Men's Fashion Week SS20: Zwischen Schlaghosen und männlichen Sluts

Felix hat die wichtigsten Trends und Shows für euch zusammengefasst

Es ist viel los auf der Welt: Vor einigen Tagen einigten sich 19 der G20-Staaten, die Pariser Klimaziele einzuhalten, in Taiwan ist die Ehe für alle eingeführt worden und mit etwas Glück hört die Generation Ü40 bald auf, das furchtbare Wort 'Digitalisierung' zu verwenden. Zur gleichen Zeit hielt man auf der Men’s Fashion Week in Paris Blumenprints und die 70er-Jahre für aufregend und relevant. Ich frage mich: Was ist hier los? Und halte an dieser Stelle eine bescheidene Analyse unseres Zeitgeistes für notwendig. 

High Fashion, das wissen wir alle, reflektiert, kritisiert und feiert die Dinge, die gerade auf der Welt geschehen. Dass dies in Deutschland ganz offensichtlich niemand tut, zeigt sich an der Berliner Fashion Week, die ausschließlich aus Shoppingcenter-Labels und DSDS-Viertplatzierten in den ersten Reihen besteht. Genau aus diesem Grund konzentrieren sich die ca. 17 modeinteressierten Deutschen auch ausschließlich auf Paris, Mailand und New York, um dort die erträglichen Kollektionen (auch die der deutschen Labels) zu sehen. Und so tat ich es auch.

Ein Trend, der die westliche Welt derzeit verändert, ist die Umstrukturierung der Geschlechterrollen, der dahinter stehenden Machtverhältnisse und auch des Konzepts von Geschlecht als solches. Nachdem die Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Stärkung der Frauen lange auf der Agenda standen, folgt nun die Realisation, dass auch Männer individuelle Wesen außerhalb stringenter Verhaltens- und Kleidungsreglementierungen sind und sein dürfen. Das zeigte sich bei Jacquemus beispielsweise, der für SS20 erstmals eine vollständige Männerlinie zeigte. Auch Louis Vuitton und GmbH waren wie üblich grandios. Mein voller Applaus ist allerdings für Hedi Slimane reserviert, sollte er im September nicht erneut trashige Partygirl-Looks von 2005 auf den Celine-Laufsteg senden. Ich drücke die Daumen.

Die 70er - Ich möchte das nicht!

Aber lasst uns on topic bleiben. Die Trends der aktuellen Pariser Men’s Fashion Week hießen eindeutig Gender, männliche Identität, japanische Ikonographie und … die 70er. Letzteres aus dem simplen Grund, dass die 90er bereits seit der letzten Saison und die 80er seit allen vorangegangenen Saisons als Inspiration vergriffen waren. 

Celine

Das bereits angesprochene Label Celine zeigte in seiner Männerkollektion klischeehafte 70er-Looks mit Schlaghosen und großkrägigen aufgeknöpften Hemden. Immerhin bestanden die Farbkombinationen nicht vollständig aus Erdtönen. Bei manchen Looks fehlte nur noch ein Schnauzer, um mir einen klaustrophobischen Geschmacks-Anfall zu bescheren. Muss der modische Mann von Morgen belastende Assoziationen von Western-Filmen, den Beatles und den Anfängen der Mainstream-Pornografie hervorrufen? Ich bin mir da unschlüssig.

Lemaire

Auch Christophe Lemaire nahm sich der 70er an und konnte mich immerhin mit seinen fließenden Stoffen und einer rundum feminineren Note gewinnen. Die Farbpalette war hier sogar angenehm gewählt: viel Weiß, Grau und Taubenblau mit Akzenten in Rot. Kann man machen.

Valentino

Die Show von Valentino verband das 70er-Thema mit Prints und Stickereien aus der japanischen Kultur. Eine interessante und vielleicht tatsächlich neue Kombination. Weit geschnittene Hosen (kein Schlag!), ultralange Hemden (oder waren es Kleider?) und großflächige Prints inspiriert von der japanischen Ikonographie und der Natur ergaben einen hübschen Mix. Umgehauen hat es mich allerdings nicht.

