Berlin Fashion Week SS22 – Die Highlights und das Fazit

War der Weggang der Modemessen der Todesstoß für die Berliner Modewoche oder der Neubeginn, den es gebraucht hat?

Die Berliner Modewoche liegt in ihren letzten Zügen. Klar, offiziell gehen viele Veranstaltungen, Pop-ups und Konzepte bis Sonntag, aber die MBFW Berlin ist offiziell am Mittwoch, den 8. September für beendet erklärt worden. Und auch mein Terminplan wird nun langsam wieder leerer und ich habe Zeit, die Events und Erlebnisse der letzten Tage nun einmal zu resümieren.

Diese Fashion Week war nämlich alles anders. Seit diesem Jahr gibt es in Deutschland zwei Modewochen: in Berlin und Frankfurt. Denn die Modemessen Premium und Neonyt haben Berlin verlassen. „Ist das der Todesstoß der Berlin Fashion Week?“, fragten sich nun alle. Denn die Messen brachten pro Saison mehr als 70.000 Besucher*innen in die Hauptstadt, laut Tagesspiegel bezifferte die Senatsverwaltung für Wirtschaft die Einnahmen auf rund 240 Millionen Euro.

Und dann passierte es doch: das große kleine Wunder. Im Juli wurde überraschend bekannt, dass die Berlin Fashion Week dieses Jahr zum ersten Mal seit Januar 2019 wieder vor Ort und nicht digital stattfindet – und das nicht wie sonst im heißesten Monat Juli, sondern Anfang September.

Ab sofort im September

Warum der September als Veranstaltungsmonat so wichtig ist? Weil sich Berlin damit zum ersten Mal in den internationalen Fashion-Week-Kalender einreiht. Naja, zumindest haben sie es versucht ... denn am 7. September startet die New York Fashion Week (zu der ja dank der strengen Einreisebeschränkungen eh kaum jemand aus dem Schengenraum einreisen kann) und danach geht es weiter mit London, Mailand und Paris. Aber hey, immerhin ist jetzt auch die Berliner Fashion Week im September, dem offizielle Fashion Month, denn dieser Monat gilt aufgrund der September Issues der Magazine ja als relevantester Monat der Modeindustrie. Und da nächste Woche, die Berlin Art Week startet, merkt man vielleicht auch hier schon, dass Berlin seinen Fokus in der Zukunft anders als Frankfurt setzen möchte.

Kommen wir nun also zur spannenden Frage: Ohne Messen und Zehntausende von Besucher*innen – wie war die Berliner Modewoche denn jetzt nun?

Fashion Week und Pandemie – Wie passt das zusammen?

Natürlich ist das alles während einer Pandemie schwierig zu beurteilen. Internationales Publikum fiel natürlich aus, von Influencer*innen, Journalist*innen und Presse aus dem Ausland fehlte jede Spur. Ob das aufgrund der Qualität der besagten Shows oder Designer*innen war, bezweifle ich stark, ich glaube, dass viele einfach noch nicht reisen wollen, bei den steigenden Inzidenzzahlen. Und das kann ich gut verstehen.

Was Corona noch verändert hat, war das Gefühl der Verpflichtung. Viele Veranstaltungen und auch Modeschauen fielen aufgrund der strengen Hygienemaßnahmen natürlich deutlich kleiner aus, die Gästelisten waren streng begrenzt. Hat man alles zu etwas zugesagt, ist man auch wirklich erschienen, weil man mehrere Akkreditierungsschritte durchlaufen musste, Daten angeben und QR-Codes aufs Handy bekam. Auch die Luca-App mit Ein- und Auschecken war allgegenwärtig – und das fand ich sehr positiv. Masken wurden in den Innenräumen strikt getragen und nur draußen abgesetzt. Sicher habe ich mich zu jeder Zeit gefühlt.

Klein, aber fein?!

Und so habe ich diese Fashion Week als so qualitativ empfunden wie schon lange nicht mehr. Es gab wenige, ausgewählte Schauen, sinnvolle, ergänzende Offsite Events und tolle Kooperationen von Galerien, Künstler*innen, Modedesigner*innen und Brands, die definitiv mit anderen internationalen Schauen mithalten können Aber muss sich Berlin überhaupt immer mit New York, London, Paris und Mailand vergleichen? Nein, das muss sie nicht, denn sie ist einfach anders. Und dieses Mal zum ersten Mal viel weniger kommerziell als in den letzten Saisons. Der Fokus lag auf Mode, auf Design, auf Kunst und vor allem auf Nachhaltigkeit – und dies auch endlich mit staatlicher Unterstützung des Senats und dem Fashion Council Germany als tragendem Mittelpunkt, der koordinierte, kreierte und kuratierte.

Man merkt, dass Berlin in der Pandemie erwachsen geworden ist – und dass das schaulustige Publikum, was durch Messen und zahlreiche kleine Offsite-Events wie Brunches, Gifting Lounges und Influencer*innen-Partys anzogen wurde, vielleicht zum finanziellen Erfolg bei Hotels, Restaurants und Shops beitrug, aber nicht zur Qualität der Modewoche selbst.

