DienstArt – Die Kunstkolumne: Männer, die in Löcher fallen

Eine Kolumne über Missverständnisse und zeitgenössische Kunst

Im August letzten Jahres stürzte ein Museumsbesucher in eine 2,4 Meter tiefe Installation von Anish Kapoor. Bessere Presse hätte „Descent into Limbo“ wohl kaum bekommen können. Der Name des Kunstwerkes, das im portugiesischen Serralves Museum ausgestellt wurde, war also buchstäblich Programm. Bei der Installation handelte es sich um ein mit dem tiefschwarzen Farbstoff Vantablack ausgekleidetes Loch – hier habe ich übrigens schon letztes Jahr etwas über den damit verbundenen Rechtsstreit berichtet. Aufgrund der intensiven Farbe konnte der Betrachter die Tiefe des Abgrunds nicht einschätzen, hielt das Loch für einen aufgemalten Kreis und fiel in die Tiefe. Der kühne Springer landete im Krankenhaus, etwas Schlimmeres ist zum Glück nicht passiert.

Misslungene Restaurierung als Meme

Copyright: Katharina Fritsch 

Erst vor kurzem, auf der diesjährigen Kunstmesse Art Basel, ereignete sich ein weiterer Kunstunfall: Ein dreijähriges Mädchen stieß aus Versehen die Skulptur „Fliege“ von Katharina Fritsch vom Sockel. Dabei lösten sich die Flügel des überdimensionalen Insekts. Auch hier ging die Sache glimpflich aus: Der Brummer konnte repariert werden und die Eltern des Mädchens entgingen einer saftigen Geldstrafe. Die Reaktionen auf solche Vorfälle fallen mit Vorliebe zynisch aus: Höhö, zeitgenössische Kunst, kein Wunder, wenn die missverstanden wird – so der allgemeine Konsens.

Besonders in den sozialen Netzwerken wird gehörig über die beiden Unfälle gespottet. Und das nicht zum ersten Mal: Die misslungene Restaurierung des Freskos „Ecce Homo“ führte zu einer solchen Popularität, dass die verschandelte Jesus-Darstellung sogar zum populären Meme geworden ist. Das ursprünglich 1930 von Elías García Martínez gemalte Werk war einer Anwohnerin, die es in einer Kirche in der spanischen Gemeinde Borja gesehen hatte, negativ aufgefallen. Sie hatte, so sagt sie, in guter Absicht kleine Ausbesserungen an dem restaurierungsbedürftigen Bild vornehmen wollen. Aus diesem Grund griff sie ohne Vorwarnung – und vor allem ohne Ausbildung – zum Pinsel und verschlimmbesserte das Bild auf ihre ganz spezielle Art. Seither geistert das Ergebnis als Internet-Phänomen durchs Netz und belustigt nicht nur Kunst-Fans.

Die Mutter aller Kunstunfälle: Die Fettecke

Copyright: J. Paul Getty Trust. Los Angeles, Getty Research Institute (2011.M.30)

Die Mutter aller Kunstunfälle ist vermutlich die Fettecke von Joseph Beuys: Sie hat mittlerweile schon so große Berühmtheit erlangt, dass eine „Fettecke“ oft als geflügeltes Wort für vermeintlich missverstandene Kunst gebraucht wird. Beuys, der das Fett schon Jahre vorher häufig als Material für seine Arbeiten nutzte, versah zahlreiche Gebäudeecken mit der schmierigen Masse. 1986 wurde die bereits mehrere Jahre in der Kunstakademie Düsseldorf angebrachte Ecke vom Hausmeister entfernt. Reste des Werks wurden zwar noch im Müll gefunden, nachgebuttert wurde aber nicht.  

„ACHTUNG: KUNST!“

Beuys scheint ein beliebter Kandidat für missverstandene Kunst zu sein: Einige Jahre zuvor, nämlich 1973, wurde eine von ihm mit Fett, Mullbinden und Pflastern präparierte Kinderbadewanne im Rahmen einer SPD-Vereinsfeier gehörig fehlinterpretiert. Die im Lager der Location aufbewahrte Wanne wurde von eifrigen Vereinsmitgliedern erst gereinigt und nach der Party dann für den anfallenden Abwasch verwendet. An dieser Stelle würden sicherlich einige Fettnäpfchen-Wortspiele ihren Platz finden, ich halte mich aber gnädig zurück.