Florals, for Spring? Groundbreaking

Louis Vuitton

Doch kommen wir zu den guten Schauen dieser Fashion Week. Die Kollektion von Louis Vuitton war wirklich toll, das kann man nicht anders sagen. Für das Label, das seinen Umsatz zu 99 Prozent mit unerträglichen Handtaschen generiert, zauberte Virgil Abloh die mittlerweile dritte und erneut grandiose Kollektion. Dafür, dass er sich selbst nicht als Fashion Designer sieht, traut er sich was. Die ersten Looks der Show zeigten Kombinationen verschiedener Pastelltöne in locker geschnittenen, klassischen Silhouetten, gefolgt von abstrakten floralen Prints, dann Pink, dann Grau. Die Teile griffen Essentials der Männergarderobe auf, arbeiteten die Blazer, taillierten Hosen und Trenchcoats aber in einer modernen und aufregenden Weise um. Ich war mir bisher nicht bewusst, dass ich ein mehrteiliges Ganzkörpergewand aus grauem Tüll benötige. Virgil Abloh hat mich eines Besseren belehrt. 

„Ich war mir bisher nicht bewusst, dass ich ein mehrteiliges Ganzkörpergewand aus grauem Tüll benötige. Virgil Abloh hat mich einer Besseren belehrt.“

Gegen Ende der Show wurden Blumen und Blumenprints wieder präsenter, wozu popkulturell gebildete Gays vielleicht rufen würden: „Florals, for Spring? Groundbreaking.” (Das sagt Miranda Pristley in „The Devil Wears Prada“). Doch in diesem Kontext passte es einfach, tut mir nicht leid. Anschließend sahen wir die signature-Abloh transparenten Sportswear-Looks in helllila, gefolgt von dekonstruierten und tatsächlich high-fashion-anmutenden Kreationen. Taschen wurden zu Oberteilen, architektonische Zelt-Fragmente zu Shoulder-Pieces und ein Blumenfeld wieder zu einer Tasche. Man kann an dieser Stelle nur sagen, dass es Virgil verstanden hat, wie männliche Klassiker neu interpretiert werden können: so exklusiv wie lässig, aufregend und trotzdem tragbar, gender-fluid und interessant. Ich verzeihe dem Label langsam, dass ihr LV-Monogram für unsere Monokultur aufstrebender Carmen-Geiss-Persönlichkeiten verantwortlich ist.

Dior Homme

Ebenfalls schön, allerdings wie eine weniger aufregende Version der Louis-Vuitton-Show, wirkte Dior auf dieser Fashion Week. Die Looks waren simpel, gut strukturiert und zeigten einige florale Prints. Die Farben Knallpink sowie Pastell in jeglicher Abstufung kamen auch vor, blieben in ihrer Ausführung aber eher konservativ. Genau wie in den vorigen Kollektionen forcierte Kim Jones fließende Anzüge aus eleganten und schimmernden Materialien, die nach wie vor klasse aussehen. Trotzdem blieb der Dior-Runway im Vergleich zu Vuitton zu ähnlich und zu brav. 

90er-Raves & männliche Schlampen

GmbH

Ebenfalls gelungen war die Kollektion von GmbH. Das beste Beispiel für ein Berliner Label, das bei der nächstbesten Gelegenheit die Stadt der modischen Undankbarkeit verlassen hat und nun ausschließlich auf den relevanten Schauen dieser Welt zeigt. Die Materialien und das Leder der Kollektion waren vegan, das Polyester recycelt. Ist nämlich alles möglich, man muss es nur wollen. Stilistisch war Gott sei Dank nichts aus den 70ern zu bemerken. Der übliche GmbH-Flair eines 90er-Raves, das innerhalb einer Sekte stattfindet, mit anschließender Möglichkeit eines Raumschiffaufenthaltes oder Gartenparty, wurde erfolgreich versprüht. Die Show zeigte sowohl Männer als auch Frauen und stellte auf gekonnte Weise die Überschneidungen und Übertragbarkeit der Looks heraus. Die Männer trugen Röcke und kleiderähnliche Gewänder, die Frauen ihren nahezu identischen Hosenanzug. Außerdem muss man anmerken, dass das GmbH-Casting in Bezug auf Alter, Ethnie und Geschlecht kaum hätte diverser aufgestellt sein können. Nur jemand mit einem BMI über 17 hätte hier noch gefehlt. All-in-all eine gelungene Show, wenngleich body-negative.

