Gekommen, um zu wachsen – Unsere Highlights von der Neonyt

Die Berliner Fashion Week struggelt? Davon ist die nachhaltige Modemesse weit entfernt und präsentiert sich größer und einflussreicher denn je! Wir haben uns umgesehen

Und halbjährlich grüßt das Murmeltier. Unverschämt blau war der Himmel und unverschämt warm schien die Sonne, als ich mich, wie jede Saison, auf den Weg zur Neonyt machte. Den Schlenker über die Wetterverhältnisse mache ich hier keineswegs aus Verlegenheit. An diesem Januartag sonnten sich tatsächlich Menschen in T-Shirts auf dem Tempelhofer Feld – mitten im Winter. Eindrücklicher hätte sich das Klimachaos nicht bemerkbar machen können an dem Tag, an dem ich die weltweit größte Messe für nachhaltige Mode besuchte. Umwelt- und Klimaschutz machen schließlich die obersten Prioritäten der Labels und Aktivisten aus, die sich alle sechs Monate auf der Neonyt zusammenfinden.

Die Fashion Week Berlin schrumpft und schrumpft, doch vor allem die Neonyt wächst und gedeiht prächtig und präsentierte sich in der dritten Saison nach ihrer Umbenennung in den hellen Hangars des ehemaligen Berliner Flughafens. Vorbei die Zeiten, in denen man sich durch das Treppenwirrwarr des Kraftwerks in Berlin-Kreuzberg kämpfen musste. Alles ebenerdig (aka barrierefrei!), fanden sich auch alle Gäste besser zurecht. Die Panels, Workshops und Diskussionsrunden jedenfalls waren sehr gut besucht, die Flächen fast schon wieder zu klein.

Auf der Ausstellungsfläche hieß es sprichwörtlich „durchatmen“! So viel Platz, Licht und Übersicht? Herrlich! Einzig an den Ständen der kleineren Labels wurde hier und da Unmut laut, da die Big Player der Branche mit ihren gigantischen Ständen wieder die Poleposition direkt am Eingang des Hangars belegen. Ja, faire Mode ist eine schöne Sache, aber eben auch ein Business und Gesehenwerden ist auf einer Messe die oberste Priorität. Ich habe mir jeden Stand geduldig angeschaut und mich für euch auf die Suche begeben nach neuen spannenden Marken, die euer Sustainable Fashion Portfolio ergänzen (zu unseren Highlights 2019 bitte einmal hier und hier entlang!).

Dawn Denim

Nachhaltig und fair produzierte Jeans, die auch noch mit guten Schnitten und schönen Waschungen überzeugen, zu finden, ist noch immer eine der größten Herausforderungen für alle, die ihre Garderobe nachhaltig gestalten möchten. Zumindest geht es mir so. Bei Jeans bin ich aber auch einfach SEHR wählerisch Tja, wie gut, dass ich auf der Neonyt direkt mal über den Stand von Dawn gestolpert bin.

Dawn Denim produziert seine Jeans in der hauseigenen Fabrik in Vietnam (ja, Asien und fair müssen sich nicht ausschließen!) und das gesteckte Ziel lautet: 100 Prozent nachhaltig bis 2020. Also noch in diesem Jahr. Wie das funktionieren soll? Durch Transparenz und den #RespectCode, anhand dessen jeder Produktionsschritt genau nachverfolgt werden kann. Durch faire Bezahlung, nachhaltig gesourcte und recycelte Rohstoffen und die Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation. Und natürlich, indem immer mehr Leute auf die zeitgeisty Denims von Dawn aufmerksam werden. Nun, beim letzten Punkt helfe ich gerne tatkräftig mit!

Hier findet ihr weitere Informationen zur Ethik und Fairness von Dawn. Und hier entlang bitte zum Onlineshop!

Leit & Held

Foto: Leit & Held

An Leit & Held bin ich im digitalen Alltag aufgrund von Zeitmangel schon einige Male vorbeigelaufen – im übertragenen Sinn, versteht sich. Auf der Neonyt konnte ich mir dann endlich mit Zeit im Gepäck die tollen Taschen anschauen und hatte zwei offene Ohren, um die Geschichte des Berliner Accessoires-Labels kennenzulernen. Leit & Held wurde 2018 von der Art Directorin und Designerin Pia Held, der Interior Architektin Dana Mikoleit und der Sustainability Managerin Nina Conrad gegründet.

