Ist Sharing der Weg zu einer nachhaltigen Garderobe? Im Gespräch mit Thekla von Stay Awhile

Leihen statt kaufen – das funktioniert bei Autos, aber auch bei unserer Kleidung

Die Textilindustrie ist eine der umweltschädlichsten Branchen der Welt und weniger Konsum ist hier ein erster und sehr großer Schritt in die richtige Richtung. Wie schwer das jedoch mitunter fallen kann, darüber brauchen wir mit euch nicht zu sprechen. Zu verlockend sind die immer neuen Kollektionen, zu allgegenwärtig das sich immer schneller drehende Trendrad.

Wie also bewussten Konsum und Nachhaltigkeit mit dem Verlangen nach neuem Input in der Garderobe vereinen? Ihr kennt Secondhand und auch hier auf Beige haben wir euch schon mehrfach tolle nachhaltige Mode vorgestellt (z.B. hier, hier, hier und hier). Aber habt ihr schon mal darüber nachgedacht, eure Kleidung zu mieten? Wir sharen unsere Wohnung und Autos – warum also nicht auch unseren Kleiderschrank? Thekla Wilkening ist hier eine echte Pionierin in Deutschland. Bereits 2012 gründete sie mit ihrer damaligen Geschäftspartnerin Pola Fendel mit der Kleiderei den ersten Kleidungsleihservice Deutschlands.

Mit dem Leihservice Stay Awhile startet sie nun erneut durch – Grund genug das Konzept zu testen und mit Thekla über Nachhaltigkeit, den Kampf gegen Fast Fashion und die Zukunft unseres Konsums zu sprechen.

Hand aufs Herz: Wie viel Kleidungsstücke besitzt du, Thekla?

Ha! Gute Frage. Ich habe angefangen zu zählen und gemerkt, dass es doch viele sind. Bestimmt 350 Teile – mit allem, vor allem Jacken habe ich viele. Sie sind mein individueller Schutzschild für den Tag.

Kann man mit Mode die Welt retten oder sie wenigstens ein wenig besser/nachhaltiger machen?

Definitiv! Es ist eine gigantische Industrie, die allein durch ihre Masse so viel Einfluss hat, der konsequent unterschätzt wird. Die Textilindustrie produziert höhere Treibhausgasemissionen als die Flug- und Kreuzfahrtschiffsindustrie zusammengenommen. Nur ein Beispiel! „Mode“ – als das, was den Ausdruck, den Zeitgeist, die Zukunft prägt – setzt Zeichen und nimmt Einfluss auf die Gesellschaft und damit auch wieder auf die Industrie. Sie sollte also mit gutem Beispiel vorangehen.

Wie entstand die Idee zu Stay Awhile und wer ist noch mit dabei?

Das Konzept des Kleiderleihens setze ich schon seit 2012 um – damals noch als Kleiderei mit meiner Geschäftspartnerin Pola Fendel. Seit 2018 arbeite ich für Stay Awhile, ein Projekt der Relenda GmbH, die schon erfolgreich Kinder- und Umstandsmode vermietet.

Kleider leihen ist die nachhaltige Alternative zum Shoppen: Wie genau funktioniert das Konzept?

Wir bieten zwei Möglichkeiten: das selbst Auswählen von Stücken oder die kuratierte Box. Kuratiert bedeutet, dass wir das Paket auf Basis eines Fragebogens für die Kundin zusammenstellen. Die kuratierte Variante ist im Moment die beliebtere, die Kundinnen sehnen sich nach Abwechslung und oft wünschen sie sich dabei Unterstützung. In beiden Varianten können die Kundinnen das Paket monatlich tauschen, aber auch gerne länger behalten. Lieblingsstücke können auch gekauft werden – ganz nach dem Motto: Rent what you like, buy what you love.

