Lost and found? Warum die Erzählung von „vergessenen Künstlerinnen“ problematisch ist

Wer nicht verloren geht, kann nicht wiedergefunden werden

Wie haben wir das alle in der Schule gelernt? Wenn man Kritik äußert, soll man mit den positiven Aspekten beginnen. Dann mal los: Ich freue mich jedes Mal, wenn eine große Institution sich dazu entschließt, Einzelausstellungen von Künstlerinnen zu zeigen, die ich bisher noch nicht kannte. Aktuelle Beispiele sind zum Beispiel die Bildhauerin Louise Stomps in der Berlinischen Galerie, die italienische Künstlerin Laura Grisi im Muzeum Susch oder die Surrealistin TOYEN in der Hamburger Kunsthalle. Das sind Projekte, auf die ich mich sehr freue und die unheimlich wichtig sind.

Womit ich allerdings weniger happy bin, ist die mittlerweile gängige Marketingstrategie vieler Museen, die Protagonistinnen als „vergessene Künstlerinnen“ zu bezeichnen. Viele Frauen und ihre Werke seien im Laufe der Jahrhunderte einfach verloren gegangen und würden nun – den ruhmreichen Kunsthistoriker*innen sei Dank – endlich wiederentdeckt. Einige Häuser benennen sogar ganze Ausstellung nach diesem Schema. Klingt ja auch ziemlich cool, „Vergessene Bauhaus-Frauen“ wieder in den Fokus zu rücken.

Gerda Schimpf: Louise Stomps im Atelier Schillerstraße 21, Berlin 1948, Berlinische Galerie, Foto: Anja Elisabeth Witte. Copyright: Gerda Schimpf Fotoarchiv.

Leider sind solche Formulierungen absoluter Blödsinn. Sie klingen nicht nur zynisch, sie sind auch gefährlich: Denn sie implizieren, dass hier ein passives Handeln vorliegt: das Vergessen. Glaubt man den zahlreichen Pressetexten und Ausstellungsankündigungen, dann sind jene Künstlerinnen einfach irgendwie untergegangen im Wust aus Künstlern. Vielleicht haben sie sich auch einfach nicht richtig durchgesetzt. Oder – noch schlimmer – Kinder bekommen.

Und selbst dann, wenn Kritik an kulturpolitischen Entscheidungen geäußert wird, ist das nicht immer hilfreich. Die taz zum Beispiel spricht im Zusammenhang mit der systematischen Ausklammerung von Künstlerinnen von einer „Sehschwäche“. Diese Formulierung ist nicht nur ableistisch, sondern auch eine absolute Fehldarstellung dessen, was wirklich passiert ist. Und auch im Tagesspiegel bemängelt man, dass Frauen oft „einfach vergessen werden“.

Und hier liegt auch schon der Kern meines Problems: Frauen, das sind eine ziemlich große Bevölkerungsgruppe, die übersieht man nicht so mir-nichts-dir-nichts. Bei der ständigen Wiederholung dieser Phrasen komme ich jedoch nicht umhin, mich zu fragen: Handelt es sich hier wirklich um passives Übersehen oder ist es doch eher aktives Ausblenden? Und: Tragen derartige Verschleierungen eventuell dazu bei, dass wir auch in Zukunft eine ganze Menge zu „entdecken“ haben werden?

Ein systematischer Ausschluss

Sabine Lepsius: Selbstbildnis, 1885. Via Wikimedia Commons.

Obwohl es zu jeder Zeit neben Künstlern auch Künstlerinnen gegeben hat, wurden in Deutschland erst 1919 die ersten Frauen offiziell als Kunststudentinnen an den Akademien angenommen. Die Weimarer Verfassung und die darin verabschiedete politische Gleichstellung von Frauen und Männern zwang die Institutionen geradezu zu diesem Schritt. Aber in den konservativen Institutionen waren nicht alle überzeugt: Es gab viele Studenten, die sich gegen gemeinsame Kurse aussprachen. Argumente waren oft die Raumnot oder die vermeintliche Anstößigkeit, Aktmalerei zusammen mit Frauen abzuhalten. Mit Sicherheit steckte dahinter auch eine große Menge Konkurrenzdenken und die Angst vor Neuem.