Auch Damien Hirst wurde 2001 Opfer eines Missverständnisses: Auf einer Vernissage in London hatte er Bierflaschen, dreckiges Geschirr und Aschenbecher zu einer Installation mit dem treffenden Namen „Unaufgeräumtes Studio“ arrangiert. Die Reinigungskräfte, die von feucht-fröhlichen Abendveranstaltungen sicherlich eine Menge gewöhnt waren, kamen nicht auf die Idee, dass es sich bei der diffusen Sammlung tatsächlich um Kunst handeln könnte … und schmissen alles in den Müll. Am nächsten Morgen konnten die Reste des missverstandenen Werkes vom Galeriepersonal gerettet werden. Hirst sah es mit Humor und bezeichnete den Fehler als „fantastisch und sehr lustig!“.

Reinigungskräfte als unterbezahlte Kunstkritiker*innen

Copyright: Gustav Metzger

Man könnte zu dem Schluss kommen, dass in Reinigungskräften wichtige Kunstkritiker*innen stecken: Niemand sonst muss so aufmerksam zwischen vorsichtig zu behandelndem Wertobjekt und umgehend zu entfernendem Sperrmüll entscheiden. Leider sind Putzhilfen für diesen Job hoffnungslos unterbezahlt. Auch im nächsten Beispiel spielt eine eifrige Reinigungskraft eine wichtige Rolle: Der deutsche Künstler Gustav Metzger, der 2004 im Tate Modern in London ausstellte, wollte mit einer mit Papier gefüllten Plastiktüte die Selbstzerstörung von Kunst thematisieren. Dieser dekonstruktivistische Gedanke erfüllte sich prompt: Noch vor der Eröffnung  wurden die vermeintlichen Müllsäcke fachgerecht entsorgt. Bei derartigen Vorfällen komme ich nicht umhin, mich zu fragen: Was spricht eigentlich dagegen, der tapferen Nachtschicht eine kurze Notiz mit dem Hinweis „ACHTUNG: KUNST!“ zu hinterlassen? Für das Wegwerfen eines Müllsacks kann man dem Personal nun wirklich keinen Vorwurf machen.

„Soll das so?“ Das fragten sich 2008 vermutlich auch die Besucher*innen der Royal Academy of Arts in London, als sie die Arbeit von Tatiana Echeverri Fernandez sahen. Ursprünglich bestand das Kunstwerk aus fünf Totemfiguren, die als „Fräuleins“ betitelt waren. Eine der meterhohen Keramikskulpturen, Fräulein Christina, zerbrach jedoch, als ein unvorsichtiger Besucher das Gleichgewicht verlor und gegen das Objekt stieß. Obwohl die Scherben umgehend beseitigt werden sollten, strömten weiterhin Besucher*innen in den Raum, die die zerbrochene Skulptur als Teil des Gesamtkunstwerks interpretierten und begeistert Fotos schossen.

„Soll das so?“

Was können wir daraus lernen? Kunst ist zwar schon lange nicht mehr „nur“ Leinwand mit etwas Ölfarbe drauf - trotzdem ist zeitgenössische Kunst häufig schwer zu identifizieren: Alltagsgegenstände und unfertig erscheinende Installationen werden als wertlos oder unbedeutend angesehen. Umso häufiger stellt sich die Frage: Warum ist das Kunst? Wieso ist ein kaputter Staubsauger plötzlich ein Kunstwerk, wenn ich ihn auf ein Podest stelle und als solches bezeichne? In diesem Fall gilt: Context is key! Objekte, die in Galerien stehen und mit Hinweisschildchen versehen sind, nehmen wir ganz anders wahr als Dinge in unserem gewohnten Umfeld.

Context is key!

Ja, wir dürfen irritiert sein, wenn uns plötzlich ein Haufen toter Fliegen als Prestigeobjekt verkauft wird. Wenn nur das Galeriepersonal, nicht aber einfache Angestellte einen Müllsack als Kunst identifizieren, hapert es dann nicht an der Kunstvermittlung? Vielleicht liegt in dieser Kontroverse ein wichtiger Anhaltspunkt für den Wert zeitbasierter Kunstwerke. In jedem Fall werden wir dazu angeregt, unsere herkömmliche Sichtweise auf Kunst zu hinterfragen. Einen kurzen Guide zur Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst findet ihr übrigens hier. Originalität und Querdenkerei zahlen sich aus: Manche Dinge wurden eben noch NIE so gemacht und besitzen dadurch einen einzigartigen Charakter. 

Beenden wir diesen Ausflug in die missverstandene Kunst mit dem großartigen Danny DeVito in seiner, wie ich finde, überzeugendsten Rolle: Dem Kunstkritiker Ongo Gablogian, der alle vermeintlichen Oberflächlichkeiten der Kunstwelt in sich vereint. 

Was ist eure Meinung und habt ihr schon mal über ein ungewöhnliches Kunstwerk gestaunt? Verratet es uns gerne in den Kommentaren

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    Courtesy of Serralves Foundation 

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