„Wir teilen unsere Betten bei Airbnb und duschen in Hotelzimmern, in denen Nacht für Nacht die Gäste wechseln. Die Hemmschwellen sitzen in unseren Köpfen und können gut aufgebrochen werden.“

Gerade Kleidung ist ja etwas sehr Privates, da wir es am Körper tragen und Mode folgt schnellen Trends. Hattest du jemals Angst, dass das Konzept nicht aufgehen könnte?

Wir teilen unsere Betten bei Airbnb und duschen in Hotelzimmern, in denen Nacht für Nacht die Gäste wechseln. Ich denke, die Hemmschwellen sitzen in unseren Köpfen und können gut aufgebrochen werden. Im Gegensatz zum Kaufen, online oder im Geschäft, ist bei uns auch garantiert, dass die Kleidungsstücke frisch gereinigt zu der Kundin kommen. Das Modell Trends hat sich überholt, heute dürfen wir doch (zum Glück!) tragen, was wir wollen, Hauptsache die Haltung stimmt. Ich sehe das auch für die Zukunft. Ich denke, dass wir 2025 höchstens 50 Prozent unseres Kleiderschrankes besitzen werden. Der Rest wird geliehen, gemietet oder als Investment zum Tragen und Weiterverkaufen gekauft. Also nein – Angst habe ich keine. Angst ist aber auch noch nie mein Berater gewesen.

Warum nicht etwa Secondhand verkaufen? Das ist doch auch nachhaltig und macht weniger Arbeit, oder?

Aber nicht so viel Spaß! Ich liebe es, zu wissen, dass alles in Bewegung bleibt. Secondhand würde ja wieder in einem Kleiderschrank einziehen und möglicherweise nie getragen werden. Das Zirkulieren von Produkten interessiert mich mehr. Leihen bedeutet Leichtigkeit, Flexibilität und die Möglichkeit, Neues zu entdecken – das finde ich spannend und einen großen Hebel, wenn es darum geht, das Bewusstsein in unserer Gesellschaft zu verändern.

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Marken, mit denen ihr zusammenarbeitet, aus?

Die Kooperationen gehen wir nur mit Labels ein, die nachhaltig produzieren. Es kommt jetzt auch die #preloved Sektion, da vermieten wir Stücke, die Kundinnen für Fehlkäufe halten, da achten wir auf Qualität, aber sind offener, was die Labels angeht – da es ja bereits produziert wurde. Wir wollen mit unserer Auswahl die Nachfrage mitbestimmen und nachhaltigen Labels mehr Reichweite ermöglichen. Für die Kundinnen führt die Qualität der Materialien meistens direkt ein AHA-Effekt – das Verständnis für den Wert der Kleidung steigt schnell.

Was sind deine Tipps für alle, die ihren Kleiderschrank nach und nach nachhaltiger aufbauen möchten? Alle alten Sachen zum Fenster hinaus?

Niemals. Alles, was da ist, sollte bewahrt werden. Das ist auch der erste Schritt: Sich bewusstmachen, dass Eigentum Verantwortung bedeutet. Ich versuche regelmäßig auszusortieren und mir dabei bewusst zu machen, warum ich etwas nicht (mehr) mag. Dann kann ich es besser vermeiden.

„In meiner perfekten Welt löst sich Besitz zunehmend auf und wir nutzen, was wir brauchen und zahlen dafür.“

Klimawandel und Umweltschutz kommen mehr und mehr in der Gesellschaft an: Habt ihr das anhand der Bestellungen gemerkt?

Mit Kleiderei waren wir 2012 wirklich sehr sehr früh dran, da mussten wir wesentlich mehr erklären – uns schon fast rechtfertigen. Das ist jetzt natürlich anders, wir merken definitiv, dass das Bewusstsein steigt und die Kundinnen froh sind unser Angebot nutzen zu können.

Was inspiriert dich und woher holst du Kraft, wenn du manchmal den Mut verlierst?