Maria Slavona: Häuser am Montmartre, 1898. Via Wikimedia Commons.

Tatsächlich waren Studentinnen mit zehn oder zwanzig Prozent anfangs klar in der Unterzahl. Bei den Lehrenden war es übrigens nicht anders: Erst 1927 gab es mit Anna Simons, Professorin für Schriftkunst, die erste weibliche Lehrkraft an einer deutschen Kunstakademie. Warum man über Künstlerinnen, die um 1900 geboren wurden, deswegen von der „verlorenen Generation“ spricht, ist mir trotzdem nicht ganz klar. Dass Frauen nicht an den Akademien zugelassen wurden, lag jedenfalls nicht daran, dass man sie vergessen hat. Sie sind bewusst vergessen gemacht worden. So wie Hilma af Klint:

Hilma af Klint: The Ten Largest No. 4 - Youth, 1907 © Stiftelsen Hilma af Klints Verk.

Letztes Jahr habe ich hier schon einmal über die schwedische Malerin geschrieben: über ihre phänomenalen Arbeiten, ihre visionäre Malerei und ihre vielen erfolglosen Versuche, auf dem Kunstmarkt anerkannt zu werden. Af Klint wurde immer wieder abgelehnt. Obwohl sie wegweisende Bilder malte, war sie in den großen Ausstellungen zu abstrakter Kunst bis vor Kurzem nie vertreten. „Wie kann es sein, dass eine so wichtige Künstlerin über 100 Jahre lang in Vergessenheit gerät?“, habe ich mich damals gefragt.

Heute würde ich sagen: Es war einfach kein Platz mehr im Kunstkanon. Wenn wir in der Kunstwissenschaft von Kanon sprechen, ist das ganz gut zu vergleichen mit einem musikalischen Kanon – alle singen denselben Kram, immer und immer wieder. Ein kunsthistorischer Kanon entsteht dann, wenn Wissenschaftler*innen immer die gleiche Literatur von immer den gleichen Autoren zitieren. Oder dann, wenn in Ausstellungen immer die gleichen Künstler gezeigt werden. Irgendwann glauben dann alle, dass das eben die größten, tollsten und wichtigsten Creatives gewesen sind. Warum sollte man sie sonst überall sehen?

Amrita Sher Gil: Standing Nude, 1934. Via Wikimedia Commons.

Das war auch der Fall bei Hilma af Klint und ihren Kolleginnen: Die Kunstgeschichte hatte sich schon festgelegt, wer die großen Meister der Abstraktion waren – und Fehler gesteht man sich ja auch selten ein. Eine „Wiederentdeckung“ hatte da also lange Jahre keinen Platz.

„Wenn wir in der Kunstwissenschaft von Kanon sprechen, ist das ganz gut zu vergleichen mit einem musikalischen Kanon - alle singen denselben Kram, immer und immer wieder.“

Bianca Kennedy und Janine Mackenroth bemerken: „Ein Vergessen würde voraussetzen, dass Künstlerinnen überhaupt die gleichen Chancen und Aufmerksamkeit zuteilwurde wie ihren männlichen Kollegen. Nachdem Frauen ja aber überhaupt erst seit 100 Jahren Kunst studieren dürfen, ist die Ausgangssituation natürlich eine andere.“ Die beiden Künstlerinnen haben in zwei Jahren intensiver Arbeit das gemeinsame Buchprojekt „I Love Women In Art“ realisiert. Darin stellen hundert Frauen aus dem Kunstbetrieb jeweils ein Werk einer deutschen Künstlerin vor. Das Buch weist auch auf die herrschende Unterrepräsentation weiblicher Positionen hin und ist ein hervorragendes Beispiel für die Vielseitigkeit der Künstlerinnenszene.

Die Herausgeberinnen Bianca Kennedy und Janine Mackenroth mit „I Love Women In Art“.

