Die Mär von den 120 Prozent Perfektion: Wir haben mit Green Fashion Tours Berlin über nachhaltige Mode gesprochen

Informieren, Berührungsängste nehmen und den Mut zu Veränderung anfeuern: Seit 2015 kämpft Green Fashion Tours Berlin mit unermüdlichem Optimismus für eine nachhaltigere Modebranche. Wir haben nachgefragt

Wie ihr wisst, machen wir hier auf Beige einen gesunden Spagat zwischen Freude an bewusstem Konsum und Nachhaltigkeit. Während der Fashion Week Berlin schließt das neben einem ausführlichen Bericht über unsere Highlights auch jede Saison einen Besuch auf der Neonyt mit ein. Diesmal bin ich jedoch nicht nur mit den Labels ins Gespräch bekommen, sondern konnte mit zwei Aktivistinnen sprechen, die sich mit viel Hingabe für eine nachhaltigere Modebranche einsetzen: In der Hall X traf ich Ariane Piper und Nele Henkel von den Green Fashion Tours Berlin und Fashion Revolution.

2015 von Arianna Nicoletti in Berlin gegründet, hat Green Fashion Tours inzwischen Ableger in München und Hamburg. Auf den interaktiven Touren und in Workshops erhalten die Teilnehmenden einen Blick hinter die Kulissen. Labels und Stores werden vorgestellt und vernetzt. Fragenstellen ist erlaubt und sogar ganz unbedingt erwünscht. Der Wandel kann nämlich nur durch Aufklärung, Vernetzung und Mutmachen passieren. Wie die tägliche Arbeit von Nele und Ariane aussieht, wie sie zu Green Fashion Tours gelangt sind und warum auch im digitalen Zeitalter Informationen und Vernetzen offline so unheimlich wichtig ist, darüber habe ich mit den beiden gesprochen.

Was ist das Konzept der Green Fashion Tours und wie habt ihr euch euer Netzwerk aufgebaut?

Nele: Wir wollen die Branche vernetzen und nachhaltigen Stores und Designer*innen eine Bühne geben. Die erste Tour fand 2015 während der Fashion Week statt und das Feedback war total positiv. Mit den Tours machen wir kleine nachhaltige Läden sichtbar, die meistens nicht in den großen Einkaufsstraßen zu finden sind. Ein Hauptkern des Ganzen für uns ist es außerdem, Kontakte herzustellen – Labels, Geschäfte und Konsument*innen. Ich glaube, das kennen alle: Wenn man mit anderen spricht und sich austauscht, wird die Lust, etwas zu verändern, manifestiert. Das wollen wir anfeuern. Arianna Nicoletti, unsere Gründerin, betrieb nebenher einen upcycling Store und ist selbst Designerin. Darüber hatten wir von Beginn an eine enge Verbindung mit Fashion Revolution.

Gab es die Green Fashion Tours erst mal nur in Berlin?

Nele: Ja, aber wir haben bereits vor zwei Jahren eine Map für München gelauncht und dort drei Touren im letzten Jahr geleitet. Dieses Jahr starten wir in Hamburg. Private Touren, also B2B, sind zwar unser Schwerpunkt, aber in Berlin bieten wir einmal im Monat öffentliche Touren an, zu denen sich jede*r anmelden kann. Darüber hinaus gibt es Workshops, Expertentalks – da reagieren wir auf das, was gebraucht oder gefragt wird und stellen passende Events mit Akteur*innen aus unserem Netzwerk zusammen.

Nele und Ariane (v.r.n.l.)

Ariane, du arbeitest neben deiner Arbeit bei Green Fashion Tours ebenfalls bei Fashion Revolution. Was machst du dort?

Ariane: Ich bin Country Coordinator für Deutschland bei Fashion Revolution und bei Green Fashion Tours seit Mai letzten Jahres und fest im Team. In Berlin sind wir eine sehr aktive Gruppe aus Macher*innen, mit unterschiedlichen Backgrounds und verschiedenen professionellen Ausbildungen. Aber wir alle haben das gleiche Ziel: Nachhaltige Mode größer machen! Dafür kommunizieren wir mit den Verbraucher*innen und treten an Unternehmen heran. Da ist für mich auch der Link zwischen Fashion Revolution und Green Fashion Tours. Wir geben Unternehmen, die es schon besser und richtiger machen, eine Plattform. Wir möchten unsere Angebote der Touren ergänzen und bieten ebenfalls Bildungsformate, also Workshops an, die allen den Zutritt zur nachhaltigen Modebranche eröffnen.

Was sind die Inhalte der Workshops?