Jacquemus

Und dann war da noch die Jubiläums-Show von Jacquemus, dem attraktivsten Designer aller Zeiten. Simon Porte Jacquemus zeigte am letzten Tag der Fashion Week nicht in Paris, sondern in einem Lavendelfeld in der Provence. Die männlichen und weiblichen Models liefen über einen pinken Teppich in den bekannten luftigen, eleganten und dennoch sexy Schnitten und Farben. Jacquemus ist nicht unbedingt der innovativste Modemacher aller Zeiten, trotzdem schafft er es, französische Klassiker frisch und jung zu interpretieren. Auch auf dem pinken Runway war Unisex-Mode ein erkennbares Thema, zu sehen waren viele Oversized-Blazer und -Anzüge, extravagante Hemden und winzige Accessoire-Täschchen um die Hälse der Models. Man kann es nicht genau beschreiben, aber der südfranzösische Appeal von Jaquemus ist einfach hot. 

Ludovic de Saint Sernin

Zu guter Letzt möchte ich noch auf die Show von Ludovic de Saint Sernin eingehen. Der junge Pariser, den vielleicht noch nicht alle kennen, zeigte seine Kollektion „Wet’n’Wild”, wie die gleichnamige amerikanische Kondommarke und der Look der Models. Durchsichtiges, Knappes und Klebriges trugen die Männer auf dem Laufsteg, eine ungewöhnlich explizite Zurschaustellung männlicher Sexualität. Eines der Models war nur mit einem beigen Handtuch bekleidet, oh my! Viele der Looks könnten durchaus als slutty bezeichnet werden – aus meiner Sicht eine Errungenschaft für den modernen Mann. Ludovics Kollektion war mutig genug, einen Schritt nach vorne zu machen, maskuline Kleidung neu zu konzeptualisieren und Geschlechtergrenzen weiter zu verwischen. Ich finde das gut. 

Mein Resumee

„Die Frauen können nicht alles auf der Welt regeln, ihr müsst schon mitmachen, liebe Mackers.“

Die Men’s Fashion Week in Paris: Viel Schlimmes und Uninspiriertes. Die 70er sollen und dürfen unser Leben nicht weiter bestimmen, auch wenn sie im Vier-Jahres-Rhythmus das inspirierende Jahrzehnt in der Mode sind. Was soll man machen?! Uninnovative Designs bei vielen Labels vermitteln mir Langeweile, etwas mehr Wagemut und Gender-Bending wären hier wünschenswert. 

Doch aktuelle Trends und konzeptuelle Designs, die den Esprit von Haute Couture tragen, gab es bei Louis Vuitton, interessante Styles bei GmbH und Sex bei Ludovic de Saint Sernin und Jacquemus. Das gibt mir Hoffnung. Insgesamt habe ich mir rund zehn Looks auf meinem Mac heruntergeladen, die mich wirklich beeindruckt haben. Das ist kein schlechter Schnitt. 

An dieser Stelle möchte ich noch einmal an unsere Rolle als kapitalistische Konsument*innen appellieren, wenn es um Themen wie Diversity und Gender geht. Visionär*innen aus der Mode lösen die Grenzen der Geschlechter vielleicht auf, die Männer müssen aber auch mitziehen. Wenn wir mal ehrlich sind, gibt es den Unisex-Trend seit den 80ern und Männer, besonders die deutschen, tragen auch heute maximal eine Skinny Jeans. Als Experiment. Mein abschließendes Manifest lautet also: Die Frauen können nicht alles auf der Welt regeln, ihr müsst schon mitmachen, liebe Mackers. Kauft also ein Kleidhemd, ein graues LV-Tüllgewand oder zumindest einen Anzug in einem Pastellton. Dann sind wir auf einem guten Weg. Und geht nicht zur Berlin Fashion Week, das bewirkt das Gegenteil. Au revoir!

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

  • Fotos
    Vogue Runway

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