Wie Phoenix aus der Asche: Die Trends der Men's Fashion Weeks

Make Menswear Great Again!

Ich stimme mit dieser Aussage natürlich nicht überein, doch traditionell wird das männliche ja gerne als das stärkere Geschlecht bezeichnet. Es mag sein, dass ihr Herren uns vielleicht in Sachen körperlicher Stärke ein klein wenig hier und da überlegen seid. Wenn es bisher jedoch eine Disziplin gab, in der wir Frauen euch nicht nur das Wasser reichen, sondern euch um Meilen hinter uns lassen konnten, dann war es die Mode.

Genauer gesagt die internationalen Fashion Weeks. Die Männerschauen sind in der Modewelt das Pendant zur Frauenfußball-WM: Theoretisch stehen sie der andersgeschlechtlichen Ausgabe in nichts nach und sind ihr, im Gegenteil, in Sachen Handwerkskunst oder Innovation größtenteils sogar ebenbürtig – doch sie interessieren irgendwie nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Mode, das war bisher das Terrain der Frauen.

Bis? Ja, bis jetzt. Bis zu der Tour de Force, die die Herbstkollektionen 2019 der Männer waren. Die Fachpresse überschlug sich ob der kreativen, bunten, artistischen Leistungen, die dort auf den Laufstegen abgefeuert wurden. So viel subversiver Diskurs, so viel Kreativität, so viel Innovation und Mut – das hatte es lange nicht mehr, wenn nicht gar noch nie gegeben. Schauen wir doch mal auf die wichtigsten – und vor allem umsetzbarsten – Trends, die den modischen Mann in einem Jahr erwarten.

„... it took place at the center of a perfect storm of political, social, and economic upheaval and a global conversation about masculinity, gender, diversity, and identity politics.“

Steff Yotka, VOGUE

Tailoring

Mann trägt wieder Anzug. Das war wohl die eindeutigste Botschaft, die die Designer in ihren Visionen eines gut gekleideten Mannes für den Herbst 2019 über den Laufsteg geschickt haben. Verwundert nicht so sehr bei einem Hedi Slimane für Celine. Denn auch für seine erste Männerkollektion hat sich der Designer, wie auch schon bei seiner umstrittenen Debütkollektion für das französische Modehaus, an sich selbst orientiert: schmal geschnittene Anzüge, ein Hauch Siebziger und Topfschnitt.

Beim unisex Brand GmbH wirkte dieser Approach schon überraschender und gelang, durch oversized geschnittene und mit glänzenden Logos versehene Satinhosen und doppelreihig geknöpfte, breitschultrig geschnittene Blazer und Mäntel, sehr gut. Virgil Abloh stapelte gleich mehrere Lagen Männlichkeit übereinander bis eine groteske, neue Vision vom Mann-Sein entstand. Und bei Dior ließ sich Kim Jones von den Statuen und in Stein gemeißelten Helden in den Parks von Paris inspirieren.

Animals

Platz zwei der eindeutigsten Trend-Strömungen bekommt ein Thema, dass man bisher eher bei den Damen verortet hatte: Tiermuster. Eine wahre Wildkatzen-Parade lief da von MSGM über Marni, Sacai, Givenchy und bis Celine und Issey Miyake über die Runways. Besonders schön zu sehen: Der Evergreen der ausgefahrenen Krallen bekommt ordentlich Konkurrenz und alle, die Angst haben, dass sie wie eine männliche Variante von Donatellas Idee einer sexy Lady daherkommen, können sich auf eine große Portion Tiger (sprich: Tieeescher) freuen.

Ganz subtil funktionierte es bei Dior Men in Form von Drapierungen. Sprichwörtlich wild wurde es bei Neil Barrett, der sich wohl nicht auf eine Großkatze festlegen wollte. Raf Simons erster öffentlicher Auftritt nach seinem Ausscheiden bei Calvin Klein wurde zum vollen Erfolg: Seine Vision vom modernen Mann war stark, anspruchsvoll und so visionär wie eh und je. Versace Men indes bleibt zugegebenermaßen noch immer was für die Mutigen unter euch.

