Körperwelten – Vom Auf und Ab des Schwangerschaftskörpers 

After-Baby-Body? Für Ragnhild nach der Geburt ihrer zwei Kinder ein absolutes No-Go!

Ich, beziehungsweise mein Bauch, beziehungsweise meine Gebärmutter, haben zwei Kinder ausgetragen. Von winziger Zellgröße sind sie zu großen, gesunden Babys herangewachsen. Das konnte man nicht nur mithilfe des Ultraschalls beobachten, sondern auch sehr schön an meinem in alle Richtungen explodierendem Körper erkennen. Das hat mich anfangs sehr mitgenommen. Inzwischen bin ich aber selbstsicherer und will mit diesem ganzen After-Baby-Body-Gedöns nichts zu tun haben!

Ich war schwanger. Sehr schwanger. Es gibt diese glücklichen, elfenhaft anmutenden Frauen, die während der gesamten Schwangerschaft vielleicht acht oder zehn Kilo zunehmen und eine wirklich hübsche Babykugel vor sich spazieren tragen. Ich gehöre nicht dazu. Ich gehörte eher zu der Kategorie überdimensionales Walross. Zum Ende meiner beiden Schwangerschaften habe ich die plus 30-Kilo-Grenze geknackt.

Mein Körper veränderte sich in den neun Monaten immer so radikal, dass ich mich im Spiegel manchmal nicht wiedererkannte. Doppelkinn, Unterschenkel so dick wie die Oberschenkel, Wasser in Beinen, Fingern und Füßen. Das Rundumpaket. Bei meiner ersten Schwangerschaft sind auch Tränen geflossen. So viel Gewichtszunahme in so wenig Zeit. Ich bin eher klein und fand meinen Körper vor der Schwangerschaft ziemlich gut. Kleiner Busen, kleiner Hintern, halbwegs flacher Bauch. Ich konnte essen, was ich wollte und musste nicht einmal viel Sport treiben, um das alles irgendwie in Form zu halten. Die Schwangerschaft machte meinen Körper allerdings zum Hefeteig, dem man Tag für Tag beim Aufgehen zuschauen konnte. Langer Rede kurzer Sinn trotz (oder vielleicht gerade wegen) meines Dickseins habe ich zwei rundum gesunde Kinder natürlich auf die Welt gebracht. Und darauf war ich erst mal mächtig stolz!

Da ich im Vorfeld schon viel über Geburt und das Danach gelesen hatte, konnte mich mein Wochenbetts-Bauch, der kurz und bündig ein einziger Schwabbel war, nicht sehr erschrecken. Mir war schon klar, dass nach der Geburt nicht alles wieder sofort in seine alte Form zurückspringen würde. Meine Tochter konnte ich sehr gut stillen, was ich dann auch über ein Jahr lang gemacht habe. Man sagt, das trägt zur schnelleren Gewichtsabnahme bei. Ich habe ganz normal gegessen und mein Körper wurde langsam aber sicher wieder genau das: mein Körper. Ich passte wieder in Hosen, sogar in die ganz alten, sehr engen. Und obwohl Röhrenjeans schon längst aus der Mode waren, konnte ich mir nicht verkneifen ab und an eine zu tragen, einfach, weil ich es wieder konnte. Dieser ganze Prozess hat aber beinahe ein Jahr gedauert und ich bin keineswegs eine Frau, die nach acht Wochen wieder in ihre Hosen passt. Die gibt es, und ich gönne es ihnen von Herzen. Aber es ist ganz schön nervig und kostspielig, Hosen von XL bis XS kaufen zu müssen, weil der Körper nur so langsam wieder zu seiner alten Form findet.

Bei meiner zweiten Schwangerschaft funktionierte das Hefeteigprinzip viel schneller. Nach nur acht Wochen Schwangerschaft musste ich schon auf den Haargummitrick zurückgreifen (siehe Titelbild, das allerdings erst vor einem halben Jahr, also post-schwanger entstanden ist). Mein Hintern und meine Oberschenkel wuchsen ins Unermessliche, Kim Kardashians Hintern war nichts gegen meinen! Aber bei der zweiten Schwangerschaft konnte ich mich besser damit abfinden. Ich wusste, dass ich die Kilos irgendwann wieder runterbekommen würde. Also alles ganz entspannt. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht. 