Ariane: Zum Beispiel Background & Knowledge. Hier lernt man alles zu den Hintergründen und wir erklären, warum Mode und Umwelt so ein komplexes Thema ist. Es ist tatsächlich schwierig zu transportieren, sodass viele verzweifeln, wenn es darum geht, auf grüne Mode umzustellen. Daher sind Handlungsoptionen ein Fokus bei uns. Nicht nur frustrieren, sondern auch zeigen, was man anders machen kann. Das machen wir bei unseren Knowledge Sessions. Die meisten Leute haben richtig Bock etwas zu ändern, brauchen aber jemanden, der sie an die Hand nimmt und sagt „Passt mal auf, hier habt ihr ein paar Tipps von uns“. Wir haben auch viele praktische Workshops, wie den Natural Dyeing oder Upcycling Workshop. Aber auch Zero Waste und Circularity sind im Programm.

Und wo finden die Workshops in der Regel statt?

Ariane: Hauptsächlich in Berlin, aber wir können sie auch woanders anbieten. Wir gehen auch gerne in Unternehmen. Wie Nele schon sagte, ist es uns wichtig, den persönlichen Kontakt herzustellen. Bei unseren Experten-Talks gehen die Besucher direkt mit einem Designer oder einer Designerin ins Gespräch. Eine Eins-zu-Eins-Situation, um die Hemmschwelle ganz nach unten zu bringen. Alles darf gefragt werden, alles soll gefragt werden!

„Wir wählen aus, wir haben Kriterien, die vertrauensvoll und glaubwürdig sind.“

Ariane Piper

Wenn ich also als Marke mein Konzept auf mehr Nachhaltigkeit ausrichten möchte, könnte ich auch zu euch kommen?

Ariane: Exakt. Wenn man neu anfängt, kann man zu uns kommen, aber auch, wenn man als Marke etabliert ist, aber sich grüner ausrichten möchte. Studierende machen ebenfalls einen großen Teil unserer Interessenten aus. Und tatsächlich Touristen, die sagen „Dieses Berlin, das ist doch so bekannt für nachhaltige Mode. Wo finde ich denn die Läden?“

An dem Punkt bin ich gerade auch, dass ich Offline vorziehe und oft schon dachte: Ok, wo fange ich denn jetzt hier in Berlin an?

Nele: Ja, und hier hast du die Green Fashion Tours Karte für Berlin!

Ariane: Wir wollen eine echte Hilfestellung sein, mit ganz viel Inspiration und ganz viel Wissen. Wir wählen aus, wir haben Kriterien, die vertrauensvoll und glaubwürdig sind. Und wer dann Bock hat, kann sich durch die Läden stöbern und wird sicherlich überrascht sein, was man dort alles entdeckt. Die Besitzer*innen kommen super gern ins Gespräch, sprecht sie an! Da muss man die Angst und Scheu ablegen.

Nele: Unsere Maps heben die Leute auch auf, die werden nicht gleich wieder weggeworfen. Wir stellen sie auch digital zur Verfügung, aber die meisten möchten sie wirklich in Händen halten. Doch bei den privaten Touren merkt man schon, dass es doch noch sehr nischig ist. Wir sind hier gern eine Anlaufstelle.

© Green Fashion Tours

„Man muss von diesem hohen Anspruch herunterkommen, der 100 oder sogar 120 Prozent heißt. Es geht doch nicht, dass Leute fertig gemacht werden, wenn sie Urlaub im Ausland machen.“

Im Netz ist viel Shaming unterwegs – meistens von Leuten, die es selbst im Zweifel gar nichts besser machen ...

Nele: Ich lerne jeden Tag super viel dazu und mache bei weitem nicht alles perfekt. Aber: Es geht darum, ein Bewusstsein zu entwickeln. Auch die kleinen Schritte verändern viel.

Ariane: Man muss von diesem hohen Anspruch herunterkommen, der 100 oder sogar 120 Prozent heißt. Es geht doch nicht, dass Leute fertig gemacht werden, wenn sie Urlaub im Ausland machen. Das ist ganz schlimmer Whataboutism. Wir wollen doch alle glücklich sein und versuchen alle, unser Bestes zu geben. Da hilft es nicht, immer mit dem Finger auf Menschen zu zeigen. Wenn die Hälfte von uns die Hälfte richtig machen würde, dann wären wir schon mindestens doppelt so weit. Daher: Hört auf mit Shaming, macht kleine Schritte und seid dabei glücklich. Seid achtsam und macht weiter.

Interessant finde ich auch, dass es wirklich eine Revolution von unten ist. Es werden Petitionen durchgebracht, Ideen groß gemacht, damit die Politik handelt. Wie hat das bei euch angefangen?

Ariane: Ich habe Kulturwissenschaften studiert, einer der Schwerpunkte war Textilien. Ich bin viel gereist und habe dadurch die Produktionsländer vor Ort kennengelernt und dann mein Wissen und die Erfahrungen zusammengesetzt und gemerkt: Da läuft etwas massiv falsch. Aus einem natürlichen ökologischen oder sozialen Instinkt heraus habe ich dann beschlossen, dass ich etwas ändern möchte. Ich möchte meinen Beitrag leisten.

