Erklär mir (nicht) die Welt!

Team Beige diskutiert: Was passiert eigentlich in der App Clubhouse?

„Kann mich jemand zu Clubhouse einladen?“ Was meint ihr, wie oft wir diese Frage in den letzten Tagen gelesen habe? Im Minutentakt werden auf Instagram Screenshots gepostet, die von Veranstaltungen auf der Social-Network-App berichten. Seit letzter Woche ist ein regelrechter Hype um das neue Format entstanden.

Kurz zum Kontext: Clubhouse ist eine Audio-only-App, die geladenen User*innen Zugang zu Live-Talks und Diskussionen bietet. Nutzer*innen können gemeinsam „Räume“ eröffnen und dort Gespräche planen. Alle anderen hören zu. Wer mitmachen möchte, benötigt eine Einladung. Jede Person kann allerdings nur zwei Menschen einladen. Ach ja, ein iPhone brauchen die Teilnehmer*innen auch: Für Android ist das Drop-In-Audio Netzwerk bisher nicht verfügbar. Das Erfolgsrezept scheint Exklusivität zu lauten – aber schließt das nicht auch eine Menge Leute aus? Und warum ist dieses Konzept gerade jetzt für viele so spannend? Team Beige, diesmal bestehend aus Marie, Julia, Sarah und Felix, hat das natürlich für euch diskutiert.

Julia: Huhu @alle, ich fürchte, wir müssen mal über Clubhouse reden…

Felix: Nachdem ich heute auf Instagram nichts anderes gesehen habe, auf jeden Fall! Ich hab gerade einen Freund angehauen, ob er mir einen Zugang besorgen kann.

Julia: Ich wusste, ich kann auf dich zählen. Ich kriege keinen, denn ich habe Android!

Marie: Sarah ist unsere Retterin! Sie bringt uns in den Club!

Sarah: Yes, habe zwei Einladungen zu vergeben. Ich bin heute Morgen erst in den Club der „Erlauchten“ eingetreten, muss also erst mal schauen, wie man die verschickt. Da Julia kein iOS hat, denke ich mal, dass Marie und Felix jeweils eine Einladung kriegen?

Felix: Yep, ich bin komplett apple-fied. Du brauchst meine Handynummer, denke ich? Ich lade die App mal fix runter …

Sarah: Ok, um Leute einzuladen, muss die App auf meine privaten Kontakte zugreifen dürfen. Finde ich schon mal richtig scheiße. Einladungen sind verschickt.

Felix: Top, danke! Bin schon drin. 

Sarah: Das Who is Who der deutschen Social-Media-Szene trifft man hier an – und auch E-Commerce. Kommt mir vor wie ein Live Podcast...

Felix: Hahaha, das trifft es auf den Punkt.

Julia: Was ist eigentlich der Unterschied zu Discord? Einfach nur die Einladung?

Sarah: Was ist Discord? Ich fühle mich alt.

Julia: Kommt eigentlich aus dem Gaming. Du erstellst einen Server, auf dem du dann mit anderen chatten, sprechen, Videokonferenzen abhalten kannst …

Sarah: Ich würde sagen, der Unterschied liegt bei der Einladung, also dem Marketing von Clubhouse – das ist hip und cool. Da hat wohl ein Business Angel nachgeholfen?

Julia: Konntet ihr schon irgendwo teilnehmen? Wie war das so? Ich bin gespannt!

Felix: Ich hab mich gestern durch ein paar Talks gewurschtelt und war nicht sonderlich begeistert. Vom Feeling her erinnert mich die App irgendwie an Knuddels meets TedTalk.

Sarah: Ich bin gestern Abend gleich in einem „Room of Catastrophe“ gelandet – mit einem Bild-Redakteur und einem Politiker, die sich gefetzt haben. Irgendwie sind da voll viele Typen, die sich einfach nur gern reden hören.

Julia: Mich als Außenstehende (im wahrsten Sinne des Wortes) würde interessieren, ob es irgendeine Form der Teilhabe gibt? Liken, kommentieren oder so? Witzig eigentlich, weil wir so sehr on demand gewöhnt sind und man das ja nicht nachhören kann, oder?

Sarah: Man kann anscheinend die „Hand heben“ – aber ich habe noch nicht erlebt, dass das jemand wagt. Es ist echt wie Fernsehen ohne Bild. Nachhören geht anscheinend echt nicht. Zumindest habe ich noch nicht davon gehört.