Das klingt erst mal etwas verwirrend, ergibt aber außerordentlich viel Sinn. Vor allem, wenn man das fertige und beeindruckende Produkt in Händen hält. Hier treffen Kompetenzen aufeinander, die interdisziplinär sehr tragbare Früchte hervorbringen und jede der drei Frauen bringt ihre Expertise perfekt mit ein. Der komplette Verarbeitungsweg des Leders ist nachvollziehbar, die Herstellung erfolgt in einer kleinen Fabrik in Deutschland. Das Leder wird schadstofffrei gegerbt und ist unbehandelt – was jede Tasche zu einem echten Unikat macht, dass ihr beim Tragen selbst gestaltet. Stichwort Patina! Die Designs sind zeitlos, aber praktisch, durchdacht und dabei unaufgeregt. Denn die Taschen von Leit & Held sollen euch ein Leben lang begleiten.

Mehr Informationen zur Herstellung und den Grundsätzen des Berliner Labels findet ihr hier. Und hier könnt ihr im Onlineshop stöbern.

Sam Lang

Foto: Noam Rosenthal

Täterä! Gold-Nugget-Alarm! Ich muss zu meiner Schande gestehen: Am sehr kleinen Stand des Labels Sam Lang wäre ich fast vorbeimarschiert, hätte Laura mich nicht eingefangen. Danke, dass du mich geschnappt hast, denn Sam Lang, das ist eine echte Entdeckung.

Die beiden Gründerinnen Laura Hansen und Ivanka Plantikow haben die nachhaltige Streetwearbrand vor einem Jahr gegründet. Der Fokus liegt auf super langlebigen unisex Entwürfen, die die Träger*innen lange begleiten. Wie das gelingt? Designt wird sehr konzeptuell in Berlin, gefertigt in Europa. Die Stoffe sind zertifiziert, die Größen universell und die Schnitte so, dass klassische Größenkonzepte obsolet werden. Besondere Projekte wie die One-of-a-kind Blusen, gefertigt aus einem großen, bedruckten Stoffstück und somit alle einmalig und in limitierter Auflage.

Ach so, wenn ihr euch nun fragt, wer eigentlich dieser Sam Lang ist, dann dreht den Namen doch mal um ... Lang Sam. Na, klingelt's? Bitte hier entlang, wenn ihr mehr über die spannende Berliner Marke erfahren möchtet!

United Change Makers

Denim, die Zweite! Kleidung möglichst nachhaltig zu produzieren, ist an sich schon eine anspruchsvolle Aufgabe. Denim-Stoffe können hier gut als Endgegner bezeichnet werden. 8000 Liter Wasser werden für die Herstellung einer regulären Jeans verbraucht. Hinzu kommen Umwelt- und menschenschädliche Verarbeitungsmethoden wie Sandstrahlen und Färben und zahlreiche Giftstoffe. Nachhaltige Jeansbrands müssen sich mit einigen Pain-Points mehr auseinandersetzen, als andere Marken und vielleicht ist dies einer der Gründe, warum hier noch Bedarf an stylischen Nachwuchs herrscht.

Ein Bedarf, den die britische Marke United Change Makers deckt. GOTS-zertifiziert, nachhaltig, transparent und außerdem kommen die Jeans von UCM in Waschungen und Cuts, die es locker mit der Fast Fashion Konkurrenz aufnehmen können. Die Preise? Alles andere, als abgehoben. Ausreden sind ab heute also nicht mehr akzeptiert. Bisher gibt es die UCM Jeans leider nur offiziell für Frauen, aber ich bin sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist.

Stolbjerg Copenhagen

Unaufgeregte Ledertaschen aus fairer Produktion, die Zweite. Was Stolbjerg Copenhagen für mich zum Hingucker machte? Das Label schafft es, unverarbeitetes Leder und feminines Design miteinander zu verheiraten. Gegründet wurde die Marke 2015 in Kopenhagen vom Ehepaar Frederike Xenia und Andres Stolbjerg. Die Taschen werden ohne gefährliche Giftstoffe, wie etwa Chrom 6, gegerbt und auf der Webseite von Stolbjerg Copenhagen könnt ihr unter der Rubrik „Who made my Bag“ sehen, welche Mitarbeiter*innen in der indischen Herstellerfabrik arbeiten.