Ein mal starker Beckenboden für alle, bitte!

Noch heute, 15 Monate nach der Geburt meines Sohnes habe ich noch nicht mein Wohlfühlgewicht zurück und passe auch noch immer nicht in alle Hosen. Ich habe Cantienica als Rückbildungssport gemacht und dabei sehr viel über meine Haltung, meinen Körper und natürlich über meinen Beckenboden gelernt. Der wird während der Schwangerschaft und unter der Geburt ziemlich strapaziert und leiert aus. Da er aber wie eine Hängematte die Blase und die Gebärmutter hält, ist ein gesunder Beckenboden für jede Frau (und auch jeden Mann, trotz der fehlenden Gebärmutter) sehr wichtig.

Auch eine leichte Rektusdiastase bleibt mir als Andenken an die zweite Schwangerschaft. Klingt irgendwie nach Hämorrhoiden, hat aber nichts mit dem Hintern zu tun. Die Rektusdiastase beschreibt das Auseinanderdehnen der vorderen Bauchmuskeln. Die werden während der Schwangerschaft sozusagen nach außen gedrückt, damit das Baby nicht von den Muskeln eingeengt wird und der Bauch schön wachsen kann. Durch viel ganzheitliches Beckenbodentraining bildet diese sich bei den meisten Frauen wieder ganz zurück, bei manchen bleiben die Muskeln aber auch ein paar Millimeter oder sogar ein paar Zentimeter voneinander getrennt. Bei mir sind es nur noch ein paar Millimeter, aber auch die machen sich an meiner Hosengröße bemerkbar. 

After-Baby-Body ist der größte Scheiß!

So, nun zum wichtigen, allgemeingültigen Teil. After-Baby-Body ist der größte Scheiß! Es verunsichert Frauen enorm, dass sie nach acht Wochen nicht wie Heidi Klum nach ihren Schwangerschaften auf den Catwalks von Victoria's Secret aussehen. Kleiner Reminder: Wahrscheinlich saht ihr alle auch vor der Schwangerschaft nicht aus wie Heidi Klum. Ihr habt keinen Personal Trainer, keinen Personal Koch, keine Personal Nanny, keine Personal Ernährungsberaterin. Richtig? Richtig! Stars sind NIE ein Maßstab. Und wie oben schon erwähnt, manche Frauen passen nach acht Wochen wieder in ihre Klamotten, manche passen nie wieder rein. So what?

Der weibliche Körper verändert sich ständig. Bei mir (und den meisten) sogar monatlich kurz vor und kurz nach der Periode. Ich sag nur Blähbauch und Riesenbusen (was ich übrigens auch erst seit der zweiten Geburt habe, vorher hat mein Körper sich während der Periode überhaupt nicht verändert). Wir haben alle unsere individuelle Körpergeschichte. Und alle Mütter haben einen After-Baby-Body, ist ja klar. Vielleicht müssen wir das Wort einfach nur neu definieren!

Und mehr hier von. Normalität und Natürlichkeit!

Mein Busen sieht im richtigen Winkel aus, als wäre er 80 Jahre alt, weil er von einem Mini-B-Körbchen auf einen Doppel-F-Atombusen angeschwollen ist. Und eben auch wieder abgeschwollen. Also sehr viel Haut für sehr wenig Füllung. Und ja, auch mein Bauch gleicht nach der zweiten Schwangerschaft eher einer Kraterlandschaft. So stelle ich mir die Oberfläche des Mondes vor. Käseweiß und furchig. Meine Oberschenkel, mein Hintern, meine Unterschenkel  und Oberarme weisen Dehnungsstreifen auf. Eigentlich habe ich sie am ganzen Körper. Manche Frauen haben sie sogar noch ausgeprägter. Und ja, ich muss zugeben, bisher war ich noch nicht im Bikini am Strand. Das ist zum einen Corona und meiner völligen Unlust an Strandurlaub geschuldet, zu einem kleinen Teil aber natürlich auch meinem neuen Bauch. Ich habe mir einen schönen Badeanzug gekauft, in dem ich mich sehr wohlfühle. Denn irgendwie habe ich keine Lust auf komische Blicke.