Screenshot von Jule Wieler auf Instagram

Julia: Got ya, Felix. Na, wie war der Talk mit Thomas Gottschalk?

Felix: Hahaha, das war ich nicht!

Sarah: Interessant, dass ab 5500 Leuten ein Raum voll ist und nicht mehr betreten werden kann. Irgendwie auch komisch, so viele Menschen in einem Raum. Wo doch alles so nahbar sein soll...

Julia: Hier gibt's noch paar Infos zum Datenschutz. Aber da eh jede*r WhatsApp und Co. nutzt, vermutlich nichts Neues, oder?

Sarah: Bin gerade in einem Raum mit dem Investor und den Gründern von einem Podcast. Takeaway: Viel Name-Dropping und es sind NUR Männer auf der Bühne – heben keine Frauen die Hand? Es gibt auch einen Raum namens „Lunch im Regierungsviertel“, wo Politiker beim Mittagessen Corona besprechen und wir Normalos zuhören oder mit denen reden können. Ich finde das alles total verwirrend – es geht eigentlich nur um Investitionen und Business. Oder folge ich den falschen Leuten?

Marie: Vielleicht musst du deine Kanäle nochmal umsortieren. Ich habe mir gestern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die App heruntergeladen - FOMO calling ! Wenn ich ehrlich bin, war ich positiv überrascht: Da waren viele Themen dabei, die nach richtig guter Fortbildung aussehen. Und mit neidischem Blick auf das Weiterbildungsprogramm der Architektenkammer meines Freundes, träume ich von so etwas für Online-Journalismus und Social-Media schon lange. Konnte es aber nirgendwo finden. Und jetzt ist es auch noch kostenlos! Aber klar, leider alles andere als inklusiv. Mir stellt sich die Frage, wie man verhindern will, dass da Hinz und Kunz falsches Wissen oder Verschwörungstheorien verbreiten. Uni-Dozent*in kann ja auch nicht jede*r werden, der darauf Lust hat …

Sarah: Guter Punkt. Apropos iPhone: Eben hat einer vorgerechnet, wie viel Gewinn Apple mit Clubhouse generiert. Klingelt wieder einmal in der Kasse...

Felix: Zum Thema Apple habe ich tatsächlich das Gefühl, dass sie damit viele Fliegen mit einer Klappe geschlagen haben. Einerseits ist Apple eindeutig exklusiver als Android und passt somit mehr zu diesem anfänglichen Schicki-Feel, den sie versuchen zu verkaufen. Gleichzeitig schreien alle auf, weil es sehr elitist ist, das so zu machen. Und Apple verdient sich ein noch goldeneres Näschen. Marketingmäßig 1A, wenngleich cringey.

Sarah: Zu den Falschinformationen gibt es wohl (noch?) keinen Mechanismus von Clubhouse, der greift - da können nur die Moderator*innen eingreifen. Doof, wenn die jedoch die Fake News weitergeben oder befeuern.

Marie: Wir haben ja gerade erst mit ansehen müssen, wie ein Präsident eine Social-Media-Plattform mit seiner Macht missbraucht. Clubhouse scheint mir dafür prädestiniert zu sein. Eben, weil jede*r einfach los erzählen kann. Und da geht's ja noch nicht mal nur um die politische Ebene: Es wird schon viel früher gefährlich, wenn es z.B. um Mental Health, Essstörungen und Co. geht. Aber auch hier frage ich mich: Was ist der Unterschied zu Instagram? Was denkt ihr?

Felix: Vor zwei Tagen dachte ich, dass Clubhouse vielleicht gerade aus dem Grund, dass es dort nicht so sehr um Äußerlichkeiten gehen kann, weniger oberflächlich oder als Profilierungstool genutzt wird. Ich überlegte, ob es vielleicht echt stärker auf die inhaltliche Ebene geht, anstatt sich für die eigenen Skills Applaus abzuholen. Aber nachdem ich gestern auch in ein paar Mansplaining-Rooms unterwegs war, nehme ich diese Prognose wieder zurück. Mein Eindruck war tatsächlich genau das, dass nämlich Leute sich das Mikro krallen und allen Anwesenden die Welt erklären.