Das faire Löhne gezahlt und soziale Standards eingehalten werden, ist klar, oder? Ich bin gerade fast sicher: Ich habe endlich eine Tasche für jeden Tag gefunden, in der ich meinen Laptop spazieren tragen kann (wer jeden Tag mit Laptop und Co. durch die Gegen rennen muss, weiß, wie schwer das ist!). Hier geht es zum Webshop und hier findet ihr weitere Informationen zur Nachhaltigkeit.

Organication

Zugegeben, auf den ersten Blick sieht Organication nicht unbedingt wie ein Opinion-Leading-Label aus. Das ist aber auch gar nicht der Anspruch der Marke. Die Brand aus Fellbach hat sich auf tragbare Everydaywear spezialisiert und legt den Fokus auf hochwertig und fair verarbeitete Basics. Wenn nun aber nur die Hälfte der Strickwaren und Teile, die ich auf der Neonyt gesehen habe, so in den Shop kommt, dann wird sich ein weiterer Besuch lohnen.

Das bescheidene Label aus Fellbach in Baden-Württemberg hat in jeden Fall für optischen Alarm gesorgt und vor allem die knallbunten Strickpullover, Schals und Mützen haben es mir wirklich angetan. Also: Augen auf! Vielleicht sind wir hier gleichzeitig noch Zeugen einer modischen Reinkarnation!

LangerChen

LangerChen gehören schon zu den alten Hasen im Sustainable Fashion Business – haben hier bei uns aber bisher nicht wirklich viel Erwähnung gefunden. Zu Unrecht, wie ich spätestens weiß, seit ich eine der unheimlich warmen und mega verarbeiteten Pufferjackets der Outdoor-Marke aus Tutzing besitze. Ich fühle mich wirklich einfach rundum wohl, wenn ich sie trage – innen und außen. Ja, das kann grüne Mode.

Hinter LangerChen stecken Miranda Chen und Philipp Langer, die bereits 2009 zuerst eine nachhaltige Textilmanufaktur in Jieco, China, eröffneten und 2013 schließlich das Label LangerChen gründeten. Die Mäntel, Parke und Jacken sind alle GOTS-zertifiziert und mit nachhaltigen und recycelten Materialien ressourcenschonend produziert. China und fair? Schon lange kein Widerspruch mehr.

Auf der Neonyt überzeugte mich LangerChen vor allem mit seiner mutigen Farbpalette. Outerwear muss doch schon lange nicht mehr grau und schwarz sein, oder? Die Designs sind außerdem unaufgeregt, funktional und hochwertig. Hier findet ihr den Onlineshop und hier weitere Backroundinformationen zum Label.

Flamingos' Life

Um die veganen Sneaker von Flamingos' Life schleiche ich nun schon fast ein Jahr herum. Warum ich noch nicht zugeschlagen habe? Hmm ... ich habe genug Sneaker und hatte bisher keinen akuten Bedarf. Sobald sich das ändert, werde ich aber sicherlich ein Modell des spanischen Green Brands in die Tüte packen.

Wie bei vielen grünen Marken, geht auch bei Flamingos' Life, das 2015 von drei Freunden in Spanien gegründet wurde, das Engagement über die reine Produktion von nachhaltigen Produkten hinaus. So steht jede Kollektion in Zusammenhang mit einem umweltbezogenen Projekt. Wiederaufforstung oder Ocean Clean-up? Ihr könnt direkt im Onlineshop sehen, wo der Goodwill (und ein Teil eures Geldes) hinfließen.

Die veganen Sneaker sind alles andere, als „ökig“, transportieren für mich einen lässigen Surfer-Vibe und erinnern mich an Sommer, hach. Was will man denn mehr? Im Onlineshop werden Männer und Frauen glücklich – und dank der regelmäßigen Unterstützung verschiedener NGOs lacht die Umwelt mit.

Double-Tap-Inspo für noch mehr Nachhaltigkeit – Unser Insta-Lieblinge!

Marken schön und gut. Aber es gibt auch eine Menge sehr inspirierender, toller und engagierter Menschen da draußen, die sich für mehr Nachhaltigkeit in der Mode stark machen. Viele kenne ich persönlich, noch mehr würde ich gerne kennenlernen und vor allen habe ich einen Heidenrespekt. Also, gebt eurer Liebe für grüne Mode mit diesen Menschen ein – bzw. mehrere – Gesichter und fühlt euch dazu aufgerufen, die Liste in den Kommentaren zu ergänzen.

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    Armed Angels via Neonyt PR, Fashion Revolution

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