Ein Kampf um Sichtbarkeit

Vor etwa zwei Jahren zeigte die Alte Nationalgalerie die Ausstellung „Kampf um Sichtbarkeit“ in Berlin. Anlass war das 100-jährige Jubiläum der ersten Frauen an der Berliner Kunstakademie. Auch wenn man es kaum glauben mag: Es war das erste Mal, dass sich eine Ausstellung explizit den Künstlerinnen der Sammlung gewidmet hat. Über 60 Werke waren zu sehen – ein großer Teil wurde vorher noch nie in den Räumen auf der Museumsinsel präsentiert. Nicht mal zwei Prozent des Museumsbestands stammt von Frauen. Auch wenn es sicherlich Kritikpunkte an der Ausstellung gibt, hat mir damals schon die Formulierung eines Kampfes gefallen. Tatsächlich erforderte es riesiges Engagement, gute Vernetzung und verdammt viel Glück, um 1900 als Künstlerin erfolgreich zu sein – und zu bleiben.

Sofonisba Anguissola: Joanna of Portugal, 1560. Via Wikimedia Commons.

Kämpfen, das scheint irgendwie mit Vergessen zu kontrastieren: Schließlich impliziert das Wort „vergessen“ immer auch, dass etwas unwichtig oder unscheinbar war. Ich vergesse, Joghurt einzukaufen, ich übersehe eine E-Mail und vielleicht auch manchmal eine Künstlerin. Unwillkürlich fragt man sich: Hat sie vielleicht nur nicht richtig auf sich aufmerksam gemacht? Sind Männer einfach durchsetzungsstärker? Künstlerinnen werden auf diese Weise in eine klare Opferrolle gedrängt, die es zu vermeiden gilt.

„Ein Vergessen würde voraussetzen, dass Künstlerinnen überhaupt die gleichen Chancen und Aufmerksamkeit zuteilwurde wie ihren männlichen Kollegen.“

Dora Hitz: Kirschenernte, vor 1905. CC-BY-NC-SA, Alte Nationalgalerie, Berlin.

Ich möchte gar nicht abstreiten, dass wir uns nicht an alle Künstler*innen erinnern können. Das Phänomen betrifft leider die gesamte Berufsgruppe – und natürlich auch Menschen anderer Professionen. Im Falle von systematischer Ungleichbehandlung aber von Vergessen zu reden, klammert eine Menge aus. Und wenn man die Gründe nicht benennt, die wirklich ausschlaggebend waren, erfolgt keine Besserung.

Arbeiten wir aktiv gegen das Vergessen an?

Wie können wir also vorbeugen, um nicht in 50 Jahren wieder feststellen zu müssen: Ups, da gab es ja auch schon Künstlerinnen!? Gut ist es in jedem Fall, wenn wir aufmerksam bleiben: Wie sind die Künstlerinnen-Quoten in Ausstellungen, die wir besuchen? Welche Galerien vertreten Künstlerinnen – und wie viele? Werden Künstlerinnen wie ihre Kollegen bezahlt? Stehen sie in Standardwerken, lernen wir über sie in der Schule?

Fakt ist, dass nach wie vor viele Künstlerinnen „vergessen“ werden. Zum Beispiel dann, wenn in Bauhaus-Ausstellungen nur über die männlichen Bauhäusler gesprochen wird. Oder dann, wenn die Pioniere großer Stilrichtungen – Abstraktion, Expressionismus, Fotografie – allesamt Künstler sind. Wenn heutzutage eine Ausstellung umgesetzt wird, die keine einzige Künstlerin zeigt, aber den Anspruch auf Vollständigkeit oder zumindest Wissenschaftlichkeit hat, dann erfolgt das nicht aus Versehen. Dahinter stecken die gleichen Mechanismen wie vor hundert Jahren und daran wird sich nichts ändern, bis ganz strukturelle Dinge in unserer Gesellschaft anders laufen.

Clara Peeters: Still Life with Cheeses, Almonds and Pretzels, ca. 1605. Via Wikimedia Commons.