Marie: Ich glaube, die Corona-Situation spielt der App in Sachen Marketing und dem Hype mächtig in die Karten. Vor einem Jahr wäre bei einer Podcast-Talk-App doch niemand so ausgeflippt, gerade sitzen aber nun mal viele zu Hause und der Wunsch nach Konversation und Abwechslung ist so groß wie nie. Was mich außerdem ein bisschen nervt: Dass hinter der App wieder dieser krasse Selbstoptimierungs-Gedanke von Millennials steckt. Sich in jeder freien Minute verbessern – und seine Abläufe nicht nur beruflich, sondern auch privat ständig weiterzuentwickeln. Wie werde ich ein besserer Mensch? Wie werde ich eine bessere Chefin? Wie werde ich reich? Wie werde ich erfolgreich? Ich würde gerne viel mehr übers Scheitern und Wiederaufstehen hören. Ich brauche nicht noch eine App, die mich genau wie Instagram ständig daran erinnert, dass a) andere besser/schöner/reicher sind als ich und b) den Druck erhöht, bei den Talks als Expertin aufzutreten …

Julia: Ich habe eben mal Marie über die Schulter geguckt und jetzt auch einen Eindruck. Ich finde es wirklich problematisch, dass es keinen wirklichen Austausch gibt! Das ist eine extrem homogene Bubble, die sich da über ihre Wertvorstellungen, ihre „2021 Goals“ und über Finanzziele unterhält, eben ohne die Möglichkeit, neue Positionen oder Meinungen zu integrieren. Im Prinzip wirklich nur Selbstaffirmation. Wobei ich den Raum mit den Granny-Weisheiten ganz süß fand...

Marie: Oh ja, das ist wirklich ein Bubble-Treffen vom Feinsten!

Sarah: So, ich bin ja lernfähig und habe, wie Marie vorgeschlagen hat, Kanäle umsortiert, weiteren Leuten bin ich gefolgt habe auf der Explore-Seite gezielt nach interessanten Themen und Diskussionen gesucht, aber gefunden habe ich immer und immer wieder nur „Räume“, die ein Thema in Verbindung mit Business besprechen. Beim Stöbern habe ich einen Raum mit Patrick Starrr gefunden, einem amerikanischen Beauty-Youtuber. Dort ging es nur darum, wie er sein nächstes Shooting organisiert...? Business, Business, Business, Baby! Was ist dann für den Ottonormalverbraucher drin?

Julia: Wie geht's bei euch jetzt weiter? Behalten? Deinstallieren?

Sarah: Die ultimative Clubhouse Experience fehlt uns ja: Einen Raum eröffnen und moderieren. Ich frage gerade bei meinen Beauty-Kontakten (mit etwas Reichweite, damit IRGENDWER mithört), ob die Lust haben, morgen Abend mit mir über "Beauty 2021″ zu reden. Habt ihr Bock? Marie?

Marie: Mir fehlt es wirklich schwer, mich selbst als Expertin zu bezeichnen. Fehlt mir das Selbstbeweihräucherungsgen oder bin ich einfach eine Selbstvermarktungsniete?

Sarah: Ich sehe mich null als Expertin, Marie! Ich empfinde das Ganze wie ein Hin-und-Her-Schicken von WhatsApp-Sprachnachrichten. Aber Leute spielen Mäuschen und hören zu. So habe ich mir das zumindest vorgestellt.

Marie: Wenn das so ist, dann können wir sprechen! Wenn ich keine Expertin sein muss … 

Sarah: Bei so einer persönlichen App sind echte Meinungen mehr wert als Expert*innen-Wissen. Clubhouse ist eher eine Audio-Verlängerung unserer Gier nach Reality TV.

(Am Abend darauf)

Julia: Na, wie lief euer Live-Gespräch? Sarah, kann ich dich für ein Fazit gewinnen?

Sarah: Nach einer halben Stunde Beauty-Talk mit Marie komme ich zu dem Schluss: Wer nicht schon selbst viele Follower*innen durch andere Social-Media-Plattformen hat und die zu Clubhouse mitbringt, kriegt wohl kaum Leute zum Zuhören. Zwar habe ich in den letzten Tagen einige Talks gefunden und abgespeichert, denen ich zuhören wollen würde, aber diese Invite-Only-Strategie, Pardon, kotzt mich extrem an. Genauso, wie das iOS-Only-Ding. Und das, obwohl es wahrscheinlich ein Millionen-Investment gab und die Chance bestand, die App auch für Android zugänglich zu machen. In der Beauty-Branche würde so eine Aktion auf dem Instagram-Kanal von Diet Prada landen – und das zu Recht!

Und jetzt ist Team Beige sehr gespannt auf eure Meinung zum Thema Clubhouse! Teilt sie uns gerne in den Kommentaren mit.

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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