Keine Regeln mehr

Oder, wie die Vogue es im Falle von Jonny Johanssons Kollektion für Acne Studios nannte: eine neue Perspektive. Einfach mal einen Standpunkt einnehmen, den vorher noch nie jemand gewählt hat und der vielleicht auf den ersten Blick nicht wirklich Sinn ergibt. Für Loewe war es der deutsche Prozesskünstler Franz Erhard Walther, von dem sich Chefdesigner Jonathan Anderson inspirieren ließ. Kleidung als Performance. Wie auch bei seinem eigenen Label JW Anderson gehen Formen, Farben und Material eine spannende Symbiose ein.

Für Undercover stand fest: Edgar Allan Poe war ein Zeitreisender! Und so hätte das dann aussehen können – mit einer Prise Kubrick. Unsere Neuentdeckung der Saison? Ludovic de Saint Sernin! Marie hat den Designer bereits in den News mit euch geteilt. Ich greife dieses Lob erneut auf und beklatsche die Attitude Ludoviucs, dass nun auch für Männer die Zeit gekommen ist, ihren Teil vom Glam-Kuchen abzubekommen. Also, Männer, fangt doch einfach wirklich an das zu tragen, worauf ihr Lust habt!

Noch mehr Scheiss-drauf-ich-trage-das-jetzt-einfach-Attitude gab's bei Pigalle, Kiko Kostadinov, Off-White und Ambush.

„It’s time guys get {...} the freedom to wear whatever!”

Ludovic de Saint Sernin

Workwear

Francesco Risso hatte für seinen Marni-Mann ein Enfant Terrible aus dem Paradies im Kopf. Jemanden, der anpackt und keine Lust mehr hat mit anzusehen, wie unsere Welt zugrunde geht. Erdverbunden, kämpferisch, gleichzeitig desillusioniert und bereit, in einer schlechteren Version unserer Welt zu leben. Und auch bei Jacquemus' zweiter Männerkollektion ging es solide zu – wenn auch weniger düster. Traditionelle französische Arbeitskleidung stand Pate als Inspiration und es scheint, als wäre diese Rückkehr zum schlichten Leben, in dem die Hände die Arbeit verrichten und man sich noch auf Dinge verlassen kann, gleichen Ursprungs wie bei Risso. Ja, der Klimawandel geht auch an der ignoranten Modewelt nicht einfach vorbei.

Stella McCartney ist bekannt dafür, bei ihren Kollektionen so nachhaltig wie möglich zu arbeiten. Recycelter Kaschmir, vegane Schuhe ohne Kleber, umweltschonende Produktion. Vielleicht sieht sie den modernen Mann als Kämpfer für diese Werte und steckt ihn daher in eine Kombination aus klassischer Arbeitskleidung im Camouflage-Look? Kenzo interpretierte die Workwear gewohnt bunt und ironisch. Weitere Labels, die hier tollen Input lieferten? Prada, MSGM und JW Anderson.

Diversity

Models of Colour machten schon mehr als ein Drittel der Männer auf den Laufstegen und Präsentationen aus. Brands wie GmbH casteten Models jenseits der (geschätzten) 45 Jahresmarke – es war ein sehr buntes und lebendiges Bild, das sich den Zuschauern bot. Und es machte unheimlich Spaß, endlich so viel Diversität auf den Fashion Weeks zu sehen.

Hier kann sich das Casting der Frauen in jedem Fall noch eine große und dicke Scheibe abschneiden. Was sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen noch immer in den Kinderschuhen steckt, ist die Repräsentanz von Konfektionsgrößen jenseits der traditionellen und überholten Modelmaße. Ich habe den seichten Verdacht, dass sich diese Entwicklung bei den Männern schneller vollziehen wird als bei den Frauen. Aber ich bin immer offen für Überraschungen.

Bis dahin ein großes Bravo für so viel Repräsentanz!

Ihr müsst kein Jahr warten, um die Looks zu shoppen!

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