Es gibt Hoffnung

Kennt ihr die „Sandwich-Methode“? Wie ich eingangs schon sagte, wurde mir in der Schule eingebläut, mit den positiven Punkten zu beginnen. Dann durfte man so richtig seinen Shit losen und ordentlich kritisieren. Und enden sollte man wieder mit etwas Gutem. Ein Sandwich eben. Und so halte ich das auch hier:

Denn zum Glück gibt es zahlreiche Organisationen, Aktivist*innen und Künstler*innen, die aktiv darauf aufmerksam machen, dass es Ungleichheiten in der Kunst(geschichte) gab und gibt. Die Organisation AWARE („Archives of Women Artists, Research and Exhibitions“) zum Beispiel sammelt Informationen über Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Kunsthistorikerin Camille Morineau hat AWARE 2014 ins Leben gerufen, nachdem sie zuvor unter anderem die Ausstellung „[email protected]“ organisiert hatte, die ausschließlich Werke von Künstlerinnen zeigte. Die Schau war ein voller Erfolg und lockte 2,5 Millionen Menschen in das Pariser Museum.

Harriet Backer: By Lamp Light, 1890. Via Wikimedia Commons.

Das National Museum of Women in the Arts in Washington D.C. hat eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass durchschnittlich nur etwa drei bis fünf Prozent der Werke in den ständigen Sammlungen von Museen in Europa und den USA von Künstlerinnen stammen. Darum stellt das Museum ausschließlich Kunst von Frauen aus. Mittlerweile umfasst die Sammlung Werke von über tausend Künstlerinnen, vom 16. Jahrhundert bis heute.

Aus Florenz kommt die Organisation AWA („Advancing Women Artists“), die 14 Jahre lang verschiedene Werke von Künstlerinnen aus den Florentiner Museumsdepots restauriert hat. Insgesamt 70 Gemälden und Skulpturen verhalf sie so zu einem zweiten Leben und ließ Arbeiten von Künstlerinnen in neuem Licht erscheinen, die bisher in den Museumsdepots verborgen geblieben waren.

„Viele Künstlerinnen wurden nicht einfach vergessen, sie sind vergessen gemacht worden.“

Die Bildhauerin Edmonia Lewis, ca. 1870.

In Berlin zeigt etwa Das Verborgene Museum ausschließlich Werke von Künstlerinnen, die nicht mehr am Leben sind oder nicht mehr aktiv arbeiten. Die Retrospektive der Bildhauerin Louise Stomps in der Berlinischen Galerie ist zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Verborgenen Museum entstanden. So wie Stomps Lebensgeschichte werden viele weitere Künstlerinnen zum ersten Mal in der Öffentlichkeit gezeigt.

Das Aktionsbündnis „fair share!“ hat ebenfalls ein Auge auf aktuelle Entwicklungen und organisiert zum Beispiel Kundgebungen, Demonstrationen und Talks zum Thema Sichtbarkeit für Künstlerinnen. Auf Instagram teilen die Initiatorinnen Statistiken und Informationen zu Gleichberechtigung und Teilhabe.

Und natürlich gibt es auch großartige Ausstellungen, die ganz wunderbar über Künstlerinnen schreiben und sprechen, ganz ohne lahme Metaphern. So zum Beispiel die aktuelle Ausstellung „Here We Are! - Frauen im Design 1900 - heute“ im Vitra Design Museum, „CLOSE-UP" in der Fondation Beyeler oder „Know My Name“ in der National Gallery of Australia.

Lyubov Popova: Painterly Force Construction, 1921. Via Wikimedia Commons.

Und wir? Welche Worte können wir wählen? Auch Janine Mackenroth und Bianca Kennedy fragen: „Kann man vergessen werden, wenn man noch gar nicht bedacht wurde? Sprechen wir nicht eigentlich von ‚ignorierten‘, ‚übervorteilten‘ oder ‚hintergangenen‘ Künstlerinnen?“ Wie reden wir also am besten über solche komplexen Phänomene?

Natürlich ist es eine Möglichkeit zu sagen, dass Künstlerin XX zeitlebens nicht genug Aufmerksamkeit bekommen hat. Dass sie verdrängt, aktiv ausgeklammert oder missachtet wurde. Oder man benennt das Problem explizit: Dass die Strukturen der Gesellschaft dazu geführt haben, dass XX heute kaum noch bekannt ist – obwohl das natürlich nicht so schön reißerisch klingt wie „Forgotten Women“ oder „Lost Women Artists“.

Klar, es erzählt sich wunderbar, eine unbekannte Künstlerin auszugraben und „wiederzuentdecken“ – aber wie wäre es, wenn wir sie gar nicht erst in Vergessenheit geraten lassen?

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