe ich ja noch Zeit dafür.

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...