Definitiv mein Sohn! Für ihn und alle Kinder dieser Welt, lohnt es sich, jeden Tag aufzustehen und dafür zu kämpfen, dass diese Welt (wieder) ein besserer Ort wird.

Was ärgert sich an der Modeindustrie am meisten?

Das Grundproblem des Kapitalismus: Dass uns eingeredet wird, dass wir ohne die Dinge nicht gut genug sind – und das immer und immer wieder. Dabei wissen wir alle, dass es nicht stimmt. Aber es kostet Kraft, sich dagegen aufzulehnen, denn die Impulse werden so gut gesetzt.

Gibt es Indikatoren, anhand derer man schnell erkennen kann, ob ein Kleidungsstück fair produziert wurde?

Es gibt Siegel, z.B. das GOTS Siegel, was wirklich gut ist. Die Bundesregierung führt voraussichtlich im September 2019 den Grünen Knopf ein, ebenfalls ein Siegel, was es dem Verbraucher erleichtern soll, nachhaltige Mode zu erkennen. Siegel haben natürlich auch Vor- und Nachteile, vor allem kostet die Kennzeichnung Geld. Es gibt also auch Gutes, ohne Siegel. Da kommt der Ansatz der Fashion Revolution Initiative ins Spiel, die Konsument*innen dazu aufruft, die Brands zu fragen #whomademyclothes? – da findet man auch tolle, kleinere Labels, die ihre Produktionsstätten und deren Arbeiter zeigen.

Und was sind deine Träume und Hoffnungen?

Ich wünsche mir, dass wir zurückgehen zu Qualität. In meiner perfekten Welt löst sich Besitz zunehmend auf und wir nutzen, was wir brauchen und zahlen dafür – sodass ein Kleid oder jeder sonstige Gegenstand von höchster Qualität sein kann, denn ich zahle ja nur einen Bruchteil des Preises.

Kleidung leihen? Ich habe es einen Monat getestet! Mein Fazit: Traut euch!

Ich kaufe gerne Secondhand-Mode und hatte daher absolut keine Bedenken von dieser Seite, was das Mieten von Kleidung angeht. Die einzige anfängliche Hürde: Wie sitzen die Sachen? Denn nicht alle Marken habe ich vorab bereits getragen. Durch die drei extra Teile ist man hier aber auf der sicheren Seite. Meine Box kam schnell, die Sachen waren in top Kondition, sauber und es war ein bisschen wie Weihnachten, die ganzen Sachen auszupacken und im „echten Leben“ anzuschauen.

Klar, einiges hat nicht gepasst, aber der Großteil war ein Volltreffer und ich habe sogar noch zwei neue Brands in mein Herz geschlossen, die ich vorher nicht kannte: Maria Seifert und Haikure.

Ob für die Hochzeit meines Bruders (leider gibt es hier kein Bild, weil es nonstop regnete), den Ausflug in Schwimmbad, einen Tag am See oder beim Besuch der Neonyt – ich war für alle Lebenslagen gekleidet. Und nach vier Wochen ging alles Retour. Fun Fact: Um das Blumenkleid von Armedangels bin ich schon monatelang geschlichen und habe es gemietet rauf und runter getragen – und mein Verlangen war plötzlich gestillt. Es zurückzuschicken ist mir nicht schwergefallen, da ich es bis zum Get-no ausgenutzt hatte und hätte ich es gekauft, es wäre sicherlich bald weiterverkauft worden. Win-win!

Bei Stay Awhile könnt ihr – kuratiert oder selbst ausgewählt – für 59 Euro monatlich vier Teile ausleihen und so oft tragen, wie ihr wollt. (Drei Extra-Teile kommen mit jeder Lieferung on top, falls etwas nicht passt). Nach einem Monat schickt ihr eure Auswahl kostenfrei zurück. Teile, die ihr besonders lieb gewonnen habt, könnt zu einem reduzierten Preis kaufen. Neugierig? Dann probiert es doch mal aus!

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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