In dieser Saison standen weder Goodie Bags im Vordergrund, noch die lauteste, schrillste Modenschau oder der verrückteste Streetstyle. Im Gegenteil: Viele kleine deutsche Newcomer-Labels konnten durch das Aussetzen anderer großer Marken und Designer*innen, die mit lauten Schau-Konzepten ihre Wirtschaftskraft, aber nicht immer ihre Liebe zur Mode darstellten, zum ersten Mal richtig glänzen.

Denn wie immer im Leben gilt: Qualität vor Quantität. Und die Berlin Fashion Week hat bewiesen, dass sie die Modemessen nicht braucht. Sie ist erwachsen geworden und hat erkannt: „Nur wer seinen eigenen Weg geht, kann von niemandem überholt werden.“

Meine Fashion Week Highlights:

Der Berliner Salon

Die Berliner Modewoche mit dem Berliner Salon zu starten, hat sich angefühlt, wie nach Hause zu kommen. Schon seit Jahren ist der Salon mein absolutes Highlight im Terminplan und auch dieses Mal hat mich das Konzept überzeugt. Mit Timeslots und einer sehr großen, luftigen Location, nämlich dem Kraftwerk, fühlte sich die Gruppenausstellung ungewohnt groß an – und erhielt durch die Roughness des Kraftwerks fast schon den Charakter einer Vernissage.

Ausgestellt wurden 35 Designer*innen in und aus Deutschland unter dem Motto: „Committed to Responsibility“. Nachhaltigkeit war also der Fokus und das Gefühl hat man nicht nur in der Kuration der Brands, sondern auch der Ausstellung selbst. Die Figurinen hatten unterschiedliche Kleidergrößen und spiegelten mit verschiedenen Grautönen unterschiedliche Hauttöne wider. Mit dabei waren Größen wie William Fan, Horror Vacui, Aeyde, Odeeh, Lala Berlin, Lara Krude und Rianna + Nina, aber man konnte auch kleinere Brands wie Anna Auras, Diehm Bespoke, Société Angelique und Working Title Studios begutachten und dadurch besser kennenlernen.

Durch die Gruppenausstellung sind viele Labels auf meine Liste gewandert, die ich noch näher kennenlernen möchte. Ziel erreicht, würde ich also sagen!

Fassbender

Vielleicht war ich die letzten Jahre im Winterschlaf, aber irgendwie ist das Hamburger Design-Label Fassbender viel zu lange nicht auf meinem Radar aufgetaucht. Umso glücklicher bin ich, dass ich diese Fashion Week die Show vom Label, das 2017 von Christina Fassbender und ihrem Bruder Sebastian Steinhoff gegründet wurde und jetzt mit Unterstützung ihres Kreativdirektors Matthias Louwen die SS22-Designs vorstellte, gesehen habe. Denn schon beim Betreten der Location war ich vom Runway-Design mit Spiegeln und Sand hin und weg, nach den ersten fünf Looks war klar: Ich muss mehr über das Label erfahren!

Der Ort, der mit dem wunderschönen Set-Design repräsentiert wurde, war Ibiza. Ein Ort der Träume und Inspiration für Christina und Sebastian – und ja, ihre Kollektion war ein legerer Mix aus Hamburger Business Attire und balearischer Lässigkeit. Florale Halsketten und Armbänder trafen auf Power Suits und lange Mäntel, neben Naturtönen dominierte vor allem ein knalliges Blau.

Fassbender legt auch viel Wert auf Nachhaltigkeit, arbeitet mit innovativen Materialien und präsentierte in dieser Saison zum ersten Mal das vegane Desserto®Leder aus Kaktusfeigen. Die Denim-Designs, die nicht toxisch und nachhaltig gefärbt werden, kann man übrigens ab sofort kaufen.

Wird Zeit, dass wir auf BEIGE mal mit Christina und Sebastian sprechen, oder? Was meint ihr?

Studio2Retail im Alhambra Berlin

Studio2Retail. Das war diese Fashion Week wohl eines der meist gesagten Begriffe. Was es damit auf sich hat? Nun das Studio2Retail ist ein Projekt vom Fashion Council Germany und der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Das Ziel ist es, Berliner Designer*innen einem breiten Publikum vorzustellen und sie bekannter zu machen. Kurz gesagt: In der neuen It-Location am Ku'damm, dem Alhambra Berlin, stellen noch bis Sonntag deutsche Designer*innen ihre Mode aus – und können dort auch von Endkonsument*innen begutachtet – und bestellt werden! Zudem nahmen auch außerhalb des Concept Stores im Berliner Westen über 100 andere Brands, Einzelhändler*innen und Shops teil – und wurden auf einer Online-Karte mit speziellen Aktionen und Deals verlinkt.

Ich bezweifle tatsächlich, dass die teilnehmenden Brands mehr Umsatz gemacht haben, aber das Projekt hat eines klargemacht: In Berlin fehlt ein Concept Store wie das Alhambra Berlin, der sich einzig und allein auf deutsches Design fokussiert! Ja, das KaDeWe hat einige der größten deutschen Brands im Sortiment, allerdings liegt kein Fokus darauf. Und das ist schade!