„Wenn die Hälfte von uns die Hälfte richtig machen würde, dann wären wir schon mindestens doppelt so weit.“

Nachhaltige Kleidung vermittelt so viel mehr über das Produkt hinaus.

Ariane: Ich merke selbst: Wenn man eine Geschichte zum Produkt erzählen kann, also eine Story hat, trägt man Kleidung direkt mit einer ganz anderen Wertschätzung und Achtsamkeit. Es ist einfach rundum ein tolles Produkt, mit dem man arbeitet.

Nele: Es gibt auch einige Brands, da stehen die Namen der Näher*innen im Produkt. Man weiß also, wie die Person heißt, die das Shirt genäht hat und das ist total cool. Ebenso, was hier in Sachen Materialentwicklung losgetreten wurde. Ich denke da an Pilz- oder Ananasleder. Was sich am Ende durchsetzt, ist die andere Sache, aber wir haben die Technik und das Know-how und es gibt immer mehr nachhaltige Alternativen.

Information ist bei Mode und Klima einfach Key, oder?

Nele: Ja und am besten in kleinen Häppchen und verständlich, sodass man es gut verdauen kann.

Was sind die häufigsten Aha-Momente der Leute während eurer Tours und Workshops?

Ariane: Es ist eine Rückbesinnung auf Werte. Einer der größten Schockmomente bei den Vorträgen ist immer, wenn wir den Teilnehmenden zeigen, wie viel gerade gekauft wird. Da sind die erst mal baff. Dann gehen sie in sich und realisieren, dass sie ein Teil dieses Durchschnittswertes sind. Das ist der größte Aha-Moment.

Nele: Wir zeigen die Läden, aber es geht auch darum, das Konsumdenken der Leute zu verändern. Die Lösung lautet nicht, genau so viel wie vorher zu kaufen – nur eben fair. Wir zeigen wie viel Arbeit in Kleidung steckt – das gilt nicht nur für Mode, sondern für alles. Die Menschen schätzen oftmals gar nicht mehr die Arbeit, die in den Dingen steckt, die sie täglich benutzen. Dann ist plötzlich klar, dass ein T-Shirt nicht drei Euro kosten kann, sondern mindestens zwölf Euro kosten muss.

Nele: Das Umdenken findet statt und gerade die junge Generation ist viel informierter und bewusster als wir es damals waren. Die behandeln Nachhaltigkeit oft schon in der Schule. Sie müssen dann aber diese Enden noch miteinander verbinden. Klima und Mode. Das ist schwer.

„Ich zitiere da sehr gerne Vivienne Westwood und sage ,Buy less, choose well, make it last.'

Meint ihr, dass das Umdenken ohne Instagram länger gedauert hätte?

Ariane: Ich denke, es ist Teil des Pakets. Die schnellen und direkten Kommunikationswege sind ein großer Vorteil, deswegen finde ich die Ausrede, dass man keinen Zugang zu Informationen hat, auch schwierig. Wir haben den Zugang, wir haben die Informationen. Es ist alles da.

Wo fange ich an, wenn ich jetzt beschließe, mich nachhaltiger einzukleiden?

Ariane: Ich zitiere da sehr gerne Vivienne Westwood und sage „Buy less, choose well, make it last.

Nele: Secondhand-Läden. Wir sind hier in Berlin so verwöhnt. Es gibt richtig coole Vintage-Stores, günstig, mit einer schönen Auswahl, in denen man nicht mehr überfordert ist. Einfach immer versuchen, Teile, die man möchte, Secondhand oder auf Flohmärkten zu finden. Das macht auch unheimlich viel Spaß. Kleidertauschpartys oder Kleider mieten sind weitere Möglichkeiten. Bei mir ist es viel Secondhand und hochwertige Basics. Aber bitte verurteilt euch nicht, wenn ihr es nicht ganz schafft! Macht es beim nächsten Mal einfach besser.

Ariane: Und auf Siegel achten! Lasst euch von anderen helfen, fragt nach. Einfach trauen, vernetzen, auf Leute zugehen.

Nele: Und der gute alte Trick: Denke ich in zwei Tagen noch an das Teil, brauche ich es wirklich?

Oh ja, das ist mein Trick! Das mache ich immer und in neun von zehn Fällen denke ich eben nicht mehr daran! Abschließend: Wenn ich eine Tour bei euch machen möchte, wo buche ich, wo sind die Termine?

Nele: Wir launchen ganz bald, noch diesen Monat, unsere neue Webseite. Da sind dann alle kommenden Touren aufgeführt und alles super übersichtlich. Einfach anmelden und mitkommen, wir freuen uns! Und bei Fragen bitte schreiben, keine Berührungsängste! Wir gehen gerne ins Gespräch!

Und wir bedanken uns bei euch für das schöne Gespräch und eure Zeit!

Hier findet ihr die Green Fashion Tours Maps für Berlin, Hamburg und München!

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