Die meisten Menschen gehen eben noch immer vom Heidi-Klum-Ideal aus (ich weiß gar nicht, warum ich die immer anbringe, ihre After-Baby-Body-Transformation ist mir wohl für immer ins Gedächtnis gebrannt). Leute könnten denken, dass ich mich gehen lasse. Was ja eigentlich nur mein Problem sein sollte. Und doch ist da im Kopf immer wieder diese kleine fiese Stimme: „Mach mal wieder Sport, du könntest besser aussehen, wenn du dich nur ein bisschen bewegen würdest.“ Sport tut natürlich in jeder Gewichtsklasse und jeder Lebenslage gut. Gar nicht so sehr, um Gewicht zu verlieren, sondern einfach, um sich gestärkt zu fühlen. Und sein Körpergefühl nach einer Schwangerschaft zurückzubekommen. 

Dein Baby braucht deine Weichheit zum Kuscheln!

Denn nach einer Schwangerschaft ist erst mal alles weich. Organe müssen wieder an ihren Platz finden, die Bauchmuskeln schließen sich, der Beckenboden ist anfangs selten spürbar. Sanfter Sport hilft also nach einer Geburt ungemein, seinen Körper wieder zu fühlen. Seitdem ich immer mal wieder ein bisschen Rückbildung und Yoga mache und Videos von Fitnesssternchen nachturne, fühle ich mich um Welten besser und stärker. Aber ich schaffe es eben leider nur selten und habe sportmäßig gesehen immer wieder Durststrecken.

Diese ganze Jagd nach dem tollsten Gewicht, der best sitzenden Jeans, dem größten Thigh Gap – wegen meiner Unfähigkeit der perfekten Bein-Pose bis heute unerreicht – ist doch irgendwie ganz schön krank. Weil wir in einer Welt des Überflusses leben ist Verzicht und Selbstkasteiung bis zu gestörten Essgewohnheiten im Mainstream angekommen. Alle hecheln im Fitnessstudio, machen Low-Carb, zerdenken die Kugel Eis lieber, anstatt sie einfach zu essen. Genuss sollte ja irgendwo im Leben auch noch Platz haben.

Ich empfehle allen, die sich so unfassbar viele Gedanken über ihr Gewicht machen, einfach mal schwanger zu werden. Natürlich im Scherz. Aber wenn man erlebt hat, was der eigene Körper unfassbares vollbringen kann, wird man milder mit sich. Wenn man sein Kind betrachtet und sich wirklich einmal bewusst macht, dass es aus dem eigenen Bauch kommt, sind die paar überschüssigen Kilos oder der hängende Winkearm nur noch zweitrangig.

Andere sollten übrigens auch milder mit Schwangeren und jungen Müttern sein. „Du hast aber einen großen Bauch“, ist nie ein Kompliment für eine Schwangere, auch wenn es nicht böse gemeint ist. Die Veränderung ist körperlich und auch psychisch schon anstrengend genug, Bauchvergleiche braucht da wirklich keine! Und auch die Frage: „Machst du schon wieder Sport?“ bringt niemandem etwas. Im besten Fall macht die Frau schon wieder Sport und findet ein bisschen Zeit für sich. Im schlechtesten Fall leidet sie unter chronischem Schlafmangel, findet für ihre Stillbrüste keinen passenden Sport-BH und hat zwischen Babyfüttern und Babytrösten sowieso nur zehn Minuten am Tag für sich selbst. Die mit Sport füllen? Da esse ich lieber ein Stück Schokolade. 

  • Fotos
    Ragnhild Deschner

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