Einen Ort zu haben, an dem man Nachwuchs sowie Designgrößen findet, bei dem nur das Talent zählt und so deutschem Design eine richtige Plattform gegeben wird, fehlt. Die große Frage ist nur: Wie würde so ein Store bei den Kund*innen ankommen? Und kann er sich finanzieren? Ich glaube, wenn dann an einem Ort wie dem Kurfürstendamm, wo die richtige Zielgruppe mit finanzieller Kraft sitzt. Und an einem Ort wie dem Alhambra, der mit einzigartigem Design und Eleganz besticht.

Offsite German Designers

Die Potsdamer Straße ist eines der belebtesten Kreativ-Viertel der Stadt. Hier treffen Kunstgalerien auf Architekturbüros und Concept Stores sowie internationale Brands auf kleine, elegante Restaurants. Englisch ist die Sprache der Straße, na gut, zumindest wenn man die Kurfürstenstraße nicht überquert. Es war also der perfekte Ort für das Offsite Event, das auch genau diesen Titel trug: Bei Offsite von Michael Sontag, Richert Beil, Weberei und William Fan wurde klar, dass Kunst und Mode unwiderruflich vereint sind.

In dem kleinen Space wurde ein besonderes Ausstellungskonzept umgesetzt: vier Berliner Designer kommen zusammen und inszenieren ihre Designs wie Kunstwerke – was sie streng genommen ja auch sind. Michael Sontag zeigte die Performance „Traces“, bei dem der Schaffensprozess des Designers auf spielerische Art und Weise dargestellt wurde. Richert Beil präsentierten ihre Mode auf dem Laufband und eine Fotoserie mit Fotografin Letizia Guel. Die Weberei bespielte den Space mit übergroßen Wandteppichen und William Fan tat sich mit Künstler Marius Glauer zusammen und gemeinsam kreierten sie drei Fotografien, die Stoffe abstrakt vergrößert zeigten.

Unterstützt wurde das ganze erneut durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe – und das Event war das beste Beispiel, dass die Berliner Modewoche am besten ist, wenn sie nicht kommerziell ist. Sondern sie sich frei von Druck, Vorstellungen und Normen macht und einfach kreativ wird.

William Fan

Wer mit hohen Erwartungen zur Berliner Modewoche kommt, der wird bei William Fan nicht enttäuscht. Schon seit Jahren hält die Berliner Größe die Fahne für die Fashion Week hoch und ist bei vielen seit einigen Saisons das absolute Highlight. Verständlicherweise. Denn anders als andere Berliner Brands kehrt William Berlin nie den Rücken zu und feiert mit den schönsten Locations jedes Mal eine andere Seite der Hauptstadt.

Nachdem die letzte Modenschau im Januar 2019 im Berliner Fernsehturm präsentiert wurde, waren alle gespannt, wohin diesmal die Reise geht. Es ging nach Pankow/Reinickendorf in die Wilhem Hallen, die sich in letzter Zeit einen Namen als industrielle Kunsthalle gemacht haben. In der ehemaligen Eisengießerei wurde die Kollektion namens „Neighbourhood“ präsentiert, die bewusst ohne Saison tituliert wurde.

Und William zeigte mal wieder, was er am besten kann: eine zeitlose, elegante und so essenzielle Garderobe, dass jeder aus dem Publikum bei einem Teil dachte: Das muss ich haben! Voluminöse Schnitte trafen auf funkelnden Schmuck und klassisches Tailoring auf exzentrisches Brokat. Ganz sicher ein Bestseller: die ikonischen Fan-Bags in neuen Größen und Mustern.

Es war ein Fest auf allen Ebenen. Danke, William! Und danke Dr. Hauschka, dass ich vorab Backstage einen Blick auf Make-up und Mode werfen durfte.

Malaikraraiss x Anna Zimmermann

Beim Eingang der Einladung musste ich kurz aufatmen: Ich hatte schon befürchtet, dass Malaikaraiss bei der Berlin Fashion Week aufgrund ihrer Präsentation auf der Kopenhagen Fashion Week im August fehlen würde, aber ein Glück bewahrheitete sich meine Vermutung nicht.

Zusammen mit Künstler*in Anna Zimmermann, mit der Malaika schon länger zusammenarbeitet, eröffneten sie Mittwoch den Experience Space am Moritzplatz in Berlin. Ein Ort, an dem man großflächige Werke der Künstlerin Anna Zimmermann sehen und kaufen kann, ebenso Vintage-Möbel von Anotherjune und natürlich auch Mode von Malaikaraiss. Hach Malaika, so ein Store steht dir gut, erst recht, wenn Anna für die Wanddeko sorgt. Ich wünschte, dieser Ort wäre kein Pop-up, sondern für immer dort. Ich würde immer wieder und wieder kommen!

  • Fotos Header & Home
    Janine Sametzky für William Fan

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...